Prävention steht im Mittelpunkt

19. September 2013

Anfang des Jahres startete das Projekt "Akademische Integrität" an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Es soll nicht nur die Aktivitäten zur Verhinderung von wissenschaftlichem Fehlverhalten auf dem Campus bündeln, sondern Studierenden, Lehrenden und Forschenden ganz praktische Hilfen an die Hand geben.
 

6.000 Studierende gaben Auskunft: 18 Prozent von ihnen plagiieren innerhalb von sechs Monaten mindestens ein Mal. Das Abschreiben in Klausuren scheint ein Massenphänomen zu sein: 37 Prozent bekennen sich dazu. Und nur die Hälfte aller Befragten findet ein Plagiat überhaupt verwerflich.

Mit diesen Zahlen wartete Sebastian Sattler bei der 2. Mainzer Tagung zur Akademischen Integrität an der JGU auf. Der Leiter der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Fairuse-Studie war nach Mainz gekommen, um das Ausmaß von Plagiaten und ähnlichen Verstößen an Hochschulen zu skizzieren. Damit eröffnete er einen Reigen der Referentinnen und Referenten, die im Juli 2013 zwei Tage lang unter dem Titel "Zwerge mit den Schultern von Riesen – Akademisches Fehlverhalten als Teil des Wissenschaftssystems?" in der Alten Mensa diskutierten.

Zwei Monate später sitzen Nicole Walger und Dominik Schuh in einem lichtdurchfluteten Büro in der Zentralbibliothek der JGU. Die beiden sind der Motor hinter dem Projekt "Akademische Integrität", das vor einem halben Jahr startete. Sie organisierten auch die Tagung, die eines von vielen Puzzleteilen ihrer Arbeit auf dem Campus ist. Es geht darum, wissenschaftliches Fehlverhalten an der JGU zu verhindern. Das Problem ist hochaktuell und komplex zugleich.

Noch fehlen Untersuchungen und Zahlen

"Es gibt keine Universität, die Zahlen über akademisches Fehlverhalten hat. Keine kann zum Beispiel sagen: 'Wir haben 20 Prozent Plagiate'", so Dominik Schuh. "Es gibt nicht einmal grobe Schätzungen." Sattlers anonymisierte Befragung sei ein erster Fingerzeig, mit welchem Ausmaß man es zu tun habe. "Aber sonst haben wir nur sehr vage Kenntnisse. Da müssen wir Klarheit schaffen." Eine erste Erhebung, die im Rahmen eines Tests für Plagiatsdetektionssoftware bei zwei Einführungsseminaren der Politikwissenschaft an der JGU durchgeführt wurde, scheint die Quoten der Fairuse-Studie zu bestätigen. Aber auch dies kann nur ein Puzzleteil sein.

Walger richtet den Blick auf die Kernidee hinter dem Projekt "Akademische Integrität". "Es geht uns nicht so sehr um Sanktionen. In erster Linie setzen wir auf Prävention. Hinter wissenschaftlichem Fehlverhalten steckt nicht immer eine böse Absicht. Studierende haben zum Beispiel wenig Unrechtsbewusstsein, wenn sie digitale Medien plagiieren." Die Thematik müsse in den Fokus der Studierenden, aber auch der Lehrenden und Forschenden gerückt werden. "Wir brauchen allgemein bekannte Leitlinien zur guten wissenschaftlichen Praxis und akademischen Integrität."

Schuh und Walger stehen noch am Anfang ihrer Arbeit, auch wenn schon einiges geschehen ist. Sie bündeln die Angebote, die es bereits auf dem Campus gibt, und arbeiten eng mit Einrichtungen wie der Abteilung Studium und Lehre, dem Zentrum für Qualitätssicherung und -entwicklung (ZQ), dem Zentrum für Datenverarbeitung (ZDV), dem Gutenberg Lehrkolleg (GLK), der Psychotherapeutischen Beratungsstelle (PBS) oder der Campusweiten Schreibwerkstatt der Universität zusammen. Sie entwickeln darüber hinaus neue Angebote und Konzepte. "Wir fragen uns: Was fehlt eigentlich noch, was benötigen wir?", erklärt Schuh.

Bessere Betreuung der Studierenden ist wichtig

"Eine verbesserte Betreuung der Studierenden durch die Lehrenden ist sehr wichtig", nennt Walger einen zentralen Aspekt. "Personale Konstellationen spielen bei akademischem Fehlverhalten immer eine Rolle. Dozentinnen und Dozenten, Betreuerinnen und Betreuer sollten mehr für die Studierenden da sein."

Ein enger Kontakt sei die beste Prävention. "Lehrende bemerken dann schon in einem frühen Stadium, wo Schwierigkeiten entstehen, die zu Fehlverhalten führen könnten. Sie registrieren schnell, wenn bei ihren Studierenden etwas aus dem Ruder läuft, und können gegensteuern."

Eine wissenschaftliche Arbeit etwa, die während des gesamten Entstehungsprozesses betreut werde, die mehrmals gegengelesen und diskutiert werde, könne kaum Plagiate enthalten. Schon der interaktive Entstehungsprozess verhindere dies. "Aber das alles bedeutet natürlich mehr Aufwand für die Lehrenden", räumt Walger ein.

Sanktionen sind nur ein letzter Schritt

Das Projekt will deswegen Hilfen an die Hand geben. Eine Toolbox, ein allgemein verfügbarer Werkzeugkasten in Sachen Akademische Integrität, ist in Arbeit. "Der muss natürlich auf die einzelnen Fächer zugeschnitten werden", sagt Schuh. "Was einem Geisteswissenschaftler hilft, ist für einen Physiker vielleicht unbrauchbar." Einfache Checklisten zur Entdeckung von Plagiaten wollen Schuh und Walger anbieten. Empfehlungen zur Prävention, Informationstafeln zu Beratungsangeboten, aber auch Fallbeispiele wird die Toolbox enthalten. "Wir wollen hier Wissen bündeln, sammeln und bereitstellen."

Sanktionen sehen Schuh und Walger nur als einen letzten Schritt. "Was das angeht, haben wir sowieso genug Möglichkeiten bis hin zur Exmatrikulation", so Schuh. "Wenn ich in den Informationsveranstaltungen, die ich zum Thema Plagiate halte, die möglichen Konsequenzen anschneide, kippt den Leuten schon mal die Kinnlade herunter.“

Der Plagiatsvorwurf gegen den damaligen Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat nicht nur eine öffentliche Diskussion angestoßen, auch die JGU hat reagiert. "Wir haben den Schwung des Skandals genutzt", sagt Schuh. "Aber nun müssen wir weg von dieser Skandalebene." Es gehe um die tägliche wissenschaftliche Arbeit. "Hier brauchen wir eine neue Kultur." Das Projekt "Akademische Integrität" ist ein großer Schritt in diese Richtung.