Lernen im Land der Freiheit und der schmalen Straßen

30. August 2012

Die deutsche Sprache ist nicht schwer und es kann sehr viel Spaß machen, Deutsch zu lernen – so das Credo von Michaela Küper und ihrem Team. Beim 64. Internationalen Sommerkurs der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) haben 115 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 31 Nationen nicht nur die Sprache, sondern auch das Land entdeckt.
 

Ein wenig wundert sich Kumushai Suiunduk kyzy schon über Deutschland. "Es gibt hier so viele Gesetze und die Leute befolgen sie auch noch. Man geht hier nicht mal bei Rot über die Straße." Der Kirgisin gefällt die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt, in der sie im August 2012 zu Gast war, aber sie ist auch überrascht: "Die Straßen sind so schmal. Bei uns sind sie viel breiter."

Suiunduk kyzy hat sich für den 64. Internationalen Sommerkurs der Johannes Gutenberg-Universität Mainz angemeldet. Insgesamt 115 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 31 Nationen sind in diesem Jahr auf den Campus gekommen, um hier Deutsch zu lernen oder ihre Sprachkenntnisse zu vertiefen. Und um Deutschland, Rheinhessen und Mainz zu entdecken – ob beim Gang über den Wochenmarkt, auf einer Rheinfahrt, beim Besuch in Heidelberg oder abends in der Disco.

Hoher Anspruch an die Lehrenden

"Wir bieten unseren Sommerkurs-Studierenden ein Drei-Wochen-Rundum-Betreuungspaket, wenn sie es wollen", erzählt Michaela Küper. Zum 13. Mal schon leitet sie den Sommerkurs. Ihr Team besteht aus 15 Lehrenden und sieben studentischen Tutoren. "An die Lehrenden stelle ich hohe Ansprüche. Eine Ausbildung im Bereich Deutsch für Ausländer ist Pflicht, daneben sollen sie einige pädagogische Erfahrungen mitbringen."

Die studentischen Tutoren kümmern sich um all die Dinge jenseits des Unterrichts. "Sie ermöglichen die Ansprache auf ganz anderer Ebene." Schließlich studiert das Gros der Kursteilnehmer ebenfalls, da ist die Schwelle niedrig, der Kontakt ist schnell hergestellt.

Als Studierende kam Dr. Dana Drmlová zum Sommerkurs nach Mainz. Das war 1988. Sie studierte damals Deutsch. "Später konnte ich als Tutorin in Mainz dabei sein, dann als Lehrerin", erzählt Drmlová, die dafür jedes Jahr aus Tschechien anreist. "Der Unterricht hier stellt mich vor ganz andere Herausforderungen als der zu Hause an der Universität Prag. Im Sommerkurs habe ich eine sehr heterogene Gruppe, Menschen aus vielen Nationen sind dabei. Oft ist nicht klar, auf welchen Kenntnisstand ich aufbauen kann oder wofür sich die Teilnehmer interessieren. Ich muss viel improvisieren."

Zehn Sprachklassen für 115 Schüler

Zehn Sprachklassen bietet der 64. Internationale Sommerkurs, unterteilt in Unter-, Mittel- und Oberstufe. Die Klassen bleiben klein. Drmlová zum Beispiel unterrichtet in diesem Jahr in einem Kurs 13 Schülerinnen und einen Schüler. "Das ist ein extremes Zahlenverhältnis", sagt sie, "aber generell sind die Frauen schon in der Überzahl." Sie stellen rund zwei Drittel der Teilnehmer.

Auch Sofi Torosyan aus Armenien lernt in Drmlovás Klasse und hat sich hier mit Suiunduk kyzy angefreundet. Sie sind gleichaltrig, beide sprechen Russisch – das verbindet. Torosyan studiert in der armenischen Hauptstadt Jerewan Jura. Bald wird sie dort ihren Bachelor machen. Und für die nächste Zukunft hat sie einen Plan gefasst: "Ich will nach Mainz kommen und hier weiterstudieren." Die beiden jungen Frauen haben schon in ihren Heimatländern Deutsch gelernt. Suiunduk kyzy studiert Germanistik und besucht in Mainz die Mittelstufe. "Im Unterricht hier können wir viel mehr mit der Sprache spielen", erzählt sie. "Es ist weniger ernst und streng als bei uns."

Mit Freude Deutsch lernen

"Tatsächlich läuft es bei uns anders ab, als es viele Teilnehmer aus dem Sprachunterricht in ihren Heimatländern gewohnt sind", sagt Küper. Strenger Frontalunterricht, passives Aufnehmen von Lernstoff – davon will sie nichts wissen. "Das geht auch ganz anders, motivierender. Deutsch gilt ja als schwere Sprache. Wir wollen die Erfahrung bieten: Deutsch kann man lernen, sogar mit Freude."

Drmlová unterteilt ihre Klasse gern in Kleingruppen, die sie dann zu Diskussionen oder Rollenspielen animiert. "Zu dritt oder viert reden unsere Sommerkursler viel freier." Und jeder kommt zu Wort. "Mir ist es außerdem wichtig, dass die Teilnehmer sich gegenseitig von ihren Heimatländern erzählen." So erfahren sie etwas über China oder Frankreich, über Israel oder Kolumbien, Ruanda oder Zypern. Insgesamt 31 Nationen sind beim diesjährigen Sommerkurs vertreten.

Überhaupt ist das gegenseitige Kennenlernen ein wesentlicher Punkt für Küper. "Deswegen wird es auch in Zukunft bei einer Teilnehmerzahl zwischen 100 und 120 bleiben", sagt sie. "In Heidelberg zählt der Sommerkurs 600, 700 Leuten. Das will ich für Mainz nicht. Bei unserer Größe hat jeder Teilnehmer die Chance, mit jedem in Kontakt zu kommen, wenn sie oder er will."

Eingestampfte Deutschabteilungen

In den 13 Jahren, die Küper den Kurs leitet, veränderte sich einiges. "Früher interessierten sich mehr Leute für die Mittel- und Oberstufenklassen, heute liegt der Schwerpunkt mehr bei der Unterstufe." Denn viele ausländische Hochschulen hätten ihre Deutschabteilungen eingestampft, also müssten die Teilnehmer in Mainz öfter bei null anfangen. Das Interesse am Deutschlernen sei aber in den letzten Jahren gestiegen.

Suiunduk kyzy, Torosyan und ihre Kommilitonen haben Glück, einen Platz im Kurs bekommen zu haben. Anfang Juni war er bereits voll. "Danach kamen noch eine Menge Anfragen rein", sagt Küper.

In der Unterstufe des Sommerkurses liegt der Fokus ganz auf dem Spracherwerb. In Mittel- und Oberstufe kommen besondere Aspekte hinzu. So ist diesmal ein Seminar über Friedrich II. von Preußen im Kursangebot. "Der Klassiker ist Wirtschaftsdeutsch", ergänzt Küper, "aber auch juristische Seminare sind sehr beliebt."

Kontakte knüpfen ist angesagt

Womöglich ist es Küpers Bestreben, die Gruppe übersichtlich zu halten, das den Erfolg ausmacht. In Mainz werden schnell Kontakte geknüpft. Das hat auch Drmlová erlebt: Voriges Jahr erst traf sie sich in Riga mit Freunden, die sie 1992 an der JGU im Rahmen des Sommerkurses kennengelernt hatte.

"Davon abgesehen haben wir einfach Glück mit unserem Standort", meint Küper. "Es gab noch nie das Problem, dass unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer wegen ihrer ausländischen Herkunft in unangenehme Situationen gekommen wären. Und mit Rheinhessen haben wir auch ein wunderbares Umland. Die Menschen hier sind aufgeschlossen, Sie kommen schnell ins Gespräch", so die gebürtige Westfälin.

Paris steht eigentlich nicht auf dem Programm

"Ich fühle mich hier sehr frei", sagt Suiunduk kyzy. "In unserem Land achten wir darauf, was der andere tut. Das ist in Deutschland ein bisschen anders." Zusammen mit Torosyan hat sie sich im Sommerkurs gleich ein Stück Freiheit genommen. "Als die anderen in Heidelberg waren, sind wir nach Paris gefahren." Sie schaut ein wenig unsicher, als sie das erzählt. Muss sie vielleicht ein bisschen ein schlechtes Gewissen haben?

Ganz und gar nicht, wenn es nach Küper und ihrem Team geht. Bei ihnen bekommt jeder so viel Nestwärme, wie er braucht. "Wenn sie sich trauen, ins kalte Wasser zu springen, ist das schön. Wenn nicht, wärmen wir es ein wenig für sie an."

Das wird auch beim 65. Internationalen Sommerkurs so bleiben. Da wollen Küper und Drmlová wieder mit von der Partie sein. "Denn jeder Kurs ist anders", sagen sie fast unisono. "Und es ist jedes Mal wieder eine Überraschung."