Wie misst der Wissenschaftler den Salat?

15. Mai 2013

Die Gruppe ist klein, das Engagement riesengroß: Acht Schülerinnen und Schüler sind im neuen Forschergarten der Grünen Schule den Geheimnissen von Salat, Erbse und Tomate auf der Spur. Auf dem Gelände des Botanischen Gartens der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) pflanzen und forschen sie ein Gartenjahr lang.
 

"Salat ist cool", sagt die elfjährige Laura, während sie die fiesen Disteln aus dem Beet buddelt. "Die Dinger scheinen sich hier wohl zu fühlen", meint das Mädchen stirnrunzelnd. Auch Schneckenfraß macht den Salatköpfen zu schaffen.

"Wir wollten auf jeden Fall etwas mit Salat machen", nimmt die zwölfjährige Maria den Faden auf. "Wir wollen sehen, ob das neumodische Superdüngerzeug besser ist als Tierkot oder organischer Dünger. Meine Mutter will immer Biosachen kaufen, mein Vater nicht so. Da fand ich es eine gute Idee, mal selbst zu gucken, wie das ist mit Bio."

Der Forschergarten im Botanischen Garten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz bietet den Mädchen Gelegenheit, in Sachen Bio und Co. zu ermitteln. Dieses neue Angebot der Grünen Schule des Fachbereichs Biologie startete Anfang März 2013. Im September wird es mit der Ernte des gepflanzten Gemüses enden. Dann wird gemeinsam geerntet, geschnippelt, gekocht und gebraten. Doch bis dahin soll noch einiges passieren.

Junge Forscher im Botanischen Garten

Dr. Ute Becker leitet die Grüne Schule und hat auch den Forschergarten ins Leben gerufen. Ein ganzes Gartenjahr lang können hier Schülerinnen und Schüler der fünften bis siebten Klassenstufe auf Tuchfühlung gehen mit Erbsen, Kohlrabi und Mais. "Die Kinder dürfen sich selbst aussuchen, welche Pflanzen sie untersuchen und welches Experiment sie entwickeln wollen."

Gerade zupfen drei Jungs und fünf Mädchen auf ihrem Versuchsbeet inmitten des Botanischen Gartens Unkraut. "Die Gruppe ist klein, da können wir sehr intensiv arbeiten", so Becker. Ihr Forschergarten startete als Pilotprojekt. Wie er in den folgenden Jahren in das reiche Bildungsangebot der Grünen Schule eingebunden wird, soll sich erst nach dem Probelauf genau klären. Eine Idee hat Becker aber schon: "Vielleicht können wir das Projekt beim Wettbewerb 'Jugend forscht' einreichen."

Drei Abteilungen haben sich im Forschergarten gegründet. Maria und Laura widmen sich gemeinsam mit der zwölfjährigen Anika in der ersten Gruppe dem Komplex der Salatdüngung. Eine ihrer Pflanzreihen wächst ganz ohne Dünger heran. Die nächste kam in den Genuss des von zu Hause mitgebrachten Kaninchenkots, eine dritte bekam organischen Dünger und die letzte wurde mit dem "Superdüngerzeug" namens Blaukorn behandelt.

Blaukorn oder nicht Blaukorn?

"Puh, stinkt das", kommentiert Anika den Geruch der leuchtend blauen Kunstdüngerkörner. "Blaukorn, das sind letztlich ganz viele Salze, Stickstoff in sehr hoher Konzentration", erklärt Becker. "Der Salat scheint damit besser zu wachsen", meint Maria. Aber das ist natürlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Wie wirkt sich diese Chemie auf die Chemie des Salats aus? Das wird noch zu klären sein. "Vielleicht können wir die Blätter später unter dem Mikroskop anschauen", überlegt Maria.

Neben der Tuchfühlung mit den Pflanzen geht es also auch um das Einüben wissenschaftlicher Praktiken. "Wie können wir nachher messen, welcher Salat am besten gewachsen ist?", fragt Nina Rickerts die Schülerinnen und Schüler. Die junge Frau hat sich für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr an der Grünen Schule entschieden. "Im Idealfall soll man als FÖJler ein eigenes Projekt entwickeln", erzählt sie. Der Idealfall ist hier eingetreten – zumindest beinahe. Rickerts feilt tüchtig mit am Konzept des Forschergartens.

Wie lässt sich Salat denn nun messen? "Man könnte den Durchmesser der Salatköpfe nehmen", schlägt Laura vor. Aber so einfach kommt sie nicht davon. "Wo genau misst du den?", hakt Rickerts nach. "An den äußeren Blättern vielleicht?" Langsam tasten sich die jungen Forscherinnen und Forscher vor. Man könnte auch das größte Blatt ausmessen, die Höhe des Salatkopfs oder sein Gewicht …

Salat und Erbsen im Test

"Es ist immer so beim Forschen, dass man sich vorher Gedanken machen muss, wie man etwas so misst, dass es nachher vergleichbar ist mit anderen Ergebnissen", erläutert Becker Grundsätzliches. "Dazu ist es am besten, gleich mehrere Maße zu haben."

Auch die zwölfjährige Lea Florine und die dreizehnjährige Emily werden später Salatköpfe messen. Ihre Neugier wurde durch die Aufschrift auf einem Saattütchen geweckt. "Da stand, dass man den Salat von März bis Mai aussäen soll und dann erst im Juli wieder", erzählt Lea. "Aber warum?" Die beiden Mädchen werden die Aufschrift missachten. Alle zwei Wochen säen sie eine Charge Salat aus und vergleichen, wie die Köpfe sich entwickeln.

Die dritte Gruppe hat sich derweil der Erbsenforschung verschrieben. Der zwölfjährige Nicolas hat gemeinsam mit Julian und Jonas, beide zehn Jahre alt, drei Beete angelegt. Auf einem wachsen Erbsen im Schutz eines einfachen Gewächshauses aus Plastikfolie, in einem weiteren ist der Boden um die Pflanzen mit einer Plane abgedeckt und im dritten Bereich wachsen die Hülsenfrüchte quasi nackt aus der Erde.

"Wir sind neugieriger als ältere Menschen"

Auf die Frage, ob er schon einen Unterschied sieht, antwortet Julian wissenschaftlich höchst korrekt: "Dazu können wir jetzt noch nichts sagen, wir müssen erst eine Messmethode entwickeln."

Neben den drei großen Forschungsprojekten läuft noch einiges mehr. "Wir pflanzen Tomaten, damit wir später Ketchup machen können", erklärt Laura. Einen Meter weiter wird Kohlrabi mal mit Blaukorn, mal mit organischem Dünger behandelt. Und am Rand des Forschergartens wächst Mais. Schließlich soll neben der Wissenschaft auch die erdige Gartenarbeit nicht zu kurz kommen.

Das Engagement der acht Nachwuchsforscherinnen und -forscher ist groß. Ein Gartenjahr lang sollen sie bei der Stange bleiben. Doch darin sieht niemand ein Problem. "Ich mache gern so Sachen draußen", fasst Maria die Motivation der Gruppe zusammen. "Und wenn man jünger ist, probiert man doch viel mehr aus. Wir sind neugieriger als ältere Menschen." Dann kniet sie sich wieder über ihre Salatköpfe. Da sprießen immer noch diese Disteln. "Die wachsen wirklich gut hier", sagt sie kopfschüttelnd und macht sich an die Arbeit.