Die Sammlung wächst und wächst

4. März 2013

Das Herbarium der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ist kaum bekannt. Dabei enthält es viele teils seltene Pflanzen- und Pilzarten, von denen einige bis heute nicht ausreichend klassifiziert sind. Hier ruht eine große Sammlung rheinland-pfälzischer Pilze und Pflanzen aus dem Naturschutzgebiet Mainzer Sand neben Exotischem aus Costa Rica oder Ruanda. PD Dr. Gudrun Kadereit zeigt, was das Herbarium zu bieten hat.
 

Es sieht aus wie ein einfacher Briefumschlag, nichts Besonderes eigentlich. Dr. Gudrun Kadereit faltet das Stück Papier vorsichtig auseinander. Zum Vorschein kommt ein gepresstes, getrocknetes Stückchen Moos. Ein Gewusel aus graubraunen Stämmchen und Ästen ist zu sehen. Die Beschriftung weist die Pflanze als Brachythecium albicans aus. Der Fundort: "Naturschutzgebiet Mainzer Sand, Am Rande des Wäldchens". Im Jahr 1978 brachte Dr. Ulrich Hecker dieses Moos aus dem Naturschutzgebiet ins Herbarium Hortus Botanicus Universitatis Moguntinae, ins Herbarium der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

"Ulrich Hecker hat das Herbarium 1964 gegründet", erzählt Kadereit. Für den damaligen Kustos des Botanischen Gartens war es am Anfang vor allem eine Einrichtung, die als Vergleichssammlung für den Garten genutzt wurde. Inzwischen ist viel mehr daraus geworden ...

Neuer Raum für höhere Pflanzen

Die Decke ist recht niedrig in dem Raum unterm Dach des Instituts für Spezielle Botanik der JGU. Graue Mappen, sogenannte Faszikel, liegen auf einigen zusammengeschobenen Tischen aus. Kadereit ist froh, dass ein großer Teil der Sammlung im Dezember 2012 hierher umziehen konnte. Seinerzeit zog die Samenputzanlage aus. Sie bekam ein neues Häuschen auf dem Gelände des Botanischen Gartens. Kadereit, die sich seit 2007 neben ihren Forschungsaufgaben um das Mainzer Herbarium kümmert, ergriff die günstige Gelegenheit.

"Einen hauptamtlichen Kustos hat diese Sammlung leider nicht", erzählt Kadereit. Seit Jahren schlummerte das Herbarium im Keller mehr oder weniger vor sich hin. Nun bemüht sich die Botanikerin mit Unterstützung der technischen Mitarbeiter des Instituts und einiger ehrenamtlicher Helfer um die rund 45.000 Belege zu Pflanzen und Pilzen aus Kolumbien und Ecuador, Italien oder eben vom Mainzer Sand.

Eine Seerose aus Ruanda

Ständig kommt neues Material hinzu. "Voriges Jahr waren es allein 7.000 Belege aus dem Gargano." Ein ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts, Dr. Wolfgang Licht, war häufig mit Studierenden in Süditalien unterwegs – und wann immer das Institut forscht, wann immer ein Doktorand Pflanzen oder Pilze untersucht, müssen Belegexemplare im Herbarium hinterlegt werden. "Es reicht nicht, wenn wir nur ein Foto hier haben."

Ein Schwerpunkt der Mainzer Botaniker ist die molekulargenetische Verwandtschaftsforschung. Da ist es wichtig, dass die Ergebnisse im Zweifelsfall genau zu überprüfen sind. Ein Abbild genügt nicht, die Pflanze selbst muss zur Hand sein, auch nach Jahrzehnten noch.

Kadereit schlägt eines der grauen Faszikel auf. "Das hier pflegen wir besonders", erklärt sie. Ausnahmsweise kommen rote Pappdeckel zum Vorschein. Hier ruht eine Seerose aus Ruanda, Nymphaea thermarum. Sie kam 1987 an die JGU und wurde hier erstmals als eigene Art identifiziert. Schmale Pappstreifen fixieren die Pflanze auf einem Blatt Papier. Ein Abdruck des Aufsatzes liegt bei, mit dem der Botaniker Dr. Eberhard Fischer der Fachwelt seinen Fund präsentierte.

"Holotypus" nennt sich dieser besondere Beleg. Von der Seerose existiert nur ein einziger. Denn selbst wenn Nymphaea thermarum in einem anderen Herbarium zu finden ist: Entdeckt wurde die Art durch Fischer aus Mainz, nur hier steckt sie im roten Umschlag.

Aufbruch in die digitale Welt

Weltweit gibt es rund 3.600 Herbarien. Die Mainzer Sammlung ist eher klein. In Berlin oder London geht die Zahl der Belege in die Millionen. "Bei uns lässt sich sehr gut arbeiten, weil die Sammlung überschaubar ist", so Kadereit.

Diese Überschaubarkeit wäre noch besser, wenn die Sammlung digital inventarisiert wäre. Daran arbeiten Kadereit und ihre Helfer gerade. Sie haben sich der Datenbank des Wiener Herbariums angeschlossen, wo das Mainzer Herbarium unter dem Kürzel MJG, Mainz Johannes Gutenberg, firmiert. Rund 10.000 Belege der Mainzer Sammlung sind bereits online, darunter eine große Sammlung zur Flora von Rheinland-Pfalz.

Der größte Feind des Herbariums

Vom Dach führt Kadereit hinunter in den Keller, denn nicht die gesamte Mainzer Sammlung ist umgezogen. Die Pilze etwa lagern im Keller. Es geht vorbei an einem summenden Kühlschrank. "Der größte Feind des Herbariums ist die Herbarkäfer", erzählt sie. Die kleinen Insekten tun sich an den getrockneten Pflanzen gütlich. Deswegen wird jedes Faszikel etwa einmal im Jahr bei rund minus 25 Grad Celsius schockgefrostet.

In den Kellerräumen angekommen, präsentiert die Botanikerin einen kleinen Plastikeimer. An dessen Boden schwimmen in einer Flüssigkeit einige wenige Käfer. "So stellen wir die Befalldichte fest." Derzeit bewegt sie sich im normalen Rahmen. Doch es gab schon Ausbrüche, die es nötig machten, das gesamte Institut per Sauerstoffmangel von der Plage zu befreien. "Das ist eine sehr kostspielige Prozedur." Und Geld ist knapp, wenn es ums Herbarium geht. "Es wird aus den Mitteln unseres Instituts unterhalten."

In den Schränken hier unten stapeln sich Behälter mit getrockneten Pilzen. Einige scheinen vertraut mit ihren typischen Hüten, andere wirken wie Wesen aus einer anderen Welt. "Dass wir eine so ausführliche rheinland-pfälzische Pilzsammlung haben, ist kaum bekannt", erzählt Kadereit, bevor sie sich bückt und ein paar graue Faszikel aus einem Regal fischt.

Unbekanntes aus Costa Rica

Sie enthalten Pflanzenproben aus Costa Rica, Beispiele der Páramo-Vegetation. Es sind Podostemaceae aus den Flüssen und Quellen Zentralamerikas. "Sie sehen wie Algen aus, sind aber Blütenpflanzen." Meinhard Grubert ist als Sammler auf den Etiketten verzeichnet. 1972 war er auf Forschungsreise. Doch zu den Belegen fehlt oft der Name der einzelnen Pflanzenart. Hier liegt also etwas, das es noch zu erforschen gilt.

In den letzten Jahren hat sich einiges getan im Herbarium der JGU: der neue Raum, die Digitalisierung der Bestände ... "Ich hätte gern noch mehr Zeit dafür", sagt Kadereit. Sie arbeitet an einer ausführlichen Internetseite, ein neues Logo fürs Herbarium gibt es bereits. Und aktuell sammelt sie mit Helfern im Ober-Olmer Wald. "Das Gebiet ist sehr artenreich, aber bisher nirgends dokumentiert."

Das Herbarium wird also weiterwachsen, das ist sicher. Dr. Gudrun Kadereit und ihre Helfer tun, was sie können.