Geschichte hinter den Büchern

21. Februar 2019

Etwas versteckt, im Untergeschoss des Philosophicums der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), liegt das Mainzer Verlagsarchiv (MVA). Neben rund 13.000 Büchern, Zeitschriften, Video- und Tonkassetten finden sich hier zahlreiche Originalmanuskripte, wertvolle Faksimiles, Korrespondenzen, Verträge und Cover-Entwürfe. Prof. Dr. Stephan Füssel, Leiter des Arbeitsbereichs Buchwissenschaft, gründete das Archiv im Jahr 2009. Seitdem wächst es kontinuierlich.
 

Regelmäßig stellten die Lektoren Kisten vor ihre Bürotüren. Mal enthielten sie durchgesehene Manuskripte, mal Korrespondenzen mit Autorinnen oder Autoren. Alles, was erledigt war und im Tagesgeschäft störte, wurde so entsorgt. "Es kam dann in den Keller", erzählt Prof. Dr. Stephan Füssel. So ging das über Jahrzehnte beim Rowohlt-Verlag im Hamburger Vorort Reinbek. "Dort fehlten einfach die Zeit und das Personal, sich um diese Unterlagen zu kümmern."

Irgendwann kam die Frage auf: Wohin mit dieser Unzahl an Kisten und all den anderen Dokumenten und Buchbeständen, die sich angesammelt hatten? Das Deutsche Literaturarchiv (DLA) in Marbach meldete Interesse an, jedoch nur für ein kleines Segment, die deutschsprachige Literatur, etwa zehn Prozent des Umfangs. Das Verlagsprogramm allerdings ist entschieden breiter aufgestellt, es umfasst Kinder- und Jugendbücher, Sachbücher und Übersetzungen. Die Werke Ernest Hemingways etwa erschienen auf Deutsch erstmals bei Rowohlt.

Rowohlts Kellerkisten für die JGU

Füssel reagierte prompt: "Wenn das DLA es nicht nimmt, werden wir es für unsere Studierenden nehmen." Er holte Kolleginnen und Kollegen, aber auch die Studierenden zu Hilfe: Sie machten sich in Reinbek ans Packen. So entstand 2009 das Mainzer Verlagsarchiv (MVA) am Arbeitsbereich Buchwissenschaft der JGU.

Heute nimmt das Archiv eine ganze Reihe großer Kellerräume im Untergeschoss des Philosophicums ein. Hunderte von Regalmetern sind hier allein schon mit den Belegexemplaren der diversen Rowohlt-Buchreihen gefüllt, darunter die Rotfuchs- und Panther-Jugendbücher, die gelb-rückigen "rororo aktuell"-Taschenbücher oder die bei Schülern und Studierenden einst so beliebten illustrierten Monografien, zu denen Füssel selbst einen Band über Johannes Gutenberg beitrug.

Ein Raum des MVA ist besonders hergerichtet: Er enthält eine lange Regalvitrine mit repräsentativen Stücken aus dem Archiv. "Jeden Verlag, der im Archiv vertreten ist, stellen wir hier auf jeweils einem Meter vor", erklärt Füssel. Der Rowohlt-Meter glänzt mit Hemingway. Frühe Ausgaben von "Der alte Mann und das Meer" und "Schnee am Kilimandscharo" mit den zeittypischen Buchumschlägen sind zu sehen. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg hatte der Verlag erste Übersetzungen der Werke des späteren Literaturnobelpreisträgers herausgebracht. Nach dem Krieg ging diese Arbeit weiter.

"Nach der Archivgründung wandten sich weitere Verlage an uns, denen die Manpower fehlte, ein eigenes Archiv zu unterhalten", erzählt Füssel. So kamen Bücher und Unterlagen des Rotbuch-Verlags nach Mainz, der in den 1970er- und 1980er-Jahren als wichtige Plattform für die politische und literarische Linke galt. Dario Fo war der wohl prominenteste Autor des Hauses. In der Vitrine stehen schmale Taschenbücher mit nicht mal hundert Seiten Umfang: Sie wurden unter Hochdruck produziert, als Fo 1997 den Literaturnobelpreis erhielt. Füssel greift ein Exemplar heraus und schaut auf den Umschlag: Für stolze 16,80 D-Mark ging es damals über die Ladentheke.

Engagiertes Verlegerehepaar

Das Verlegerehepaar Dr. Sabine und Kurt Groenewold überschrieb nicht nur die Rotbuch-Dokumente ans MVA, es brachte auch die Archive ihres Syndikat Verlags und der Europäischen Verlagsanstalt mit. Die beiden sind ein Glücksfall für die JGU, denn sie engagieren sich in herausragender Weise für das Archiv: Unter anderem stifteten sie ein Stipendium für Studierende, die sich in ihren Bachelor-, Master- oder Doktorarbeiten mit den Beständen des MVA auseinandersetzen. "Im Moment sind wir im Gespräch, ob wir einen Preis für herausragende Arbeiten ausschreiben", erzählt Füssel.

Als der Mannheimer Brockhaus-Verlag 2009 aufgelöst und seine gesamte wissenschaftliche Redaktion geschlossen wurde, wandten sich die Verantwortlichen ebenfalls an das MVA. "5.000 laufende Regalmeter an Dokumenten und Büchern wollten sie bei uns unterbringen. Wir mussten ihnen sagen, dass wir so etwas nicht leisten können. Schließlich betreiben wir das Archiv mit einer Mitarbeiterin auf einer halben Stelle." Dennoch schickten die Mannheimer einiges nach Mainz. "Wir verfügen zum Beispiel über Notariatsakten zu den Beständen des Verlags, die 1944 bei der Bombardierung von Leipzig vernichtet wurden."

Eine Besonderheit im Archiv sind die Bände des ebenfalls aufgelösten Faksimile-Verlags Luzern/München, die vollständig vorliegen. Es sind größtenteils möglichst originalgetreu nachgebildete Exemplare wertvoller Handschriften. Das Krönungsevangeliar Karls des Großen etwa stellt auch in der opulenten Nachbildung eine beträchtliche Anlage dar: 48.000 D-Mark kostete es damals die Sammler.

Aber bei solchen Summen hält sich Füssel nicht lange auf. Über den materiellen Wert des Archivs, der sowieso unmöglich einzuschätzen ist, redet er nicht viel. Lieber erzählt er von der Bedeutung für Forschung und die Lehre. "Gerade erstellen wir im Auftrag des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels einen Band zur Geschichte des deutschen Buchhandels nach 1945." Dabei helfen die Bestände des Archivs, die Rechnungen, Angaben zu Auflagenhöhen und vieles mehr enthalten. Um solch seltene und ungewöhnliche Unterlagen einzusehen, sind regelmäßig auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von auswärts zu Gast.

Basis für Forschung und Lehre

Ein weiteres Beispiel dafür, welch interessante Stücke das Archiv bereithält, liefert der Frankfurter Verlag "Weissbooks", der 2008 von Dr. Rainer Weiss und Anya Schutzbach gegründet wurde, nachdem sie den Suhrkamp-Verlag verlassen hatten. Dort waren sie als Programmgeschäftsführer beziehungsweise Marketingleiterin tätig gewesen. "Sie beauftragten drei Agenturen mit der Ausarbeitung eines Corporate Designs. Wir haben sämtliche Unterlagen der Entwürfe hier."

Das Archiv ist ein wichtiger Baustein für das Buchwissenschaftsstudium, seine Materialien dienen häufig als Grundlage für Seminar- oder Abschlussarbeiten, und auch als wissenschaftliche Hilfskräfte sind die Studierenden gefragt. Das Archiv dient darüber hinaus als Bindeglied zu Spezialisten aus der Verlagsszene, die Füssel und sein Team immer wieder zu Lehrveranstaltung einladen. So ist Dr. Uwe Naumann, ehemals Sachbuch-Lektor bei Rowohlt, ein gern gesehener Gast, genau wie Dr. Sabine Groenewold, die ihre Expertise als Verlegerin weitergibt.

Entwürfe für Buchumschläge, Hunderte von unveröffentlichten Manuskripten, Korrespondenzen zwischen Verlegern, Lektoren und Herausgebern – all das ist im MVA zu finden. Und das Archiv wächst immer weiter: "Weissbooks" etwa sendet ständig Unterlagen und Belegexemplare, und Rowohlt hat anlässlich seines Umzugs nach Hamburg seinen Keller in Reinbek noch mal durchforstet. "Wir haben gerade 28 Kubikmeter an Dokumenten hinzubekommen", erzählt Füssel. All das will bearbeitet und erforscht werden. "Aber in Archiven läuft die Zeit langsamer", beruhigt der Buchwissenschaftler. Es drängt also nicht allzu sehr, auch wenn es spannend wäre, jetzt schon in diese neuen alten Kisten zu schauen, die sich im Keller des Philosophicums der JGU stapeln.