Vom Vieh, der Milch und den Europäern

6. Januar 2014

Mit der Schlagzeile von der "Milch-Revolution" brachten Prof. Dr. Joachim Burger und seine Arbeitsgruppe am Institut für Anthropologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) den medialen Blätterwald kürzlich tüchtig ins Rauschen. Doch die Forschung um die Milch ist nur ein kleiner Teil ihrer Arbeit. Es geht um viel mehr, nämlich um die Besiedlung Europas.
 

Milch, immer wieder diese Milch. "Ich kann das eigentlich gar nicht mehr hören", sagt Prof. Dr. Joachim Burger. "Ich erzähle inzwischen auch immer dasselbe darüber in Interviews."

Ja, es gab diesen Artikel im Wissenschaftsmagazin Nature, überschrieben mit "The milk revolution" – "Die Milch-Revolution". Ja, Burger und sein Team vom Institut für Anthropologie der JGU haben festgestellt, ab wann die ersten Europäer in der Lage waren, auch als Erwachsene Frischmilch zu verdauen – und diese Erkenntnis lässt weitreichende Schlüsse zu.

"Aber eigentlich machen wir das so nebenbei", erzählt der Anthropologe, während er frisch gebrühten schwarzen Tee in zwei Tassen gießt. "Es ist nur eine Erkenntnis von ganz vielen, aber es läuft dauernd im Fernsehen, weil es direkt mit unserem Alltag zu tun hat. Das Thema verkauft sich einfach gut. Zahnpasta, Rasierklingen, Brot, Milch, solche Sachen interessieren die Leute. Aber für uns ist es nur ein kleiner Forschungszweig. Uns geht es um ein Gesamtbild der Besiedlung Europas nach der Eiszeit – durch Mensch und Tier."

Ackerbauern ziehen nach Europa

Burger nimmt ein weißes Blatt Papier und skizziert die Umrisse des Kontinents: Italien, Spanien, England tauchen auf ... "Hier unten ist die Türkei, die Levante, die machen wir noch ein bisschen größer." Von dort zeichnet er zwei Pfeile, die ins Zentrum des Blattes zielen. Einer biegt sich mehr in Richtung Nordosten, der andere in Richtung Südwesten. "Die ersten Ackerbauern fanden sich im Nahen Osten und Anatolien. Da wurden Schaf, Ziege, Schwein und Rind domestiziert." Dort entwickelte sich vor rund 11.000 Jahren die neolithische Kultur, die sich Richtung Europa ausbreitete Vor etwa 8.400 Jahren erreichte sie Griechenland, vor 8.000 Jahren den Balkan.

"Wir haben etwas getan, was man bis dahin für unmöglich hielt", sagt Burger nicht ohne Stolz. Seiner Arbeitsgruppe ist es im Jahr 2005 in einem speziell dafür konzipierten Labor am Institut für Anthropologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz gelungen, nicht nur tierische, sondern auch menschliche DNA aus vergangenen Jahrtausenden zu sequenzieren.

Bis dahin hielten Fachleute die Gefahr einer Kontamination der alten menschlichen DNA durch moderne Nukleinsäuren für viel zu groß. "Sie behaupteten dogmatisch, dass man das einfach nicht könne. Man kann es aber doch, man muss nur gründlich putzen." Burger lächelt. "Gut, das ist jetzt sehr vereinfacht." Aber im Prinzip geht es darum. Wer ins Labor will, muss genaue Hygienevorschriften einhalten. "Sogar unser Putzwasser wird mit UV-Lampen bestrahlt."

Ein Gen macht Milch genießbar

Mit ihrem Verfahren erschlossen die Mainzer nicht nur ein neues Forschungsfeld, sie sind auf diesem Gebiet bis heute führend und wichtiger Partner hochrangiger internationaler Projekte. Und an diesem Punkt muss es dann doch um die Milch gehen, um das EU-Projekt "Lactase Persistence in the early Cultural History of Europe", kurz LeCHE, und um die Milch-Revolution.

Als sich die frühen Ackerbauern auf den Weg nach Europa machten, brachten sie ihr Vieh mit. Sie hatten bereits Verfahren entwickelt, um der Frischmilch die Laktose zu entziehen, das Milcheiweiß, das für viele Erwachsene bis heute unverdaulich ist: Sie produzierten Käse und Joghurt. Das war ein wichtiger kultureller Schritt. Nun kam vor rund 8.000 Jahren auf europäischem Boden eine genetische Mutation hinzu. Ein einziges Gen veränderte sich. Es erlaubte einer kleinen Gruppe, auch im Erwachsenenalter Milch zu verdauen. Damit war die Milch-Revolution perfekt.

Burger und sein Team wiesen dieses Gen nach und widmeten sich einer wichtigen Frage, die sich dann recht schnell ergab: "Heute sind 50 bis 90 Prozent der Mitteleuropäer in der Lage, Milch zu verdauen. Wie konnte sich diese Eigenschaft so schnell ausbreiten?" Nach den Maßstäben evolutionärer Entwicklung sind einige tausend Jahre ein sehr kurzer Zeitraum. "Hier verbinden sich Demografie und Evolution. Wir müssen annehmen, dass der evolutionäre Vorteil sehr hoch war und dass sich diese Bevölkerungsgruppe sehr schnell vermehrte und ausbreitete."

Indiana Jones und die Anthropologie

Um das zu belegen, war reichlich Know-how in Sachen Statistik und Informatik nötig. "Die Leute stellen sich Anthropologen immer als so eine Art Indiana-Jones-Typ vor. Das versuche ich den Studierenden möglichst schnell auszutreiben. Anthropologie bedeutet bei uns viel Laborarbeit und vor allem viel Arbeit am Computer." Dort werden mit komplexen Programmen Szenarien durchgespielt. "Fachleute, die so etwas können, suchen wir immer."

Nun will Burger aber wieder weg von der Milch. "Die Ackerbauern trafen in Europa auf eine Population von Sammlern und Jägern. Wir wollten wissen, von welcher der beiden Gruppen wir heutigen Europäer abstammen. Die Antwort war: von keiner." Erst als sie sich vermischten, war der Vorfahr des modernen Europäers geboren.

Doch bis es zu dieser Vermischung kam, dauerte es 2.000 Jahre. Auch das fanden Burger und seine Arbeitsgruppe heraus. "Es ging den Bauern gut, den Jägern und Sammlern ebenfalls. Es gab also erst einmal keinen Grund, die eigene Lebensweise aufzugeben."

Der lange Weg zum modernen Europäer

Die Sesshaftigkeit der Ackerbauern brachte Vorteile, hatte jedoch ihren Preis. Die kohlehydratreiche Nahrung lieferte einerseits schnell Energie, führte aber auch zu solch lästigen Erscheinungen wie Karies. Sogenannte Zivilisationskrankheiten kamen auf, außerdem drohten Seuchen. Jäger und Sammler konnten ein gesünderes, angesichts vieler Unwägbarkeiten allerdings auch kürzeres Leben erwarten.

Die Ackerbauern vermehrten sich viel schneller, ihre Geburtenrate war viermal höher als die der Jäger und Sammler. Das lag an den Kohlehydraten, aber auch an der festen Unterkunft. "Sie konnten ihre Kinder beherbergen." Das wirkte sich aus. Frauen der Jäger- und Sammler-Population wechselten doch schon mal zu den Bauern, das galt womöglich als gesellschaftlicher Aufstieg. Umgekehrt passierte das kaum.

Angesichts dieser zögerlichen Verschmelzung dauerte es mehr als 2.000 Jahre, bis Jäger und Sammler in die Bauerngesellschaft aufgingen. Burgers Gruppe konnte mit dieser Erkenntnis ein weiteres Puzzleteil in das große Panorama von der Besiedlung Europas nach der Eiszeit einpassen.

Überhaupt hat sich seit 2005 so viel geklärt und es gibt so viele neue Möglichkeiten des Forschens, dass Burger inzwischen neue Projekte im Blick hat. "Die Völkerwanderung wäre ein Thema", sagt er. "Oder Zentralasien." Er hält einen Moment inne, dann nimmt er die Kanne vom Stövchen. "Noch Tee?", fragt er. Gern, bitte ohne Milch.