Führung soll weiblicher werden

20. September 2012

Prominenter Besuch beim Projekt "JGU-Leadership – Wandel gestalten": Die Management-Trainerin Sabine Asgodom sprach bei einem ersten Netzwerktreffen von 55 weiblichen Führungskräften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) über "Führen mit S.E.E.L.E." Sie sollte Diskussionen anstoßen und erntete begeisterten Applaus.
 

Sabine Asgodom ist gern an die JGU gekommen, sie spart nicht mit Lob: "Ich finde, es ist sensationell, was ihr hier für ein Programm auf die Beine gestellt habt", sagt sie im Gespräch mit Götz Scholz, dem Kanzler der Universität. Dann wird sie pragmatisch: "Mit dabei zu sein, ist übrigens auch nicht schlecht für mein Renommee." Die Journalistin, Buchautorin und Management-Trainerin möchte durch ihren Vortrag "Führen mit S.E.E.L.E." dazu beitragen, etwas Grundlegendes an der Universität zu verändern.

Vor eineinhalb Jahren wurde das Projekt "JGU-Leadership – Wandel gestalten" ins Leben gerufen: Neue Leitlinien sollen für eine neue Führungskultur an der Universität sorgen. Mehr als 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickeln in sieben Teilprojekten verschiedenste Konzepte, um diesen Prozess voranzubringen. Eines dieser Teilprojekte beschäftigt sich mit "Frauen in Führungspositionen" – und die sind angesprochen an diesem Abend mit Asgodom.

55 Frauen, die keine Zeit haben

"Wir haben einen Querschnitt der weiblichen Führungskräfte aus den Bereichen Wissenschaftsmanagement und Verwaltung eingeladen", erklärt Scholz. Dies ist der Auftakt einer ganzen Reihe von Veranstaltungen, die zu einer stärkeren Vernetzung beitragen soll.

55 Frauen haben zugesagt. Für Antje Swietlik vom Leadership-Team ist das ein Erfolg, aber auch eine Verpflichtung: "Wenn schon Frauen zusammenkommen, die alle keine Zeit haben, dann muss was in Gang kommen."

Swietlik hat Asgodom vor einem halben Jahr bei einem Vortrag erlebt. "Sie formuliert pointiert und sie regt zur Diskussion an. Das ist es, was wir brauchen. " Bevor Swietlik die Management-Trainerin tatsächlich nach Mainz holte, tauschten sich die beiden in vielen Gesprächen aus. "Das, was Sabine Asgodom vertritt, entspricht voll und ganz unseren Leitlinien."

Ein paar Männer, die verdrängt werden

"Natürlich bin ich auf der Frauenseite, ich bin parteiisch", stellt Asgodom gleich zu Beginn ihres Vortrags klar. "Ich versuche zu verdrängen, dass hier auch ein paar Männer sind", sagt sie lächelnd mit einem Seitenblick auf den Kanzler.

"Führen mit S.E.E.L.E. – das heißt nicht, dass wir uns alle furchtbar lieb haben und an den Händen halten." Asgodoms S.E.E.L.E. steht vielmehr für fünf Schlüsselbegriffe, die als Orientierungspunkte dienen sollen: Sinn, Empathie, Enthusiasmus, Liebe und Elan. Den Vortrag hält sie bereits seit Jahren, aber jedes Mal modifiziert sie ihn gründlich.

"Das letzte E stand ursprünglich für Ehrlichkeit. Ich habe es gestern noch geändert. Elan ist das, was Sie hier an der Universität auszeichnet. Sie gehen mit Elan an Veränderungen. In vielen Unternehmen habe ich so viel Zögerlichkeit erlebt. Es wird sich einfach nicht rangetraut."

Eine Frau, die nah dran ist

Asgodom ist niemand, der pompöse theoretische Gebäude aufbaut. Das hat sie unter anderem als Journalistin bei der Tageszeitung TZ und als Leiterin des Ressorts "Karriere" bei der Zeitschrift "Cosmopolitan" bewiesen. 24 Bücher mit griffigen Titeln wie "Eigenlob stimmt!" oder "Reden ist Gold" gehen auf ihr Konto. Mit ihrem Unternehmen "Asgodom live.Training.Coaching.Potenzialentwicklung" steht sie seit 1999 für eine sehr erdige Art, die Dinge anzugehen. Sie bekam die Auszeichnung "Certified Speaking Professionell" des Rednerverbands GSF und hat eine eigene Sendung im Bayerischen Fernsehen: "Sabine Asgodom – Coaching fürs Leben".

In Mainz ist sie buchstäblich nah dran an ihrem Publikum. Das Rednerpult steht verwaist, wenn Asgodom spricht. "Ich bin die Ungeduld in Person. Kennt ihr das, wenn die Waschmaschine ausgeschleudert hat und die Tür nicht aufgeht? Meine Waschmaschine hat Trittspuren."

Männer, die seit 3.000 Jahren führen

Trotz der lockeren Art geht es Asgodom um ein wichtiges Thema: Seit mindestens 3.000 Jahren ist Führung männlich geprägt. "Ich finde, dass Frauen eine Begleitung brauchen, um dort ihre Einzigartigkeit einzubringen. Bei diesem Kulturwandel geht es aber nicht um Frauen gegen Männer. Ich glaube, dass wir von Männern lernen können, und ich bin mir ganz sicher, dass Männer viel von uns lernen können. Wissen Sie, was der altenglische Begriff 'Team' ursprünglich bedeutet? Ein Mann und eine Frau."

Das S in S.E.E.L.E.: Der Sinn der Arbeit muss klar sein. Führungskräfte sollen ihn vermitteln, sollen Motivatoren sein. "Bedenkenträger haben wir zu viele." Asgodom fordert: "Schluss mit der Teflon-Managerin, an der nichts hängen bleibt. Zeige deine Haltung, steh für etwas ein."

Das erste E, die Empathie: "Jeder Mensch ist in gewisser Weise wie jeder andere, er ist aber auch wie wenige andere und er ist wie kein anderer. Wenn das Manager begreifen würden, wären wir schon weiter." Asgodom zeigt ein Bild: Oben ist ein Schalter zu sehen. "An" und "Aus" sind die beiden möglichen Einstellungen, unten drängt sich eine Unzahl von Reglern und Knöpfen. Oben steht "Mann", unten "Frau". "Viele Frauen denken: 'Der Chef muss doch spüren, dass ich Karriere machen will.' Aber er spürt's nicht." Der Mann braucht deutliche Signale. Der Satz "Ich möchte eine Herausforderung" wäre so ein Signal.

Enthusiastische Frauen für die Männerdomäne

Das E für Enthusiasmus: "Ich arbeite seit 20 Jahren mit Frauen und wenn sie von ihrer Arbeit erzählen, erkenne ich selten Begeisterung." Eines hört Asgodom oft: "Ich habe mich in einer Männerdomäne durchgesetzt." Da ist Druck zu spüren und Gegendruck. Die Trainerin plädiert dagegen für Begeisterung, die mitreißt.

L, die Liebe: "Wenn ich vor zehn Jahren von Liebe redete, schauten mich Manager fassungslos an." Inzwischen ist es durchgedrungen: "Eine Führungskraft muss Stress abbauen und Geborgenheit vermitteln. Geborgenheit – das ist auch so ein Wort, für das ich vor zehn Jahren von Managern geprügelt worden wäre."

Das letzte E, der Elan: "Wenn Leute immer was auf den Dez kriegen, lernen sie, nicht mehr so hoch zu springen. Es ist dann harte Arbeit, die wieder zum Höherspringen zu motivieren."

Frauen, die das Wort haben

Der Elan der Sabine Asgodom reißt sogar die Rednerin selbst mit. Ein kurzer Impulsvortrag war geplant, doch es wurde mehr. Nach knapp zwei Stunden wird das Catering ungeduldig: Es soll doch noch ein Beisammensein geben, einen Austausch im Publikum, ein erster Schritt in Richtung Netzwerk steht auf dem Programm.

"Ich könnte noch drei Stunden so weitermachen", sagt Asgodom unter anhaltendem Applaus. Aber nun sind die anderen dran. Die Trainerin hat ihre Impulse gegeben, die Männer gehen, die Frauen reden.