Wenn die Medien auch nicht weiter wissen

22. November 2012

Noch sind wissenschaftliche Untersuchungen zur Finanzkrise dünn gesät. Das beginnt sich gerade erst zu ändern. Oliver Quiring, Hans Mathias Kepplinger, Mathias Weber und Stefan Geiß vom Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) haben nun mit "Lehman Brothers und die Folgen" ein Buch vorgelegt, das die Medienberichterstattung zur Finanzkrise unter die Lupe nimmt.
 

Prof. Dr. Oliver Quiring muss erst einmal einen Riesenstapel an Fachliteratur und Zeitungen beiseite räumen, um eine halbwegs freie Fläche auf seinem Tisch zu schaffen. Das fragile Gebilde schwankt, doch der Kommunikationswissenschaftler hält die Balance – gerade so.

"Setzen Sie sich", sagt er nach getaner Arbeit. Vor ihm liegt jetzt nur noch das Buch, um das es gehen soll: "Lehman Brothers und die Folgen – Berichterstattung zu wirtschaftlichen Interventionen des Staates". Neben ihm nimmt Mathias Weber Platz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Publizistik und einer der Koautoren. Das Gespräch kann beginnen.

Lehman Brothers und die Folgen

Am 15. September 2008 meldete das Finanzinstitut Lehman Brothers Insolvenz an. Ein Satz im Buch skizziert die Situation: "Neben Bankenpleiten in den USA, aber auch in Europa, prägten gravierende Kurseinbrüche an den Börsen, schwindende Investitionsbereitschaft sowie Produktionsrückgänge und Konsumflauten weltweit das Bild." Die internationale Finanzkrise kam ins Rollen. In Deutschland brachte die Regierung Konjunkturpakete auf den Weg. Der Autobauer Opel kam ins Schwanken, Rettungsschirme wurden heiß diskutiert.

Wie reagierten die Medien darauf? "Unser Kernergebnis ist, dass sie im Schnitt untendenziös berichtet haben", sagt Weber. "Das hat uns erstaunt." Und Quiring ergänzt: "Wir konnten eine gewisse Hilflosigkeit ausmachen. Wir hatten den Eindruck, dass die Journalisten ebenso ratlos waren wie die Bevölkerung."

Allensbacher und Mainzer Kooperation

Ende 2009 begann das Forschungsprojekt zur Medienberichterstattung in der Finanzkrise als Kooperation zwischen dem Institut für Publizistik der JGU und dem Institut für Demoskopie Allensbach. Die Leitung übernahmen Prof. Dr. Oliver Quiring und Prof. Dr. Hans Mathias Kepplinger. Ihnen standen Mathias Weber und Stefan Geiß als wissenschaftliche Mitarbeiter zur Seite. Daneben halfen rund 40 Hilfskräfte bei der Sichtung und Kodierung der Materialflut.

Ausgewertet wurden unter anderem die Hauptnachrichten von ARD, ZDF und RTL, dazu Beiträge von FAZ und Süddeutscher Zeitung, von BILD, Spiegel und Focus. Die Untersuchung reichte bis zur Bundestagswahl 2009. Diese umfangreiche Inhaltsanalyse ist die Säule, auf der die Erkenntnisse des Teams aufbauen.

Komplexes klar formuliert

Das vorliegende Buch allerdings bietet noch einiges mehr. So haben sich Weber und seine Kollegin Christina Köhler an eine Chronik der Krisenereignisse gewagt. "Die Herausforderung war, das alles zusammenzutragen", sagt Weber. Veröffentlichungen gab es, aber an einer Gesamtschau fehlte es. Auf gerade einmal zwölf Seiten gelingt es den beiden, ein allgemein verständliches Bild der Vorgänge zu vermitteln. "Wir haben bewusst einfacher geschrieben als Wirtschaftswissenschaftler das machen würden", so Quiring. "Das ist wichtig, um das, was wir im Folgenden besprechen, einordnen zu können."

"Es wurde wahnsinnig viel berichtet, aber insgesamt eher verhalten, vorsichtig", resümiert der Kommunikationswissenschaftler. "Auch gingen die Argumentationsketten der Beiträge nicht in die Tiefe."

Was leisten die Medien?

Ob Opel-Rettung oder Abwrackprämie: "Es wurde diskutiert, ob es hilft oder nicht, ob es was bringt. Es ging beispielsweise kaum darum, ob man das in einer sozialen Marktwirtschaft überhaupt machen soll. Es fanden praktisch keine Reflektionen statt." Die Unterschiede zwischen FAZ, ARD oder gar BILD seien da gering gewesen. "Natürlich hätte ich mir an dieser Stelle deutlich mehr Aufklärung durch die Medien gewünscht", sagt Quiring. "Aber die Frage ist: Kann man das wirklich erwarten?"

Wo es passt, stellen Quiring und Co. ihren Erkenntnissen Umfrageergebnisse der Allensbacher gegenüber – und stellen fest: "In vielen Fragen war die Bevölkerung genauso gespalten wie die Journalisten." Etwa als es darum ging, ob eine staatliche Interventionen zugunsten von Opel gut oder schlecht wäre. "Dass die Bevölkerung so eng an den Medien ist, war nicht zu erwarten", sagt Quiring. "Es gab auch auf beiden Seiten erstaunlich wenig Hysterie."

Deutungsmuster zur Berichterstattung

Schritt für Schritt arbeiten sich die Wissenschaftler voran: Was mit einem Abriss der Ereignisse beginnt, endet mit hoch theoretischen Ansätzen. "Wir versuchen, von speziellen Fällen unabhängig die Struktur der Berichterstattung greifbar zu machen", erklärt Weber. "Wir wollten uns nicht im Klein-Klein verlieren, sondern Strukturen entwickeln."

Sie suchten nach Frames, nach Deutungsmustern. Relevant für einen solchen Frame waren Fragen wie: Wer ist schuld an der Krise? Wer leidet darunter? Wer muss eingreifen? Wer profitiert wiederum von den Eingriffen, wer leidet?

Ein Frame dazu: Schuld an der Krise ist die Wirtschaft. Darunter leiden erst einmal die Wirtschaftsunternehmen. Aber: Der Staat soll helfen. Darunter leidet die Bevölkerung, denn die Hilfe frisst Steuergelder.

Eine große Unentschiedenheit

Quiring und seine Kollegen diagnostizieren unter anderem einen Banken-retten-Frame, aber auch einen Banken-entmachten-Frame, einen Wirtschaft-ankurbeln-Frame oder einen Regulierungs-Frame. "Dabei gab es keinen dominierenden Frame, sie wechselten stark", sagt Weber. "Ich habe noch nie in dieser Deutlichkeit eine Unentschiedenheit erlebt", fasst Quiring die Reaktion der Medien wie der Bevölkerung auf die ersten Jahre der Finanzkrise zusammen.

Inzwischen ist diese Unentschiedenheit gewichen – aber nicht unbedingt auf eine gute Art. Quiring schaut in die Gegenwart: "Heute sehen Sie im Fernsehen protestierende Griechen." Nationale Stereotypen würden wieder herausgekramt. Das Klischee vom faulen Griechen mache die Runde. "Da werden alte Ressentiments geschürt. Das ist gefährlich."

Der Professor besinnt sich: "Aber das ist nur mein Eindruck, das ist noch nicht wissenschaftlich untersucht." Vielleicht kommt es dazu ja in einem weiteren Band. "Vielleicht", sagt Quiring zweifelnd. "Wenn das Geld da ist und die Zeit ..."