Konzert für Stahlgeländer und Infusionsbesteck

23. Juni 2013

Die KLANG_BAU_STELLE lud zur Expedition ins Treppenhaus der Hochschule für Musik ein. Jeder konnte mitmachen bei diesem Workshop, der das 16. Festival MainzMusik um ein paar außergewöhnliche Noten bereicherte.
 

So ein Treppenhaus ist eigentlich immer Nebensache, es ist nur ein Weg, um das Ziel zu erreichen. Kaum jemand wird seinen steinernen Stufen, dem Stahlgeländer und dem weiten Raum besondere Aufmerksamkeit schenken – oder?

Es brummt und quietscht, es tropft und scharrt. Auch Stimmen sind zu hören. "Kaspar, wo kommt denn das Kabel rein? Damit kenne ich mich überhaupt nicht aus." – "Ich glaube, der Lötkolben ist jetzt heiß genug ... Nee, doch nicht. Ist der überhaupt an?" – "Das hier, das ist doch ein cooles Geräusch."

Seit 10 Uhr morgens werkeln 13 Studierende im Gebäude der Hochschule für Musik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) an der KLANG_BAU_STELLE. "Wir werden versuchen, dieses Treppenhaus gemeinsam zum Klingen zu bringen", erklärt Prof. Peter Kiefer, seit 2001 Professor für Neue Musik und Neue Medien an der JGU. "Wir wissen noch nicht, was am Schluss dabei herauskommt. Wir machen uns auf die Suche nach spannenden Geräuschen. Dieser Raum soll begreifbar werden."

Kanister, Klebeband, Toilettenpapier

Der Workshop KLANG_BAU_STELLE ist Teil des "KLANGfarben"-Programms, dem 16. Festival MainzMusik der universitären Hochschule für Musik, das mit Konzerten und anderen Veranstaltungen einige Dimensionen der Neuen Musik ausloten will. Gemeinsam mit seinem Kollegen Prof. Dr. Birger Petersen, Professor für Musiktheorie, hat Kiefer die künstlerische Leitung von MainzMusik 2013 übernommen. Und für den Workshop hat er sich Unterstützung geholt: Der Komponist und Klangkünstler Kaspar König ist aus Zürich angereist.

Tiffany Gauger und Malte Kuckel studieren eigentlich Schulmusik. Nun aber arbeiten sie mit Kanister, Infusionsbesteck und Tape. Über den Infusionsschlauch soll aus dem zweiten Stock Wasser nach unten in eine Wanne tropfen. Dort nimmt ein Mikrofon das Geräusch auf. "Wir haben festgestellt, dass der Schlauch allein ins Schlingern gerät", erzählt Gauger. Also mussten die beiden ihn stabilisieren. Irgendwann kamen sie auf die Idee, die Apparatur in Papier zu wickeln.

Mit solchen praktischen Problemen bekommen es die Klang-Bauarbeiter allenthalben zu tun. Im ersten Stock ist eine Art provisorische Werkbank entstanden, an der Mini-Mikros zusammengebaut werden – oder kleine Tonmaschinen rund um ordinäre Bleistifte. König ist dabei sehr gefragt. Er kennt sich mit jeder Kleinigkeit aus. Viele der Workshop-Teilnehmer studieren an der Hochschule für Musik, aber auch für sie ist das Basteln eines Instruments aus einem Badminton-Schläger eine komplett neue Aufgabe.

Den idealen Klang selbst bestimmen

König hat selbst in Mainz studiert: 2012 beendete er den Masterstudiengang Klangkunst und Komposition bei Prof. Peter Kiefer. Seinerzeit feierte er mit der Licht- und Klanginstallation "resonate" Erfolge. "Bei meinen Projekten plane ich sonst sehr genau, was entstehen soll", erzählt er. "Bei diesem Workshop sehe ich meine Aufgabe aber darin, Intuition anzustoßen und Kreativität anzuleiern. Dann schauen wir, was dabei herauskommt."

Diese Offenheit steckt an. Die Teilnehmer probieren aus, der Spieltrieb setzt sich durch. "Sonst ist man vom Instrument gefangen", sagt Kiefer. "Bei einer Geige sind sich die meisten einig, was der Idealklang ist, den man erreichen will. Sobald man aber seine Instrumente selbst baut, bestimmt man auch selbst, was der Idealklang ist."

Josef Schaubruch hat eine Papierbahn gespannt. Sie hängt vom Geländer im zweiten Stock und reicht bis in den Keller hinab. Nun bringt er Mikros an. Zwischendurch allerdings muss er immer wieder erklären, was hier überhaupt passiert. Studierende, die ins Haus kommen, um in den Probenräumen konventionellen Idealklängen nachzuspüren, wundern sich über die kreative Geschäftigkeit auf ihrem Weg. "Ich glaube, eine Installation wie diese polarisiert", meint Schaubruch. "Aber man kann damit auch unheimlich viel lernen und Vorurteile abbauen."

Geräusche gesucht und erarbeitet

Nach neun Stunden Arbeit sind die Klang-Bauarbeiter bereit. Phasen des freien Probierens haben mit Besprechungen gewechselt. Schließlich musste aus den Geräuschen eine Art Partitur werden. König und Kiefer, beide selbst erfolgreiche Künstler, hielten sich dabei zurück. Aber in Kiefers Gesicht machte sich Stunde um Stunde mehr Zufriedenheit breit. "Das war eine gute Gruppe", meint er, bevor er sich ans allmählich eintreffende Publikum im Treppenhaus wendet. Der Professor warnt: "Sie werden ungewohnte Geräusche hören, die wir uns gesucht und erarbeitet haben."

Es beginnt mit Stimmen: "Bsssss ... Aaaaahhhh ... Schschsch ..." Die Akteure verteilen sich. Als Klang-Bauarbeiter tragen sie Leuchtwesten, hier und da blinkt ein weißer Bauarbeiterhelm. Ein wenig Mummenschanz darf sein und auch Humor blinkt immer wieder auf.

Blech scheppert und hallt durch den offenen Raum. Es folgt ein dumpfes Klopfen von einem Heizkörper, ein vibrierendes Jaulen des Geländers, ein Scharren auf Papier, ein Reißen, ein Schnitt. Alles wird zu Klang.

Kakophonie des Stühlerückens

Dann der Rhythmus der Wassertropfen: "Plop, plop, plop ..." Aus dem Spiel mit den Badminton-Schlägern wird etwas, das entfernt nach E-Gitarren-Solo klingt. König spielt dazu auf einer meterlang durchs Treppenhaus gespannten Stahlsaite. Zuletzt mündet alles in einer Kakophonie des Stühlerückens. Rote Metallbeine kreischen schmerzhaft laut übers Parkett.

Der Raum ist zum Instrument geworden, zu einer Spielwiese, zum Ziel einer künstlerischen Expedition. Die Akteure sind erschöpft, aber zufrieden. Mancher Gast schaut etwas verunsichert drein, andere sind begeistert.

Nach gut 20 Minuten wird das Treppenhaus wieder zur Wegstrecke. Schon geht es in den Roten Saal zum nächsten Konzert. Das 16. Festival MainzMusik ist aber noch nicht zu Ende.