House-Besuch mit Pizza und Limo

25. November 2013

Dass amerikanische Fernsehserien zu Publikumsschlagern werden, ist an sich nicht ungewöhnlich. Prof. Dr. Christian Mang vom Institut für Pharmakologie der Universitätsmedizin Mainz allerdings nutzt eine solche Serie erfolgreich für die Lehre: Seine "Dr. House-Vorlesungen" locken seit Jahren nicht nur Studierende in den Hörsaal.
 

"Bringen Sie sich ruhig etwas zu essen und zu trinken mit", meinte Prof. Dr. Christian Mang noch am Telefon. "Das wird eine Art After-Work-Sitzung. Die Atmosphäre ist locker." Tatsächlich tauchen dann Studierende  mit Pizzaschachteln, Weihnachtsgebäck und Limo im Hörsaal auf. Einige haben gar ihre Sprösslinge dabei.

Mehr als 100 Neugierige finden sich zu Mangs "Dr. House-Vorlesung" an der Universitätsmedizin Mainz ein. Dabei ist die Veranstaltung freiwillig und viele Studierende verlängern damit einen sowieso schon arbeitsreichen Tag. "Es kommen inzwischen sogar niedergelassene Ärzte und Studierende aus Frankfurt zu uns", freut sich Mang über den Erfolg seiner ungewöhnlichen Lehrveranstaltung.

Drei Beine schmerzen gewaltig

Die Idee entstand im Jahr 2007. Da erwähnte der Mediziner ganz nebenbei, dass er ein Fan der amerikanischen TV-Serie "Dr. House" sei. "Sie enthält jede Menge medizinisch relevante Informationen, denn dort werden sehr realitätsnahe Fälle gezeigt." Einige Studierende schlugen vor, sich gemeinsam vor den Fernseher zu setzen und die einzelnen Folgen zu kommentieren. Diese Idee entwickelte Mang, der 2008 mit dem Preis der Lehre des Fachbereichs Medizin ausgezeichnet wurde, weiter.

"Drei Beine" heißt die "Dr. House"-Folge dieses Abends. Die ersten Minuten flimmern über die Leinwand. Dr. House, gespielt von Hugh Laurie, wird dazu verdonnert, eine Vorlesung zu halten. Wie immer passt ihm nicht, was er da tun soll. Der unrasierte Mediziner stellt sich im verknitterten Jackett vor seine Studierenden. Es beginnt abrupt: "Drei Leute kommen in eine Klinik. Die Beine tun ihnen weh. Woher kann das kommen?" House beschreibt die Fälle: "Person A ist ein Farmer. Er sagt, er war beim Zaunreparieren ..."

Im Hörsaal der Universitätsmedizin Mainz ist es still. Kein Rascheln, kein Knistern ist zu hören. Das Publikum konzentriert sich. Pizza und Gebäck scheinen vergessen. Gleich wird Mang den Film anhalten, um die TV-Fälle des Dr. House in großer Runde zu besprechen.

Vom Waschbecken zum Blutkreislauf

Wie in der Serienfolge geht es auch im Hörsaal zuerst um die allgemeinen Ursachen von Beinschmerzen. Ein Studierender bringt die Thrombose ins Spiel, damit ist der Dialog eröffnet. "Wenn ich diesen Verdacht hätte, was wären klinische Zeichen? Kann ich Aspirin geben als Prophylaxe?" Mang und seine Gäste klären Grundsätzliches und kommen zugleich immer wieder auf die sehr speziellen Fälle des Dr. House.

Das Waschbecken im Saal nimmt der Professor als Anschauungsobjekt, um den Unterschied zwischen venös und arteriell, zwischen dem Nieder- und dem Hochdrucksystem des Blutkreislaufs zu erklären. Der Wasserhahn steht für das Hochdrucksystem. "Was sehen Sie da? Harte Verkalkung am Ventil und am Sprühkopf, vergleichbar mit der Arteriosklerose beim Menschen. Im Siphon unten finden Sie dagegen nie krustige Verkalkungen, sondern eher einen zähen Schleim. Bei den Venen ist das genauso. Deren Inneres gleicht einem dünnflüssig fließenden Sumpf, der dann zäher und starrer wird, wenn er nicht mehr in Bewegung ist. So können bei uns Thrombosen entstehen, immer dann, wenn das Blut stillsteht, zum Beispiel in großen Krampfadern oder erweiterten Venen."

Von hier führt der Mediziner zu allerlei speziellen Themen, die selbst seine Studierenden im sechsten oder achten Semester schwer fordern. Mang nutzt "Dr. House", um große Bögen über die Grenzen der Fachrichtungen hinweg zu schlagen. "Ich greife auf Vorkenntnisse der Studierenden aus der Vorklinik, der Biochemie oder Physiologie zurück und setzte das in Bezug zu Inhalten aus der Inneren Medizin, der Neurologie oder der Gynäkologie – und natürlich meines eigenen Fachs, der Pharmakologie."

Professor und Studierende als Team

Der brummige Dr. House setzt seine Zuhörer unter Druck, er beschimpft sie schon mal als "unnütz". Zwischenmenschlich ist dieser Typ eine Katastrophe, daraus schöpft die Serie einen Teil ihres Reizes. Mang ist da völlig anders. Er sieht seine Zuhörer als Kollegen und spricht sie auch entsprechend an. Er lockert die Atmosphäre mit leisen Pointen und einem Hauch Selbstironie auf. "Die Studierenden und ich, wir sind ein Team in der akademischen Ausbildung. Im Hörsaal sitzt jemand, dem ich etwas vermitteln will. Da bringt es nichts, wenn ich nur mit Wissen glänze, meine Zuhörer muss ich so packen und mitnehmen, dass sie den vermittelten Stoff langfristig verstehen und behalten."

Die Studierenden mögen diese besondere Form der Vorlesung, sie sprechen von "Fallvorstellung de luxe". "In der Serie werden Patienten vorgestellt, es geht um konkrete Fälle", meint Mang dazu. "Damit kann ich Lehrinhalte aus der Theorie in die Praxis holen. Das ist wichtig, denn wir haben es als Mediziner mit Menschen zu tun, mit denen wir in direkte Interaktion treten. Dass viele Lerninhalte heute digital aufbereitet sind, mag schön und gut sein, aber am Ende müssen wir uns mit den Patienten beschäftigen, mit ihren Ängsten, ihren Krankheiten und auch mit ihrem sich daraus ergebenden Denken und Handeln."

House reicht's, Mang macht weiter

Rund 20 Folgen der TV-Serie "Dr. House" hat Mang im Repertoire. Mittlerweile hält er seine Vorlesungen auch für Laien oder für gemischte Gruppen ab. "Wir hatten zum Beispiel einen Abend, an dem die Studierenden gegen ihre Eltern antraten. Das war erstaunlich. Die Eltern hatten viel beizutragen, sie konnten aus ihren Erfahrungen schöpfen."

Beinahe zwei Stunden diskutieren House und Mang die Fälle um die "Drei Beine". Es geht um Schlangenbisse und Koliken, um Drogensucht und Streptokokken, um Gänsehaut und nekrotisierenden Fasziitis. House verlässt am Schluss genervt seinen Hörsaal. "Das mache ich nie wieder", brummt er. Mang hingegen bleibt und beantwortet noch ein paar spezielle Fragen seiner Studierenden. Nächste Woche geht es weiter mit einer anderen Folge "Dr. House" an der Universitätsmedizin Mainz.