Expedition durch 470 Millionen Jahre Pflanzengeschichte

7. Oktober 2013

Kaum ein Ort der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) lädt so zum Ausspannen und Spazierengehen ein wie der Botanische Garten. Dabei ist er viel mehr als nur ein Naherholungsgebiet. Er ist ein Ort der Forschung und Lehre, ein Ort der Bewahrung seltener Pflanzen – und er ist die größte Sammlung, die der Campus zu bieten hat.
 

Es beginnt unter der Erde. Kühl ist es hier und feucht. Die Spätsommersonne scheint durch die Oberlichter. Dies ist das Erdhaus des Botanischen Gartens, ein kleiner Kellerraum, behängt mit Orchideen. Der Besucher muss sich ducken, um einzutreten. Im Hintergrund brummt die Belüftung. Dr. Ralf Omlor steht vor einer Reihe unscheinbarer Blumentöpfe.

"So muss man sich die ersten Landpflanzen vorstellen", erzählt der Kustos des Botanischen Gartens und nimmt einen der Töpfe in die Hand. Dunkles, unscheinbares Grün scheint sich da in die Erde zu ducken. "Vor 470 Millionen Jahren fanden die Pflanzen den Weg aus dem Wasser ans Land." Es waren Moose wie dieses hier. Marchantia pappeana ist auf einem kleinen weißen Schild zu lesen. "Das ist ein Lebermoos", erklärt Omlor. "Es stammt aus dem tropischen Afrika."

Kleiner Pionier des Pflanzenreichs

Ein Großteil des Botanischen Gartens, der zum Institut für Spezielle Botanik gehört, ist öffentlich zugänglich. Der Erdkeller allerdings gehört nicht dazu. Hier gedeihen Pflanzen, die einerseits Licht brauchen, andererseits keine hohen Temperaturen vertragen. Das Lebermoos ist kein Hingucker, es zeigt keine bunten Blüten, keine schön gezackten Blätter. Doch darum geht es nicht unbedingt im Botanischen Garten. "Wir versuchen, einen Querschnitt durch die gesamte Pflanzenwelt vorzuhalten." Da ist solch ein Pionier wichtig.

Der Garten ist die mit Abstand größte und bekannteste Sammlung der JGU, auch wenn bei dem Stichwort Sammlung vielleicht nicht jeder sofort an dieses neun Hektar große Gelände denkt. Sammlungen – das sind Bücher oder Büsten, Zeugnisse fremder Kulturen oder edle Kunstwerke.

"Tatsächlich war der Garten bei seiner Gründung vor allem als Sammlung gedacht", so Omlor. Von 1946-1955 wurde er unter Federführung des Botanikers Prof. Dr. Dr. Wilhelm Troll angelegt. Er sollte Pflanzen für die universitären Lehr- und Forschungsaufgaben bereitstellen. Das ist bis heute so geblieben. Doch inzwischen bietet der Garten einiges mehr.

Omlor führt eine schmale Treppe hinauf. Der Aufgang mündet in einem der vielen Gewächshäuser. Einige Gärtnerinnen und Gärtner schauen kurz von ihrer Arbeit auf. Rund 30 beschäftigt der Garten – und er bildet auch aus. An die 9.000 verschiedene Pflanzen brauchen viele kompetente Hände.

Verwandtschaftsforschung in Sachen Dachwurz

Im Gewächshaus springt Omlor ungefähr 400 Millionen Jahre nach vorn. Er zeigt eine Pflanze, die aussieht, als hätte jemand Palmwedel rund um einen übergroßen Tannenzapfen gesteckt. "Das ist ein Vorläufer der Blütenpflanzen." Encephalartos villosus steht auf dem weißen Schildchen. Die Pflanze gehört zur Gruppe der Palmfarne.

Nun geht es hinaus ins Freie. Dort reihen sich in Töpfchen Hunderte von verschiedensten Exemplaren der Dachwurz. "Wir haben im Garten Dauersammlungen, aber auch temporäre Spezialsammlungen wie diese hier." Über Jahre wurde in Europa die Dachwurz gesammelt, nun geht es darum, das Verwandtschaftsverhältnis der einzelnen Arten zu klären. "Dies ist wahrscheinlich die weltweit größte Dachwurz-Sammlung", sagt Omlor. "Aber was passiert am Ende des Projekts damit?" Das ist jedes Mal ein Problem. "Wir können nicht alles behalten." Auch neun Hektar sind endlich.

Der Kustos findet überall Pflanzen, selbst auf den Wegen. Dort wächst die Zwergwolfsmilch. "So etwas kann man nicht gezielt kultivieren, das kommt einfach." Es kommt aus südlichen Breiten und ist nun hier heimisch. Auch darauf haben die Gärtnerinnen und Gärtner ein Auge.

Herrschaft der Blütenpflanzen

Das wissenschaftliche Herzstück des Gartens ist die Systematische Abteilung, ein bunter Teppich aus Beeten. Hier präsentieren sich die Blütenpflanzen wohlgeordnet nach Klassen, Ordnungen und Familien. Gräser gehören dazu, Bäume und vieles mehr. "Von den 300.000 Pflanzen weltweit sind 250.000 Blütenpflanzen", erklärt Omlor. Im Mittelpunkt der Anlage schwimmen Seerosen in einem Teich. "Sie gehören zu den allerersten Blütenpflanzen."

Längst ist der Botanische Garten der JGU mehr als nur ein Ort der Forschung und Lehre. Er ist zum Ausflugsziel geworden. In seiner Grünen Schule gehen Kinder und Jugendliche ein und aus, Feste und Führungen locken regelmäßig aufs Gelände. Diese Facette gewann in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung. So öffnete der jetzige Direktor, Prof. Joachim W. Kadereit, Anfang der 1990er Jahre viele Gewächshäuser erstmals für interessierte Laien.

Eine weitere Funktion des Botanischen Gartens ist die Bewahrung seltener Pflanzensysteme. Omlor führt zu einem davon: Als Überbleibsel eiszeitlicher Steppenlandschaft ist das Gebiet zwischen den Mainzer Ortsteilen Mombach und Gonsenheim einzig in Europa – beinahe: Im Garten wurde es auf einem kleinen Areal ein zweites Mal erschaffen.

"Hier können Sie Pflanzenvielfalt erleben", meint der Kustos. "Biologische Vielfalt gibt es nicht nur in den tropischen Regionen. Wir haben sie vor unserer Haustür." Die seltene Sandlotwurz, die Radmelde und das Sonnenröschen gedeihen hier auf sandigem Boden.

Pflanzentausch mit Partnergärten

Zum Abschluss des Rundgangs geht es in einen Raum voller Schubladen. "Das ist unser Backup", erklärt Omlor. Samen fast aller Pflanzen des Botanischen Gartens stecken in braunen Briefchen. "Jährlich schicken wir ein Verzeichnis unseres Bestands an rund 500 Partnergärten." Diese revanchieren sich mit ihrem Samenindex, um einen kostenlosen Austausch zu gewährleisten. "So können wir auf rund ein Drittel aller Pflanzenarten der Welt zugreifen."