Eine Brücke zum Gezi-Park

7. Juli 2013

In den deutschen Medien ist es schon wieder ruhig geworden um die Proteste in der Türkei. Doch die Lage ist weiter angespannt. Es gab Tote, Hunderte wurden verhaftet, Tausende verletzt. Der Weblog translateforjustice.wordpress.com liefert ständig Informationen zur aktuellen Situation. Studierende und Dozenten des Fachbereichs Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim haben dieses Projekt mit ins Leben gerufen.

"Wir sind besorgt." Dutzende türkische Künstler melden sich am 29. Juni 2013 zu Wort, darunter berühmte Schriftsteller wie Yaşar Kemal und Orhan Pamuk. "Kunst und Kultur sind wie unsere Lunge, sie erhalten uns lebendig, läutern unseren Schmerz und sind die Luft, die wir einatmen." Doch diese Luft wird ihnen genommen, nicht erst seit den Protesten in ihrem Land, den brutalen Aktionen gegen friedliche Demonstranten auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park.

"Wir als Künstler und Kulturschaffende, die die Werte, Probleme und das Leid dieses Landes sehen und fühlen, die in der Gesellschaft für ihr Engagement anerkannt werden, aber auch zu den Leidtragenden gehören können, erklären: Zorn und Hass liegen wieder in der Luft. Insbesondere die Geringschätzung der Künstler und Kulturschaffenden geht unvermindert weiter. Sie werden zur Zielscheibe erklärt, diffamiert, beschuldigt und müssen mit Repressionen rechnen."

Von Popsongs und Protestnoten

Drei Studierende und eine Professorin sitzen vor der Uni-Mensa in Germersheim. Auch sie sind besorgt. Seit Wochen schon. Sie sind Teil eines Netzwerks, das ungewöhnlich schnell entstand, als die Nachrichten aus der Türkei immer beunruhigender wurden: Auf der Internetseite translateforjustice.wordpress.com übersetzen sie zusammen mit Menschen aus aller Welt Texte zu den Protesten ins Englische, Deutsche, Chinesische und in neun weitere Sprachen.

Mal sind es die Verse eines Popsongs, mal ist es ein Gedicht, dann eine Protestnote des Türkischen Ärzteverbands oder die neueste Erklärung der Taksim-Solidaritätsplattform: "Heute ist der 29. Juni 2013. Seit fast genau einem Monat erheben wir unsere Stimme aus allen Teilen unseres Landes, von den öffentlichen Plätzen der Städte, den Parks, aus unseren Wohnungen, Kammern, Gewerkschaften, Parteien, Dörfern – kurz: Wir rufen weiterhin von überall, wo wir uns befinden."

"Ich musste unbedingt etwas machen", konstatiert einer der Studierenden. Der 24-Jährige ist vor einem Jahr aus der Türkei an den Fachbereich für Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) in Germersheim gekommen. "Wir haben in unserem Studium schon über die Verantwortung von Übersetzern geredet", erzählt er, "aber doch eher theoretisch." Jetzt stellt sich der Student dieser Verantwortung ganz praktisch. Gemeinsam mit einem Dutzend Kommilitonen und Dozenten des Fachbereichs ist er einer der "Translators for Justice": "Als Übersetzer wollen wir Brücken bauen zwischen den Menschen und den Ländern."

Vom Übersetzen in Nachtarbeit

"Wir haben beschlossen, auf der Internetseite anonym zu bleiben", erzählt Prof. Dr. Dilek Dizdar, Professorin für Interkulturelle Germanistik und stellvertretende Sprecherin des Zentrums für Interkulturelle Studien (ZIS) an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. "Wir machen zwar nichts Illegales, aber wir sind trotzdem vorsichtig." Diese Vorsicht ist ihr gerade mit Blick auf die mitwirkenden Studierenden sehr wichtig, die völlig unabhängig von ihrem Studium eine Menge Arbeit in das Projekt stecken. "Es ist besser, wenn sie nicht namentlich in einem Text auftauchen."

Also bleiben sie anonym. Der 24-Jährige, der vor einem Jahr nach Germersheim kam, der 25-Jährige, der hier seit zwei Jahren studiert, oder die 25-Jährige, die von sich selbst sagt: "Ich habe mit Politik sonst eigentlich nicht viel zu tun. Aber jetzt musste ich mich engagieren." Die Arbeit für das Projekt sei ganz anders als das Übersetzen im Studium. "Wir müssen schnell sein. Aber das macht nichts, ich bin eine Nachtarbeiterin."

Dizdar selbst stand in den letzten Wochen vor Kameras und gab Interviews, denn die Übersetzungsaktion hat in Deutschland mediale Wellen geschlagen. Unter anderem berichtete die ARD in ihren Nachrichtensendungen davon. "Ich möchte aber eigentlich nicht so sehr im Vordergrund stehen", sagt die gebürtige Tübingerin mit Wurzeln in der Türkei. "Ich sehe mich mehr als Sprecherin einer kollektiven Aktion."

Vom Druck auf soziale Medien

Doch sprechen muss sie, wenn es um die Vorgänge in der Türkei geht. Sie erzählt vom Protest der Menschen, von der Kreativität bei den Demonstrationen und von der betonten Friedlichkeit der vielfältigen Aktionen. Sie erzählt aber auch von der türkischen Regierung und dem Premier Erdogan, die immer mehr und immer aggressiver in die Privatsphäre der Menschen eingreifen, die Freiheitsrechte beschneiden und auf allen Ebenen das Leben im Land in konservativ-islamische Bahnen lenken wollen.

"Anfangs war die Berichterstattung darüber in Deutschland recht platt. Auch die Journalisten wussten wohl nicht so recht, wie sie die Proteste einschätzen sollten", erinnert sich Dizdar. Inzwischen sei das anders, doch die Ratlosigkeit der ersten Tage habe ihr klar gemacht, wie wichtig es sei, Quellen zu liefern und aktuelle Texte aus der Türkei und über die Türkei zugänglich zu machen.

Zuerst geschah das mit einem von der Türkei aus organisierten Blog unter dem Titel "Translate for Gezi!". Aber in der Türkei wird derzeit seitens der Regierung Druck auf soziale Medien ausgeübt. Da schien es sicherer, eine neue Website ins Leben zu rufen. Mit dem Titel "Translate for Justice" hat sich das Projekt nun einen breiteren Rahmen gegeben. In der Zukunft soll die Übersetzungstätigkeit nicht auf Texte zu den Vorgängen in der Türkei beschränkt bleiben.

Vom friedlichen Widerstand

Im Moment ist daran allerdings kaum zu denken. Auch wenn es in den deutschen Medien stiller geworden ist um die Proteste auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park, so bleibt die Situation doch hochexplosiv. Demonstranten kamen ums Leben und Erdogan beschimpft seine eigenen Landsleute als "Terroristen" oder "Marodeure", obwohl die den rücksichtslosen Polizeiaktionen weiterhin nur friedlichen Protest entgegensetzen.

Wie sich das weiterentwickeln wird, wagt niemand zu prognostizieren. "Ich schlafe schlecht", sagt Dizdar, "und ich merke, dass ich viel über die Lage in der Türkei erzählen will." Das kannte sie so bisher nicht. "Ich sehe zugleich, dass es allen möglichen Berufsgruppen so geht", so die Professorin. "Viele schreiben Beiträge, Texte, Zeitungsartikel, auch im deutschsprachigen Raum. Das sind oft die besten Informationsquellen."

Dabei vergisst sie für einen Moment die wichtige Informationsquelle, die sie und ihre Studierenden seit einigen Wochen so fleißig nähren, die Webseite "Translate for Justice".