"Humor ist eine sensationelle Sache – auch in der Wissenschaft"

17. Dezember 2013

Tobias Mann hat Karriere gemacht. Er gehört zu den beliebtesten und erfolgreichsten Kabarettisten Deutschlands. Parallel zu den Anfängen seiner Bühnenkarriere studierte er Marketing und BWL an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Sein ehemaliger Professor Oliver P. Heil hält bis heute große Stücke auf ihn.
 

Er war schon lange nicht mehr auf dem JGU-Campus. "Ich glaube, das hier ist das erste Mal seit vier, fünf Jahren", sagt Tobias Mann. Schwingt da ein Hauch schlechtes Gewissen mit? Jedenfalls freut sich der 37-Jährige auf den Besuch bei seinem ehemaligen Wirtschaftsprofessor. "Ich unterhalte mich immer gern mit ihm. Er ist ein echt cooler Typ."

Ganz so cool wirkte das Fach von Prof. Dr. Oliver P. Heil auf den damaligen Studienanfänger damals jedoch nicht. "BWL war ein Verlegenheitsstudium", erzählt Mann auf dem Weg durch den Haupteingang der Universität, vorbei an der Gutenberg-Büste im Forum universitatis. "Ich bin einfach dem Herdentrieb gefolgt. Betriebswirtschaftslehre und Jura waren in, aber in BWL fand ich die netteren Leute."

Ein Kabarettist an der Universität

Bereits vor Beginn seines Studiums stand Mann regelmäßig auf der Bühne. Er hatte früh in der Fastnacht Fuß gefasst und mit Freunden eine A-cappella-Band gegründet, die seit 1998 unter dem Namen "Aca & Pella" Erfolge in der Rhein-Main-Region feierte. Dies war aber erst das Vorspiel zu seiner eigentlichen Karriere. Damals war noch nicht abzusehen, wie erfolgreich er noch werden würde und wie sich das auf seine akademische Laufbahn auswirken sollte ...

Tobias Mann steuert auf das Haus Recht und Wirtschaft, das ReWi, zu. Es geht in den ersten Stock. Hier lehrt und forscht Prof. Dr. Oliver P. Heil seit 1995 in Sachen Marketing und BWL. Mann schaut kurz in die Zimmer der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der Doktorandinnen und Doktoranden. Hier saß er selbst lange Zeit. "Hallo", ruft er, "ich bin der, der nie ganz fertig geworden ist."

Ganz so ist es ja nun nicht. Der Kabarettist hat einen Abschluss als Diplom-Kaufmann in der Tasche. "Aber ich wollte mehr", erzählt Mann, bevor er Heils Büro betritt. Der Raum mit dem schwarzen Ledersofa und den Sportwagen-Modellen auf der Fensterbank ist ihm gut in Erinnerung geblieben. "Hier haben immer die mündlichen Prüfungen stattgefunden."

Das Treffen heute ist lockerer. "Kommen Sie, wir setzen uns aufs Sofa", begrüßt Heil seinen ehemaligen Doktoranden. "Echt, zusammen aufs Sofa?", fragt der mit einem verschmitzten Lächeln. Da sitzen sie dann und grinsen breit, jeder mit einem Kissen vorm Bauch. Auf dem einen steht "love", auf dem anderen "happiness" – Harmonie und Spaß pur. "Ich konnte ihm ja nicht viel beibringen ...", beginnt Heil das Gespräch – aber Mann fällt gleich ein: "Doch, doch, sehr viel."

Humor im strategischen Marketing

Das Diplom war für Mann nicht das Ende an der JGU. Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter an Heils Lehrstuhl für Marketing und BWL. Aus dem Verlegenheitsstudium war mehr geworden. Er schrieb sogar an einer Doktorarbeit mit dem Titel "Humor als Wettbewerbsvorteil im strategischen Marketing".

"Er ist mit ziemlicher Sicherheit einer der intelligentesten Doktoranden, die ich je hatte", sagt Heil. Mann winkt ab. So viel Lob will er gar nicht hören. "Doch! Er ist für mich der Porsche unter den Kabarettisten."  Mann hielt Vorlesungen, bot Übungen im Bereich BWL und Marketing an. "Er hat das alles nicht nur kompetent vermittelt", erinnert sich Heil. "Wir haben uns dabei oft regelrecht kaputtgelacht. Ich glaube, dass man mehr lernt, wenn der Stoff nicht so knochentrocken ist. Humor ist eine sensationelle Sache – auch in der Wissenschaft. Von den Studierenden hat er für seine Lehrveranstaltungen hervorragende Evaluationen bekommen. Er konnte die Leute elektrisieren."

"Ohne Spaß entsteht keine gute Wissenschaft", bekräftigt Mann. "Wir haben immer alles, was wir gemacht haben, mit Spaß gemacht. Ein guter Witz in einer ernsten Diskussion entspannte, danach konnte es konzentriert weitergehen." Mann lässt keinen Zweifel daran, dass die guten Witze regelmäßig auch von Heil kamen.

Die Nähe der beiden ist auffällig. "Professor Heil war immer zugänglich für seine Studierenden und Doktoranden", meint Mann dazu. "Er war immer verfügbar. Man konnte immer mit ihm reden, Fragen stellen, Probleme besprechen."

Dissertation mit enormem Potenzial

Heil sieht in Manns Doktorarbeit einen großen Wurf, auch wenn sie nicht ganz fertig geworden ist. "Es gibt ganz wenige Untersuchungen zum Humor. Diese Dissertation hat ein enormes Potenzial: Humor im Advertising, wie macht man das richtig?"

"Es reicht ja nicht, wenn eine Werbung lustig ist. Viele erinnern sich an den Witz, aber nicht daran, um welches Produkt welcher Firma es überhaupt ging", steigt Mann kurz ins Thema ein. "Sie müssen das Produkt so mit der Pointe verknüpfen, dass sich die Leute daran erinnern. Außerdem ist der Humor sehr produktspezifisch. Er muss bei IKEA ganz anders sein als bei der Deutschen Bank."

Seine angefangene Doktorarbeit nennt Mann eine "Herzensangelegenheit". Allerdings kam ihm eine andere Herzensangelegenheit dazwischen: seine Karriere als Kabarettist, Comedian und Musiker. Im Jahr 2005 feierte er mit seinem ersten Soloprogramm "Man(n) sieht sich!" Premiere. Immer öfter wurde er nun für Auftritte gebucht. Die Szene zeichnete ihn Jahr für Jahr mit ihren wichtigsten Preisen aus, darunter der Münchner Kabarett Kaktus, der Bonner Prix Pantheon und der Deutsche Kleinkunstpreis. Der Salzburger Stier wird 2014 hinzukommen.

"Es lief gut für mich", sagt Mann. Der Kabarettist war höchst gefragt, der Doktorand musste zurückstehen. "Irgendwann war das nicht mehr miteinander zu vereinbaren. Meine Auftritte haben mich immer wieder aus der laufenden Arbeit an der Uni herausgerissen." Also legte Mann seine Doktorarbeit auf Eis. "Die Entscheidung war nicht leicht."

Wissenschaft als Werkzeug für die Kunst

Das Studium habe ihm aber auch für seine Kunst geholfen: "Was ich auf der Bühne erzähle, ist sauber recherchiert. Diese analytische Herangehensweise habe ich wirklich aus meiner Studienzeit mitgenommen. Alles, was ich auf der Bühne sage, ist durchdacht."

Der Besuch auf dem schwarzen Ledersofa im Büro von Prof. Dr. Oliver P. Heil geht langsam dem Ende entgegen. Bei beiden stehen nächste Termine an. "Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie irgendwann den Weg zurück an die Universität finden würden", sagt Heil zum Abschied. "Das ist sehr gut möglich", antwortet Mann.

Im Moment läuft es für den Mainzer Kabarettisten aber erst einmal großartig in der Kleinkunst. Sein viertes Soloprogramm "Verrückt in die Zukunft" brummt. Aber wer weiß? Die Dissertation wartet, das Potenzial ist da und im ReWi auf dem JGU-Campus ist Tobias Mann herzlich willkommen. Vielleicht bekommt Heil seinen Porsche ja wieder. Irgendwann.