"Hört doch mal richtig zu!"

24. Januar 2013

Die Themen der Bildungswissenschaften sind vielfältig. Davon kann sich jeder beim 2. Tag der Bachelorarbeit an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) am 1. Februar 2013 überzeugen. Das JGU Magazin bietet schon jetzt einen Vorgeschmack, was Studierende und Lehrende an diesem Tag erwartet: Aynur Güler und Farah Siddiqui erzählen von ihrem Versuch zu einem wichtigen Element des Englischunterrichts.
 

Die Situation ist bekannt. Die Schüler sitzen mehr oder weniger motiviert im Englischunterricht, während vorn die Lehrkraft einen Knopf drückt. Eine Stimme ertönt, eine Geschichte wird erzählt. Was bekommt die Klasse aber mit vom Text aus der Konserve? Wie steht es mit dem Hörverständnis? Diese Prozedur läuft seit Jahrzehnten immer ähnlich ab. Und die simple Anweisung seitens der Pädagogen ist wohl auch immer ungefähr dieselbe: "Hört zu! Hört doch mal richtig zu!"

Aynur Güler und Farah Siddiqui ist das zu wenig. Die beiden haben sich in ihrer Bachelorarbeit mit diesem Unterrichtsphänomen auseinandergesetzt und bieten nun neue Einsichten und Ansätze. Ihre konkrete Frage lautet: "Unterstützt Metakognitive Instruktion Listening Comprehension im Englischunterricht?" Und sie haben eine Antwort darauf.

25 Einblicke in Schule und Unterricht

Nach der Premiere im vergangenen Jahr, stellen nun beim 2. Tag der Bachelorarbeit am 1. Februar 2013 insgesamt Studierende des Studiengangs Bachelor of Education ihre Abschlussarbeiten rund um Schule und Unterricht vor. Jeder kann sich dort einen Überblick verschaffen, welche Themen in den Bildungswissenschaften aktuell behandelt werden.

Das Zentrum für Bildungs- und Hochschulforschung (ZBH) und das Zentrum für Lehrerbildung (ZfL) der JGU organisieren diesen Tag. Prof. Dr. Margarete Imhof, Sprecherin des ZBH, kündigt vorab an: "All diese Bachelorarbeiten sind von hohem Niveau." Das gelte insbesondere für Gülers und Siddiquis Arbeit, die Imhof selbst betreute. "Die beiden zeigen, dass so eine Arbeit fürs Lehramt sehr viel bringt."

Der Text aus der Konserve lief auch bei Güler und Siddiqui. Doch es lief noch einiges drumherum. Die beiden gehen von der Untersuchung eines anderen Duos aus. Im Jahr 2010 legten Larry Vandergrift und Marzieh H. Tafaghodtari ihre empirische Studie "Teaching students how to listen does make a difference" vor. Vereinfacht dargestellt sagen sie: Zuhören ist mit Strategien verbunden, die erlernt werden können und sollen. Ein simples "Hört zu!" hilft wenig. Es geht darum zu vermitteln, wie man zuhört.

Zwei Leistungskurse hören zu

"Das Konzept von Vandergrift und Tafaghodtari ist auf Französisch lernende Studierende ausgerichtet", erzählt Güler. "Wir wollten es auf den Englischunterricht in der Schule anwenden. Dafür mussten wir es modifizieren."

Eine Schulstunde stand zur Verfügung, zwei Leistungskurse der 11. Klasse am Mainzer Frauenlob-Gymnasium machten mit. Der eine Leistungskurs bildete die Experimentalgruppe, an der Güler und Siddiqui ihr Konzept erprobten, der andere diente als Kontrollgruppe. "Zuerst mussten wir unseren Versuch in das Unterrichtsthema einbetten", sagt Güler.

Das Thema Short Story stand auf dem Lehrplan, also suchten die Studierenden eine Kurzgeschichte aus – "The Bird" von Lew N. Tolstoi aus. "Die Aufnahme sollte nicht länger als fünf Minuten dauern", so Siddiqui. Die Leistungskurse bekamen die Geschichte insgesamt dreimal vorgespielt. Am Ende stand ein Test, der verriet, welche Gruppe Vokabeln und Zusammenhänge des Texts besser verstanden hatte.

Von den Strategien des Hörens

Beide Kurse bekamen Gelegenheit, sich während und nach dem Hören Notizen zu machen und in der Klasse über den Text zu diskutieren. Doch die Experimentalgruppe bekam mehr.

"Die Schüler der Experimentalgruppe haben vor dem ersten Hören ihre Erwartungen aufgeschrieben", sagt Siddiqui. Was könnte vorkommen in einer Geschichte mit dem Titel "The Bird"? Die Probanden wurden quasi auf das Thema geeicht. Nach dem ersten Hören des Texts wurden dann Zweiergruppen gebildet. "Sie tauschten sich aus, wer was verstanden hatte, auf welche schwierigen Textpassagen sie noch einmal achten wollten."

Nach dem zweiten Abspielen des Texts ging es in eine Klassendiskussion, in der die Schüler auch ihre eigenen Strategien des Zuhörens einbrachten. Im Anschluss an das dritte Hören der Geschichte war dann Selbstreflexion gefragt: Welche Strategien des Hörens würden sie bei der nächsten Listening Comprehension-Übung anwenden?

Güler und Siddiqui bemühten sich um möglichst identische Versuchsanordnungen. Sie filmten sich sogar selbst während des Unterrichts, um zu prüfen, ob sie die Ergebnisse irgendwie unbewusst beeinflussten. Letztlich erbrachte der Test nach der Stunde, dass die Experimentalgruppe entschieden besser abschnitt als die Kontrollgruppe. Sie hatte mehr und besser verstanden, worum es Tolstoi in seiner Kurzgeschichte ging.

Von Lehrern und Wissenschaft

Lehrerinnen wollen sie werden, da sind sich Güler und Siddiqui sehr sicher. Die beiden 23-jährigen Studentinnen der JGU sind seit sieben Semestern für Englisch und Philosophie eingeschrieben und steuern nun auf den Master zu. Güler ist gebürtige Mainzerin. Sie wuchs zweisprachig auf, Türkisch und Deutsch. Siddiqui wurde in London geboren und wuchs in Deutschland mit drei gleich Sprachen auf: Indisch, Englisch und Deutsch.

Dieser Hintergrund hat aber nichts mit dem Thema ihrer Bachelorarbeit zum Sprachunterricht zu tun. Das Motiv dafür liegt näher. "Wir haben gelernt, wie man wissenschaftlich arbeitet, wie man wissenschaftliche Aufgaben stellt", so Siddiqui. "Und wir haben gelernt, wie man so eine wissenschaftliche Arbeit ganz praktisch mit dem Unterricht verbindet."

Diese Brücke von der Wissenschaft in die Schule ist den beiden wichtig. "Lehrer zögern ja manchmal, wenn sie so eine Studie bekommen", meint Güler. "Sie wissen oft nicht, wie sie entstanden ist, was sie davon halten sollen, was sie umsetzen sollen. Wir wissen all das jetzt." Als Lehrer werden sie später profitieren, wenn sie Studien begegnen. Sie wissen, was dahintersteckt. Ein Satz wie "Hört doch mal richtig zu!" wird ihnen nicht über die Lippen kommen.