Von Ressourcen, Konflikten und dem Blick auf Europa

11. Oktober 2012

3.500 Teilnehmer, 400 Referenten, 99 engagierte Helfer vor Ort und zwei Jahre intensive Vorbereitungszeit: Der 49. Deutsche Historikertag an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) wurde zum Großereignis. Vier Tage lang ging es bei einem der größten geisteswissenschaftlichen Kongresse Europas um "Ressourcen – Konflikte" und um einiges mehr.
 

Der erste Eindruck ist bunt. Tagungsausweise baumeln an gelben Bändern, Helfer tragen schwarze T-Shirts mit dem Aufdruck "Wer mehr fragt, muss weniger laufen" und allenthalben prangt im Philosophicum das Logo des 49. Deutschen Historikertags: ein angedeuteter Globus in Grün und Orange. Stände bieten Fachliteratur an, ein Zelt im Hof lässt Regionalgeschichte lebendig werden, Rheinland-Pfalz präsentiert sich in seinen vielen Facetten, überall wuselt es.

Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) hatte zusammen mit dem Verband der Geschichtslehrer Deutschlands an die JGU geladen und das Historische Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz legte sich tüchtig ins Zeug, um als Gastgeber alle Erwartungen zu erfüllen. "Seit Ende 2010 arbeiten wir an der Vorbereitung", erzählt Dr. Heidrun Ochs, Geschäftsführerin des Historikertags 2012.

Brandaktuelles Thema

Das diesjährige Kongressthema "Ressourcen – Konflikte" ist brandaktuell. "Ungleichheit im Ressourcenzugang war und ist stets ein eminentes Problem, ja ein Krisenfaktor", stellt Prof. Dr. Werner Plumpe, Vorsitzender des VHD, bei der feierlichen Eröffnungsveranstaltung fest. "Europa macht derzeit genau diese Erfahrung, die dadurch verschärft und unüberschaubar wird, dass sie hinter einem Geldschleier verborgen ist."

Viel Prominenz war ins Kurfürstliche Schloss gekommen, um den Historikertag auf den Weg zu bringen. Nicht alle wählten ernste Töne an diesem Abend. So empfahl Ministerpräsident Kurt Beck als Schirmherr den Teilnehmern rheinhessischen Wein, "in Maßen" genossen: "Dann werden wir zusammenrücken und merken, es ist egal, ob mein Nachbar aus Frankreich ist oder aus Ruanda. Das hat man hier gelernt in Mainz."

Frankreich als Partnerland

Frankreich nannte Beck nicht ohne Grund, schließlich war der Nachbar Partnerland der Tagung. "Vor 50 Jahren wurde die institutionelle Aussöhnung unserer Länder auf den Weg gebracht", erinnerte der französische Botschafter Maurice Gourdault-Montagne. "Deswegen hat der Historikertag zum ersten Mal eine Partnerschaft mit einem Land geschlossen."

"Es geht in der Politik darum, wie die Dinge eigentlich sind", so der Diplomat. Den Historikern gehe es darum, wie die Dinge eigentlich gewesen sind. "Die Geschichte macht die Tiefe, die Gegenwart ist breit. Warum sollen wir immer nur in die Breite gehen?"

"In die Tiefe gehen" – das wäre kein schlechtes Motto gewesen für den Historikertag. 400 Referenten und 3.500 Besucher kamen am nächsten Morgen ins Philosophicum, um drei Tage lang in 68 Sektionen Ressourcen und Konflikte unter die Lupe zunehmen. Um Juden und Christen als Akteure von Konflikten ging es, um den "Erbfeind" und neuen Freund Frankreich, um Menschenhandel in Europa und um die Ressource Wasser von der Antike bis zur Neuzeit.

Blick von außen auf Europa

Doch der Historikertag ließ auch Themen zu, die nicht so direkt etwas mit dem eigentlichen Thema zu tun haben. Besonders in die Sektion "Historische Außenansichten auf Europa" strömten die Neugierigen. Als die 100er-Marke überschritten war, kündigte Prof. Heinz Duchhardt vom Mainzer Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) an: "Wir müssen umziehen. Mit so vielen Interessenten haben wir nicht gerechnet."

Unter Duchhardts Leitung referierten sechs Fachleute im 30-Minuten-Takt. "Europa definierte sich in seiner Geschichte über Abgrenzung", so Dr. Judith Becker vom IEG. "Europäer waren zivilisiert, Afrikaner unzivilisiert, Europäer waren sauber, Araber schmutzig." Die anderen, die Fremden, galten als Mängelwesen, das Wesen der Europäer als Maßstab. "Nun geht es darum, diesen anderen zuzuhören, sie sprechen zu lassen."

Enttäuschte afrikanische Christen

Dabei gebe es nie den reinen Blick von außen, denn meist sei die Kultur, die auf Europa schaue und von der Quellen vorhanden seien, längst von Europa beeinflusst. Das präge die Sicht. Beckers Beispiel: "Neu missionierte afrikanische Christen maßen die Deutschen nach den Maßstäben, die sie von den Missionaren vermittelt bekommen hatten – und waren dann natürlich enttäuscht."

Dieser Aspekt zog sich durch die gesamte Sektion. Prof. Dr. Stefan Rinke vom Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin richtete den Blick auf Lateinamerika, auf Menschen, für die um 1900 häufig ein Satz in Richtung Europa galt: "Wir sind europäischer als ihr." Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Haltung noch selbstbewusster "Europa ist alt, Lateinamerika hingegen jung. Es hat die Zukunft vor sich."

Verführung zum Anderssein

Drei Afrikaner, die zwischen 1890 und 1930 nach Deutschland kamen, hatten sich ebenfalls vorher ein Bild vom Land und von Europa insgesamt gemacht. Davon berichtete PD Dr. Kirsten Rüther vom Historischen Seminar der Leibniz Universität Hannover: "Sie setzten sich mit einem Europa auseinander, das sie kolonial dominierte, ihnen Fortschritt vorgaukelte, aber auch zum Anderssein verführte."

Rüther hinterfragte grundsätzlich die Kategorien, mit denen die Forscher arbeiten: Gibt es tatsächlich eine Außenansicht – oder vielmehr eine Auseinandersetzung ohne klare Pole wie außen oder innen? "Da gehören Begriffe auf den Prüfstand."

Prof. Dr. Georg Krausch, Präsident der JGU, hatte schon bei der festlichen Eröffnung gesagt: "Wir sind stolz darauf, diese wohl bedeutendste geisteswissenschaftliche Tagung hier bei uns begrüßen zu dürfen." Diese Festlichkeit wich alsbald dem geschäftigen Referieren und Diskutieren in der Sektionsarbeit, auf den Fluren des Philosophicums zwischen den Ständen verschiedenster Fachverlage – und beim Luftschnappen im Innenhof.

Das ist die Seele eines solchen Kongresses. Und der 49. Deutsche Historikertag auf dem Campus der JGU ist wahrlich gelungen. Zwei Jahre Arbeit haben sich gelohnt.