Frühkindliches Lernen auf dem Prüfstand

28. November 2013

Wie funktioniert Lernen im Kindesalter? Wie muss Lernen aussehen, um effektiv zu sein? Prof. Dr. Daniel Schunk von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) leitet mit KIDS-WIN eines der größten Forschungsprojekte zu diesen Fragen. Hunderte von Mainzer Erstklässlern nehmen an der Studie teil, die belastbare Zahlen zu einem viel diskutierten Thema liefern soll.

KIDS-WIN ist ein Projekt mit Folgen – das zeigt sich am Beispiel der Peter-Härtling-Grundschule im Mainzer Stadtteil Finthen: Elf Zweitklässler sitzen vor Notebooks, die extra auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. (Foto: Uwe Feuerbach)Kleine Finger sausen über Tastaturen. Die Klassenlehrerin unterstützt, hilft und muntert auf. "Komm Leon, Zahlen zerlegen, das schaffst du."

"Es ist ein großer Vorteil, dass hier jedes Kind in seinem Rhythmus lernen kann", erzählt die stellvertretende Schulleiterin Linda Laux, während Leon sich zögernd ans Zahlenzerlegen macht. Das Projekt KIDS-WIN hat die Notebooks an die Grundschule gebracht. Sie sind nur ein Aspekt unter vielen in einem umfassenden Forschungsvorhaben, aber für die Lehrkräfte in Finthen sind sie ein Schatz. "Wir haben schon vorher versucht, moderne Medien in den Unterricht einzubeziehen", meint Schulleiterin Waltraud Schier. "Da kam diese Unterstützung gerade recht."

Im Hintergrund sitzt Prof. Dr. Daniel Schunk von der Abteilung Wirtschaftswissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, der Leiter des Forschungsprojekts "Kids Self-Regulation and Working Memory Intervention", kurz: KIDS-WIN. Heute lächelt er entspannt, denn sein Projekt hat Wurzeln geschlagen. An zwölf Mainzer Grundschulen und in 31 Klassen erforschen er und sein Team, wie stark und vor allem wie nachhaltig wichtige fächerübergreifende Kompetenzen wie Zielstrebigkeit, Geduld oder Selbstregulation bei Schülerinnen und Schülern trainiert werden können. Univ.-Prof. Dr. Daniel Schunk zu Besuch in der Peter-Härtling-Grundschule in Mainz-Finthen (Foto: Uwe Feuerbach)KIDS-WIN ist eines der größten Projekte, die jemals auf diesem Gebiet durchgeführt wurden. Über 550 Notebooks hatten die Wissenschaftler als Geschenk für die Schulen im Gepäck – und noch eine ganze Menge mehr.

Wann ist Bildung effizient?

Im Kern geht es um frühkindliche Erziehung und um Effizienz. "Man weiß inzwischen, dass das menschliche Hirn im frühen Alter sehr formbar ist", sagt Schunk. "Fähigkeiten wie Selbstregulation oder Fokussieren entwickeln sich sehr früh." Das ist die eine Seite. "Wir haben für die Bildung aber nur begrenzte Ressourcen. Die Frage ist nun: Wo setzen wir sie ein? Vieles fließt heute in die Erwachsenenbildung oder in die höheren Schulen. Aber bringt ein Euro, den wir in die frühe Bildung stecken, nicht viel mehr als derselbe Euro, wenn wir ihn erst später einsetzen?"

Diese Fragen werden derzeit viel diskutiert. "Aber es gibt zu wenig belastbare Zahlen dazu." Das stört den Professor für Public Economics an der JGU. "In der Pädagogik wird überhaupt vieles als heilsbringend verkündet, ohne dass es empirisch untersucht worden wäre." Hier soll KIDS-WIN Abhilfe schaffen. Schunk und sein Team geht es um harte, belastbare Zahlen, die ihre Thesen stützen – oder verwerfen.

Ein Forscherteam der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Universität Zürich, geleitet von Prof. Dr. Daniel Schunk und Prof. Ernst Fehr, tat sich zusammen, darunter neben Volkswirtschaftlern wie Schunk auch Psychologen und Pädagogen. Unterstützung fanden sie beim rheinland-pfälzischen Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur, der Schulaufsichtsbehörde und der zuständigen Schulrätin Annette Ernst.

IQ ist nicht alles

"Bei einem Projekt dieser Art sind ungeheuer viele Details zu beachten", sagt Schunk. "Es gab eine Phase, da haben mein Team und ich all unsere Energie in den Aufbau von Vertrauen vonseiten der Schulen, der Lehrer, der Kinder und ihrer Eltern gesteckt." Das war ihm wichtig. "Ich wollte eine Brücke schaffen von der Grundschule zur Hochschule. Es sollte ein echter Austausch stattfinden."

Schunk und sein Team brachten nicht nur die Notebooks mit. Sie hatten Arbeitsmaterial vorbereitet, hatten Handbücher und Schulungsangebote (Foto: Uwe Feuerbach)für die beteiligten Lehrer konzipiert und eigene Hilfskräfte eingewiesen. Im März 2013 startete die für das Projekt zentrale fünfwöchige Trainingsphase an den Mainzer Schulen. Allein in Finthen waren vier erste Klassen beteiligt.

Sie sollten auf verschiedenste Weise das einüben, was der Fachmann "motivationale Fähigkeiten" nennt. "Früher hieß es: Der IQ ist die Hauptsache. Ist er hoch, klappt alles. Inzwischen wissen wir, dass auch motivationale Fähigkeiten eine große Rolle spielen – emotionale Stabilität zum Beispiel oder Geduld. Sie sind wichtig für ein gelingendes Leben, ob für Freundschaften oder die Gesundheit, für die eigene Zufriedenheit oder für die berufliche Karriere." Gerade Kinder mit Lernschwächen können durch ein Training in diesen Bereichen viel aufholen. Folgerichtig ist ihre individuelle Förderung ein wichtiger Baustein von KIDS-WIN.

Motivation, Geduld, Zielstrebigkeit

Mit oft spielerischen Übungen sollten die Schülerinnen und Schüler ihr Arbeitsgedächtnis, ihre Motivation und vieles mehr fit machen. Einige Klassen nutzten dazu die Notebooks, in anderen kamen speziell entwickelte fachübergreifende Unterrichtseinheiten ohne moderne Medien zum Einsatz und in ein paar Klassen passierte gar nichts Außergewöhnliches. Sie sollten als Kontrollgruppen dienen.

"Vor dem fünfwöchigen Training testeten wir die Erstklässler an Touchscreens, direkt danach nochmals", erzählt Schunk. Seitdem ist ein halbes Jahr vergangen, die Kinder sind mittlerweile in der zweiten Klasse (Foto: Uwe Feuerbach)und Schunk ist nach Finthen zurückgekehrt, weil dort nun geschaut wird, was übrig geblieben ist vom Training. "Es geht uns bei dem Projekt auch um Nachhaltigkeit", sagt er. "Welche Fähigkeiten haben die Kinder entwickelt und behalten?"

Mitarbeiter von InfraTest sind für diese Nachprüfung angereist. Sie wissen nicht, welches Kind in welcher Klasse lernte. Alles soll möglichst objektiv ablaufen und dem Datenschutz muss auch Rechnung getragen werden. Deswegen hat Schunk die Profis auf diesem Gebiet dazugeholt.

Was muss verändert werden?

Marie sitzt nun vor einem Touchscreen-Computer und löst ihre Aufgaben. Das Mädchen schaut konzentriert auf den Bildschirm. Nur eine kurze Nachfrage lässt sie zu. Wie findet sie diesen Test? "Er ist spannend", sagt sie lächelnd. Dann runzelt sie die Stirn: "Aber es ist schon anstrengend." Schunk meint: "Wir hatten uns auch gefragt, ob die Motivation der Kinder am Touchscreen nachlässt. Das ist zum Glück nicht der Fall."

Bald wird das Team von KIDS-WIN an die Auswertung der ersten Datensätze gehen können. Eine Flut von Informationen erwartet die Wissenschaftler. "Wir haben auch Fragebögen an Lehrer und Eltern ausgegeben. Die Ergebnisse fließen ebenfalls mit ein", erklärt Schunk. "In einem halben Jahr testen wir dann noch einmal (Foto: Uwe Feuerbach)und wir wollen auch später den Kontakt zu einigen Kindern halten. Das müssen wir natürlich mit den Eltern genau abklären."

Schunk ist davon überzeugt, dass frühkindliche Bildung der richtige Weg ist. Darunter versteht er nicht nur Lernen, sondern auch frühe Erfahrungen und Beziehungen. Er vertritt diese These mit Leidenschaft. Aber das reicht ihm nicht. Er will Zahlen haben, die jenseits jeder Überzeugung Antworten geben. "Man kann leicht sagen, dass wir etwas verbessern müssen. Aber wie genau muss man das anstellen? Das sehen wir uns an den Schulen an."

Demnächst wird die Universität Zürich den zweiten großen Akt von KIDS-WIN einläuten: 29 Klassen im schweizerischen Winterthur nehmen daran teil. Schon jetzt jedoch ist viel gewonnen. "Allein die gute Beziehung zwischen Wissenschaftlern, Lehrern und Kindern hat schon viel gebracht", sagt er. "Wir haben viel voneinander gelernt."