Wie die Franzosen die Komparatistik nach Mainz brachten

17. Mai 2013

Ein in Deutschland einmaliges Institut und Schätze des Mainzer Universitätsarchivs waren die beiden großen Themen bei einem Vortragsabend in der Zentralbibliothek der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Der Forschungsverbund für Universitätsgeschichte will mit dieser und ähnlichen Veranstaltungen die Historie der Hochschule beleuchten. Die Komparatistik machte den Anfang.
 

In der Vitrine liegt ein schwarzes Barett, daneben ruhen Handschuhe und eine Fliege in Weiß. Universitätsarchivar Dr. Christian George präsentiert dazu noch einen schwarzen Talar. All dies sind Exponate aus dem Nachlass von Frank Brommer, einst Professor für Klassische Archäologie an der JGU. Sie haben eine sichere Bleibe im Mainzer Universitätsarchiv gefunden. George hat sie für eine kleine Ausstellung ans Licht geholt. "Bis in die 1960er Jahre trugen die Professoren solche Talare", erzählt der Archivar.

Der Forschungsverband für Universitätsgeschichte Mainz (FVUG) hatte in die Zentralbibliothek geladen, um mit zwei Vorträgen zwei sehr unterschiedliche Facetten aus der Historie der Universität zu beleuchten. George sollte vom Archiv berichten und Tobias Gunst würde in seinem Vortrag die Anfänge der Vergleichenden Literaturwissenschaft in Mainz skizzieren.

Auch Prof. Dr. Mechthild Dreyer, Vizepräsidenten für Studium und Lehre an der JGU, war der Einladung des FVUG gefolgt. "Die Universität hat eine lange Geschichte", betonte sie zur Begrüßung. "Das Interesse an der Universitätsgeschichte dagegen ist vergleichsweise neu. Wir halten die Befassung damit aber für sehr wichtig."

Vom Hunger nach Kultur

1946 wehte ein "neuer Geist an Deutschlands Universitäten" – so steht es zumindest in der Zeitschrift Universitas, als in Mainz der erste Lehrstuhl für Vergleichende Literaturwissenschaft eingerichtet wurde.

Tobias Gunst, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, berichtet in seinem Buch "Die Ausformung eines europäischen Bewusstseins" ausführlich von dieser Zeit, von den ersten Jahren seines Fachs in Mainz und von einem Professor, der die Vergleichende Literaturwissenschaft an der JGU prägte: Friedrich Hirth. Im Vortrag skizziert Gunst das Ergebnis seiner Recherchen.

Die Stadt Mainz war 1945 zu 80 Prozent zerstört. Die Not war groß, es fehlte an vielem. In dieser Zeit registrierte die französische Besatzungsmacht ein nicht unbedingt erwartetes Bedürfnis in der Bevölkerung: den Hunger nach Bildung und Kultur. Im Mainzer Anzeiger vom 30. November 1945 ist zu lesen: "Wir wollen den Blick über die Grenzen, wir möchten das Herz der Welt wieder schlagen hören."

Eine Universität neuen Geistes

Das kam den Franzosen, allen voran Raymond Schmittlein, Leiter der Direction de l'Education Publique, sehr entgegen. Sie wollten die Umerziehung und Demokratisierung in Deutschland vor allem über Kultur und Bildung vorantreiben. Dazu gehörte auch die Gründung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz als "Universität neuen Geistes". "Schmittlein wollte weg von der verknöcherten Uni mit ihren apolitischen Professoren", so Gunst.

Ein Fach, das unter den Nazis als "jüdisch" geschmäht wurde und in Deutschland bis dato nicht Fuß fassen konnte, war Schmittlein besonders wichtig: die Komparatistik. Er initiierte die Gründung eines Lehrstuhls für Vergleichende Literaturwissenschaft. Diese Disziplin entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Gegengewicht zum Paradigma der in sich geschlossenen Nationalliteratur. Es betonte, wie wichtig und fruchtbar der Austausch unter Kulturen und Literaturen ist.

Als erster Professor für Komparatistik kam Friedrich Hirth nach Mainz. Der gebürtige Wiener jüdischer Abstammung hatte sich in Paris als Journalist einen Namen gemacht. Sein Buch "Hitler oder der entfesselte Kriegstreiber" von 1930 erwies sich als höchst hellsichtig.

Kein Studiengang, aber 200 Studierende

Gunst beschreibt die Schwierigkeiten des neuen Professors. Die Finanzierung seiner Stelle als Stiftungsprofessur blieb lange unsicher, obwohl die Vorlesungen gut besucht waren. "Es kamen bis zu 200 Studierende und das, obwohl es noch gar keinen Studiengang, keinen Abschluss gab." Gunst zeigt ein Foto von Hirth: Natürlich lehrt er in Talar, mit Fliege und Barett.

Die Franzosen sicherten vorerst die Existenz des Fachs. Das erste selbstständige komparatistische Institut in Deutschland entstand also in Mainz. Zwar machte das Beispiel Schule, doch an vielen Universitäten ist die Komparatistik als selbstständige Disziplin inzwischen wieder verschwunden. Die JGU steht nun wieder einzig da mit ihrem Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft.

Geschichten wie diese können nur erzählt werden, weil es Institutionen wie das Universitätsarchiv gibt. Dr. Christian George übernahm im Sommer 2012 die Leitung des Archivs an der JGU und sah sich einigen Herausforderungen gegenüber, von denen er nun berichtet.

Herausforderungen fürs Archiv

Rund 1.300 Meter Archivgut, darunter Akten, Fotos, Zeitungsausschnitte und eine ganze Reihe Nachlässe lagern an mehreren Orten auf dem Campus. George selbst hat sein Büro in der Zentralbibliothek.

Hier wie da lagern viele Dokumente in überfüllten Ordnern. Metallteile wie rostende Büro- oder Heftklammern machen ihnen zu schaffen. "Wir haben begonnen, diese Dokumente zu entmetallisieren und umzulagern", berichtet George. Sie werden bald umziehen in den Keller im Haus Recht und Wirtschaft. Aber auch wenn das geschafft ist, bleibt noch viel Arbeit. "Vierzig Prozent unserer Bestände sind noch völlig unerschlossen."

Der Archivar wirbt für sein Archiv und seine Dokumente. "Wir können Forschende viel individueller und intensiver betreuen als ein großes Archiv." Noch kämen nur wenige. "Deswegen wollen wir eine stärkere Sichtbarkeit des Archivs erreichen." Hierzu sollte Georges Vortrag beitragen – aber auch die "Schätze aus dem Universitätsarchiv", die an diesem Abend in zwei Vitrinen präsentiert werden, sollen helfen.

Ein Talar geht um

Da ist ein Luftbild vom Universitätscampus im Jahr 1946 zu sehen, ein Foto von Studierenden, die direkt nach dem Krieg zum Arbeitsdienst verpflichtet wurden. Von Prof. Dr. Wilhelm Troll, dem Gründer des Botanischen Gartens der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, liegen herrliche Zeichnungen aus. Und ein Koffer enthält den Nachlass von Dr. Karl Feldbusch. Er vermachte sein Vermögen der Universität. "Was ihn mit unserer Hochschule verband, konnte ich noch nicht ermitteln", erzählt George. "Aber im Koffer finden sich etwa 20 verschiedene Testamentsentwürfe."

Das Interesse an den Exponaten war groß an diesem Abend. Der Talar ging nicht nur von Hand zu Hand. Manch ein Besucher konnte einer kurzen Anprobe nicht widerstehen, bevor er jetzt wieder im Archiv verstaut wird.