Exzellente Forschung zu deutsch-französischen Beziehungen

11. Juni 2019

Die französische Historikerin Prof. Dr. Corine Defrance wurde mit dem Gutenberg Research Award des Gutenberg Forschungskollegs der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ausgezeichnet. Über drei Jahrzehnte hinweg trat sie vor allem mit ihren herausragenden Arbeiten zu den deutsch-französischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg hervor. Im Gespräch erzählt sie von ihren engen Verbindungen zu Mainz, aber auch von ihren Sorgen angesichts aktueller deutsch-französischer Spannungen.

1989 kam sie das erste Mal nach Mainz. "Ich begann gerade mit meiner Dissertation", erinnert sich Prof. Dr. Corine Defrance. Sie forschte zur französischen Kulturpolitik im besetzten Deutschland unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Mehrfach war sie dafür in den folgenden Jahren als Stipendiatin zu Gast am Institut für Europäische Geschichte in der Domus Universitatis, dem alten Stammhaus der Mainzer Universität.

"Sie öffneten mir die Keller, damit ich nach Dokumenten aus der Gründungszeit der neuen Universität im Jahr 1946 suchen konnte. Mit dem Fahrstuhl brachten wir die Unterlagen hinauf in mein Zimmer. Es war grandios: Ich stand noch ganz am Anfang meiner Arbeit und konnte doch gleich inmitten meiner Quellen leben."

Exzellente Forschung und Engagement für den wissenschaftlichen Nachwuchs

2019 ist Defrance in Mainz, um eine besondere Auszeichnung entgegenzunehmen: Das Gutenberg Forschungskolleg (GFK) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz verlieh der französischen Historikerin den mit 10.000 Euro dotierten Gutenberg Research Award. Für die Auszeichnung vorgeschlagen hatte sie Prof. Dr. Michael Kißener, der Dekan des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften der JGU. Das GFK würdigt damit nicht nur ihre exzellente Forschungsarbeit, sondern auch ihr außergewöhnliches Engagement für den wissenschaftlichen Nachwuchs. "Im Lauf der letzten drei Jahrzehnte sind viele Kooperationsprojekte und vor allem viele Freundschaften hier in Mainz entstanden", erzählt Defrance. Ihre Reaktion auf die Verleihung des Preises bei der Jahresfeier des GFK fiel entsprechend herzlich aus: "Der große Tag ist gekommen, mit viel Emotion und Freude bedanke ich mich für die Ehre."

"Damals, als ich meine Dissertation schrieb, waren die Personalakten der Professoren im Archiv der französischen Militärregierung noch nicht zugänglich. Erst 2015 wurden sie geöffnet", erinnert sich Defrance zurück an die Wurzeln ihrer Forschung. "Das ist das Schöne an unserer Wissenschaft: dass man sich demselben Thema immer wieder neu widmen kann, dank neuer Quellen und mit neuen Fragestellungen. Es ist wie eine Spirale."

Defrance schaut kurz zurück auf den Juli 1945: Die französische Militärregierung nahm ihre Arbeit auf, und Raymond Schmittlein, der frisch ernannte Leiter der Direction de l'Éducation Publique, begann, einige wichtige Weichen zu stellen: "Zuerst plante die französische Regierung, das linke Rheinufer von Deutschland abzutrennen, um dort ein unabhängiges Land zu schaffen." Im Süden verfügte diese Region mit Freiburg und Tübingen über zwei Universitäten für rund 2,3 Millionen Einwohner. Im Norden jedoch lebten vier Millionen Menschen, und dort gab es keine Hochschule. "Aus internen Dokumenten der Militärregierung geht hervor, dass man eine Universität im Norden für unbedingt notwendig hielt, um hier eine neue Elite auszubilden." Die Ankündigung, in Mainz eine Universität zu gründen, überraschte und erregte großes Aufsehen. "In meiner Arbeit versuche ich, das enge Wechselspiel zwischen Politik und Kultur in dieser Zeit darzustellen", erzählt Defrance.

Neue Universität als Gegenmodell

Schmittlein misstraute den Hochschulen in Freiburg und Tübingen, sie schienen ihm zu sehr vom nationalistischen Gedankengut geprägt. "Er sah in der JGU ein Gegenmodell. Mit ihr wollte er das traditionelle deutsche Hochschulsystem erschüttern." Die JGU sollte eine entscheidende Rolle in der Umerziehungspolitik spielen. "Nach zwölf Jahren NS-Isolierung war Schmittlein die internationale Öffnung wichtig. Es gab viele Gastprofessoren aus dem Ausland, und auch die Lektoren für die verschiedensten Sprachen waren oft Ausländer." Die französische Regierung erkannte mit der Zeit, dass ein separater linksrheinischen Staat niemals die Unterstützung der Amerikaner und Briten finden würde. "Es schien effizienter, ein Land Rheinland-Pfalz als Teil eines föderalen Staates zu gründen."

Die Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg sind Defrances großes Thema. Viele ihrer Veröffentlichungen dazu gelten als Standardwerke. Unter anderem verfasste sie gemeinsam mit dem deutschen Historiker Ulrich Pfeil das Buch "Deutschland und Frankreich 1945-1963. Eine Nachkriegsgeschichte in Europa". Heute forscht sie am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) und lehrt an der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne. Daneben nimmt sie sich immer wieder Zeit, nach Mainz zu kommen.

Rund um die Verleihung des Gutenberg Research Award hielt Defrance eine ganze Reihe von Vorträgen: Sie sprach über die "Politische Metaphorik in den deutsch-französischen Beziehungen" und schlug einen Bogen "Vom Élysée-Vertrag zum Aachener Vertrag: Die deutsch-französischen Beziehungen in Europa". Aktuell beschäftigt sie sich mit dem Verhältnis zwischen Deutschland, Frankreich und Polen im 20. Jahrhundert. Das spiegelte sich in dem Kurzporträt: "Françoise Frenkel im Spiegel multipler Identitätskonstruktionen. Eine jüdische Polin zwischen Berlin, Paris und Nizza (1889-1975)". Darin spürt sie dem Leben einer beeindruckenden Frau nach, die einst die Französische Buchhandlung in Berlin führte und vor den Nazis und anschließend vor dem Vichy-Regime in Frankreich flüchten musste.

Defrance ist überzeugt: "Die Biografie kommt wieder. Eine Epoche lässt sich über Personen viel besser kommunizieren. Die Historie bekommt gewissermaßen Fleisch und Knochen. Sie lässt sich so auch unseren Studierenden besser vermitteln. Allerdings müssen wir dabei die Biografie immer in einen Kontext setzen."

In Sorge um gestörte Beziehung

Auch zu den aktuellen deutsch-französischen Beziehungen äußerte sich Defrance bei einem der Vorträge. "Als Historikerinnen und Historiker haben wir eine soziale Rolle", mahnt sie. "Ich wollte die Gelegenheit nutzen, um auf die Spannungen der letzten Monate hinzuweisen."

Im März wandte sich der französische Staatspräsident Emmanuel Macron mit Blick auf die anstehenden Europawahlen an die Öffentlichkeit. In einem leidenschaftlichen Appell sprach er sich gegen Populismus, Spaltung oder Abschottung aus und machte einige Reformvorschläge. Unter anderem plädierte er für eine europäische Agentur, um Wahlen vor Manipulationen zu schützen.

"In Frankreich hatte man erwartet, dass sich die Kanzlerin zu Macrons Europa-Manifest äußert, stattdessen kam eine Erwiderung der CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, dazu auch noch eine frontale Kritik." Defrance fühlt sich in die Zeit des Élysée-Vertrags zurückversetzt, als Staatspräsident Charles De Gaulle eher die deutsch-französischen Beziehungen als ein geeintes Europa im Blick hatte, dessen Entwicklung er eher bremste. "Kramp-Karrenbauer würde sich gut mit De Gaulle verstehen", meint sie pointiert. "Solche Spannungen wie jetzt gab es zwischen Deutschland und Frankreich zuletzt in den 1960er-Jahren. Das ist nicht gut im Umfeld einer Europawahl. Glücklicherweise gibt es heutzutage sehr solide Beziehungen zwischen unseren beiden Völkern und hoffentlich werden die beiden Zivilgesellschaften Druck auf unsere Regierungen ausüben."