Ein Platz auf der dOCUMENTA (13)

19. November 2012

Neun Studentinnen der Kunsthochschule Mainz reisten zur dOCUMENTA (13). Prof. Dr. Andrea Büttner hatte die Initiative übernommen, sie vermittelte ihre Schülerinnen von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) nach Kassel. Dort nahmen sie als Künstlerassistenz des Kanadiers Gareth Moore an der wichtigsten Schau zeitgenössischer Kunst teil.
 

Ein schmaler Pfad führt durch ein Wäldchen, totes Gehölz säumt den Weg zu einem eigenartigen Dorf: "A Place Near the Buried Canal" nennt der Künstler Gareth Moore seine Schöpfung. Aus Müll und allerlei Fundsachen hat der Kanadier Hütten geschaffen, zwei Museen, ein Gästehaus und mehr. Hölzerne Pfade winden sich durch sein Refugium auf der Kasseler Karlsaue. Dies ist sein Beitrag zur dOCUMENTA (13).

Doch wer das Dorf erforschen will, kommt nicht an den beiden Studentinnen der Kunsthochschule Mainz vorbei – und an einer Münzbüchse, zusammengeschweißt aus einer alten Dose und einer Gießkannentülle. "Die Besucher mussten ein Geldstück einwerfen", erzählt Frieda Nastold. "Und sie mussten ihre Handys und Kameras abgeben." Nadya Kim erinnert sich an die Reaktionen: "Manche waren ziemlich empört, richtig verärgert."

A Place Near the Buried Canal

In einem Hinterhaus der Mainzer Neustadt führt eine steile Treppe hinauf zur Zeichenklasse von Prof. Dr. Andrea Büttner. Der Raum hat Werkstattcharakter. Manches erinnert an Moores Dorf: der Elektroherd etwa mit den hoffnungslos verrosteten Platten, die Sitzecke aus zusammengeschobenen Matratzen – und die Münzbüchse, die auf dem Tisch zwischen den Studierenden steht. Moore hat als Dankeschön für die Unterstützung ein Paket aus seinem "Place Near the Buried Canal" nach Mainz geschickt. Die Büchse fand sich darin.

Neun Mainzer Kunststudentinnen reisten im Juni 2012 als Künstlerassistenz zur 13. Auflage der Kasseler dOCUMENTA. "Ich habe dort ausgestellt und mir gedacht, es wäre toll, wenn auch unsere Studierenden dabei sein könnten", sagt Büttner. Sie nahm Kontakt auf mit dem internationalen Academy Network der dOCUMENTA (13) und sorgte dafür, dass ihre Schülerinnen – als einzige Studierende einer deutschen Hochschule – an der bedeutendsten Schau für zeitgenössische Kunst mitarbeiten konnten.

Eine kleine Akademie im Kinderkrankenhaus

"Wir haben in Kassel gewohnt", erzählt Nastold. "In einem alten Kinderkrankenhaus. Das war eine kleine Akademie für sich." Die Mainzer trafen rund 100 Studierende aus Genf, Helsinki, Malmö oder London. "Es gab Vorträge zu verschiedensten Themen und ein Mal die Woche ein Seminarprogramm."

"Der Deal war, dass die Studierenden vier Stunden am Tag arbeiteten und dafür an allen Veranstaltungen teilnehmen durften", erzählt Büttner. Sie vermittelte die Mainzer Teilnehmer an Moore, denn sie wusste, da würde es bestimmt etwas zu tun geben. Eineinhalb Jahre zuvor schon war der Kanadier angereist, um sein Dorf peu à peu zu errichten.

Ein Museum für das Nashorn Clara

"Er hat sich ganz auf den Ort eingestellt", berichtet Nastold. So lag sein "Place Near the Buried Canal" tatsächlich ganz nah an einem zwar geplanten, aber nie verwirklichten Kanal auf der Karlsaue. Und eine der errichteten Hütten, das "Museum of Rhinoceros Clara", bezog sich auf eine historische Anekdote: Im 18. Jahrhundert wurde das zahme Panzernashorn Clara als erstes seiner Art nach Europa verschifft. 17 Jahre tourte es als Sensation durch Europa, die Karlsaue war eine seiner Stationen. Das Dorf erinnerte daran.

Selbstverständlich sammelten die Studentinnen nicht nur Handys, Kameras und Münzen vor dem Dorf ein. Sie führten die Besucher über die Stege, reparierten Beschädigtes. "Wir konnten erleben, wie Moore arbeitet", erzählt Irina Konyukhova, "und haben mit ihm Gespräche über unsere Arbeiten geführt. Wir hatten überhaupt ständig die Möglichkeit, mit Künstlern zu reden."

Eine Naked Nature Performance

Die Studentinnen nahmen an verschiedensten Aktionen teil, etwa an der "Naked Nature Performance" des Australiers Stuart Ringholt. Die Freiwilligen tanzten nackt durch die Natur. Nastold zeigt Bilder davon. "Er hat eine unglaubliche Freude am nackten Körper", kommentiert sie Ringholts Kunst.

"Die dOCUMENTA belebt die ganze Stadt", meint Kim. Und von diesem Leben bekamen die Mainzer viel mehr mit als der gemeine Besucher, der ihnen manchmal schon etwas seltsam vorkam. "Wir hatten sehr aggressive Fälle dabei. Wir wurden auch schon mal angeschrien und mussten manchmal richtig hart sein zu den Menschen, damit sie nichts kaputt machten. Da kamen Leute, die waren sehr ungeduldig, die wollten an einem Tag alles sehen."

Ein Kopf voller Kunst

Das ist unmöglich auf einer dOCUMENTA. Die Studentinnen allerdings hatten die Chance, sehr viel zu sehen und zu erleben. Sie verbrachten 50 Tage auf der dOCUMENTA (13). "Am Schluss war der Kopf voll und konnte nichts mehr aufnehmen", erinnert sich Nastold. "Aber das war gut so."

"Wir überlegen gerade, wie wir das jetzt alles nachbereiten", sagt Büttner. "Wie wir es am Leben erhalten, die Ergebnisse formulieren. Das kann ein Buch werden, eine Ausstellung oder eine Kooperation mit anderen Beteiligten."

Auf jeden Fall wird etwas bleiben. Die Münzbüchse auf dem Tisch erinnert daran. Angerostet ist sie, aus Müll zusammengeschweißt. Aber sie steht für "A Place Near the Buried Canal", der so schnell nicht in Vergessenheit geraten wird im Werkstattraum der Kunsthochschule in der Mainzer Neustadt.