Jura-Studentinnen hinter Gittern

26. Oktober 2012

Die Knastgruppe am Lehrstuhl für Kriminologie, Jugendstrafrecht, Strafvollzug und Strafrecht der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat eine lange Geschichte – eine Erfolgsgeschichte. Studierende erfahren, wie es zugeht hinter Gittern, und Untersuchungshäftlinge bekommen Kontakt nach draußen.
 

Eine Frage hört Jennifer Weimann oft, wenn sie von ihrem besonderen Engagement erzählt: „Was, du gehst ins Gefängnis? Da sitzen doch nur Monster.“ Mittlerweile kann die Jura-Studentin über solche Sätze nur lächeln, denn sie weiß es längst besser. Hinter Gittern hat sie die verschiedensten Menschen kennengelernt. Monster waren nicht darunter.

Weimann gehört zur Knastgruppe, einer Einrichtung, die Tradition hat am Lehrstuhl für Kriminologie, Jugendstrafrecht, Strafvollzug und Strafrecht der JGU. Prof. Dr. Alexander Böhm, einst selbst Leiter einer Jugendstrafanstalt, rief die Initiative im Jahr 1985 ins Leben. Ihm war es wichtig, dass gerade seine Studierenden, die ja später oft als Staatsanwälte oder Richter arbeiten, mit Häftlingen in Kontakt kommen. Nach seinem Ausscheiden leitet Prof. Dr. Dr. Michael Bock, sein Nachfolger am Lehrstuhl, das Projekt weiter.

Besuch vom Justizminister

Zehn Jura-Studentinnen gehören derzeit zur Knastgruppe. Saskia Kerksieck, Mitarbeiterin am Lehrstuhl, begleitet sie auf ihrem Weg als ehrenamtliche Vollzugshelferinnen. Gerade hatten die Frauen Besuch vom rheinland-pfälzischen Justizminister Jochen Hartloff, nun sitzen sie bei Kaffee und belegten Brötchen zusammen.

"Der Minister wollte keinen Presserummel", erzählt Kerksieck. "Er wollte sich einfach mit uns austauschen über unsere Arbeit und sich für das Engagement bedanken." Eine Stunde hatte Hartloff eingeplant, es sind anderthalb geworden. Kein Wunder, es gibt viel zu erzählen über die Knastgruppe.

Einmal in der Woche bekommen acht Untersuchungsgefangene der JVA Rohrbach Besuch von Studierenden aus Mainz. Es gibt eine lange Warteliste für diesen "Offenen Gesprächskreis". Der Termin ist beliebt. Er bietet Abwechslung im sonst eher eintönigen Tagesablauf der Häftlinge.

Gespräche in der JVA Rohrbach

"Wir werden am Eingang abgeholt", erzählt Lisa Bayer. Sorgfältige Kontrolle ist Pflicht. "Schlüssel oder Handys müssen wir abgeben. Dann werden wir in einen ziemlich kahlen Raum geführt. Oben in der Ecke hängt ein Fernseher." Der bleibt allerdings aus.

"Es gibt Tage, da spielen wir einfach das Kartenspiel UNO, haben Gaudi und lachen", sagt Bayer. "Wir reden auch viel miteinander", ergänzt Natascha Becker. "Als Jura-Studentinnen dürfen wir zwar keine Rechtsberatung geben, wir können aber schon mal erklären, was zum Beispiel die Voraussetzungen für einen offenen Vollzug sind."

Immer wieder sprechen Untersuchungshäftlinge über ihre früheren Taten, mal reuig, mal verteidigend. "Wir hinterfragen schon kritisch, wenn jemand versucht, seine Taten zu rechtfertigen", stellt Becker klar. "Da gab es einen Zuhälter, der wollte mir tatsächlich erzählen, dass es den Frauen mit der Prostitution gut geht. Ich habe ihm klar gesagt, dass keine Frau Spaß daran hat, dass ich es schlimm finde."

Vielen fehlt die Familie

Aber so etwas passiert eben nur manchmal. "Ein viel größeres Thema sind die Familien, ist die Frage, wie Angehörige auf die Haft reagieren. Viele haben Kinder und leiden unheimlich unter der Trennung."

Was treibt denn nun die Jura-Studentinnen in den Knast? "Ich sehe diese Menschen nicht als Fall", sagt Susan Weltz. "Ich will gern verstehen, warum jemand so handelt. Was passiert mit dem, wenn er verurteilt wird? Das ist mir auch deswegen wichtig, weil ich ja wahrscheinlich mal in die Situation kommen werde, jemanden ins Gefängnis zu bringen." "Bei mir war es einfach Neugier", meint Natascha Becker. "Man kennt den Knast sonst nur aus dem Fernsehen. Was sind da für Leute?"

Wichtig ist, dass jemand zuhört

Kerksieck stellt klar: "Wenn sich jemand bei mir bewirbt, schaue ich schon, ob echtes Interesse da ist, eine gewisse Offenheit. Der Besuch im Knast ist kein Zoobesuch."

"Eine soziale Ader muss man haben", ist Bayer überzeugt. "Man muss ein gewisses Einfühlungsvermögen mitbringen. Ich habe das Gefühl, wie die meisten Menschen merken auch die U-Häftlinge ziemlich schnell, wem sie was erzählen können und wem nicht."

Für die Insassen der JVA ist die Knastgruppe eine Bereicherung und Anstaltsleiter Norbert Henke ist froh über das Engagement. "Die Studentinnen leisten ein Stück Öffentlichkeitsarbeit", sagt er. "Wir wollen die Tatsache bekannter machen, dass es möglich ist, als ehrenamtlicher Vollzugshelfer tätig zu sein. Außerdem stellt die Gesprächsgruppe eine Möglichkeit für die Häftlinge dar, sich mal bei jemandem von draußen auszusprechen. Das Allerwichtigste ist, dass ihnen jemand zuhört."

Balance zwischen Nähe und Distanz

Was Henke dabei besonders auffällt: "Diese Gruppe schafft es sehr gut, die nötige Balance zwischen Nähe und Distanz zu halten. Ich bin dankbar für ihre Arbeit, ich hätte gern mehr solche Angebote."

An diesem Abend werden sich wieder vier Studentinnen auf den Weg nach Rohrbach machen. Für sie ist es kein Pflichttermin, sie fahren gern hin. Vielleicht steht wieder eine Partie UNO an, vielleicht ist da wieder dieser junge Mann mit dem behinderten Kind, das er so selten sieht. Auf keinen Fall aber werden Monster warten. Die gibt es nicht in der JVA Rohrbach.