So bunt kann junge Wissenschaft sein

15. Januar 2014

Sie forschen über deutsch-französische Städtepartnerschaften, über "Venedig und das Labyrinthische" oder über das Werk des Romantikers Ludwig Tieck: Graduierte unterschiedlichster Fächer treffen sich im Deutsch-Französischen Doktorandenkolleg in den Geistes- und Kulturwissenschaften Mainz-Dijon. Das seit 2011 laufende Projekt hat sich bewährt und etabliert. Nun geht es für mindestens drei Jahre in die Verlängerung.

Tanja Herrmann fühlt sich wohl: "Das würde ich mir eigentlich für jeden wünschen", meint die Doktorandin, "eingebunden zu sein in so eine Gruppe, in der man sich austauschen kann, seine Ergebnisse vorstellen und diskutieren kann." Voriges Jahr hat sie das in Oberwesel und Mainz getan,  davor im Elsass und dieses Jahr in Dijon. Dort trafen sich jeweils die Graduierten des Deutsch-Französischen Doktorandenkollegs in den Geistes- und Kulturwissenschaften Mainz-Dijon.

Zusammen mit Catherine Dedié sitzt Herrmann nun im Dijon-Büro im Philosophicum der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Die beiden erzählen von ihren Erfahrungen mit dem Doktorandenkolleg. Dedié ist nicht nur als Graduierte mit dabei, sie kümmert sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin auch um die organisatorische Seite des Kollegs. Später kommt auch noch der Sprecher des Kollegs, Prof. Dr. Stephan Jolie, hinzu. "Er hat noch eine Vorlesung", entschuldigt Dedié ihren Chef.

Aufwendige Forschung zu Städtepartnerschaften

Deutsch-französische Städtepartnerschaften sind Herrmanns Gebiet. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt die Städtepartnerschaftsbewegung als wichtiges Element zur Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland. "Einen ersten Boom erlebte sie nach 1963, einen zweiten von 1986 bis 1996." Dieser zweite Zeitraum interessiert die Historikerin besonders. Sie ist von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf gereist, um zu recherchieren. "Das ist sehr aufwendig. Aber es geht darum, in die Archive vor Ort zu schauen, und vor allem muss ich Zeitzeugen befragen, denn vieles zu diesem Thema wurde nie verschriftlicht."

Solche Forschungsvorhaben unterstützt das im Jahr 2011 gegründete Doktorandenkolleg Mainz-Dijon. Die Deutsch-Französische Hochschule (DFH) fördert das Projekt, das auf die langjährige Partnerschaft der Université de Bourgogne in Dijon mit der Johannes Gutenberg-Universität Mainz fußt. Es ermöglicht jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern beider Universitäten einen Forschungsaufenthalt an der Partnerhochschule. Zudem bietet es gemeinsame interdisziplinäre Seminare, Workshops und Tagungen an.

Ludwig Tieck und seine französischen Vorlagen

"Konfiguration im Wandel: Austausch, Variation, Identität" ist das weit gefasste Thema des Kollegs. Hier passt Herrmanns Dissertation genauso hinein wie Dediés Arbeit. Die Germanistin beschäftigt sich mit der Frühromantik und mit Ludwig Tieck.

"Früher wurde Tieck in der Germanistik oft als Trivialschriftsteller gesehen", erzählt Didié. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten gründlich geändert. "Heute gilt er als beinahe so wichtig wie Goethe oder Schiller." Tieck war ein Vielschreiber. Als Lohnschriftsteller erteilte ihm der Berliner Verleger Nicolai den Auftrag, leichte Erzählungen zu schreiben. "Er hat Wäschekörbe voll französischer Vorlagen bekommen. Die hat er fürs deutsche Massenpublikum umgeschrieben." Das ist sicher ein Grund für seinen schlechten Ruf – und es ist ein Aspekt von vielen, die Dedié in ihrer Arbeit beleuchtet.

Die Forschung ist bunt im Kolleg, das wird im Gespräch schnell deutlich. 27 Doktorandinnen und Doktoranden bieten verschiedenste Facetten aus den Geschichts- und Kulturwissenschaften, den Sozial-, Literatur- und Sprachwissenschaften. Dass da ein gewisser Zusammenhalt gewachsen ist, wird auch im Dijon-Büro augenfällig. Immer mal wieder schneit jemand herein, wirft einen Computer an oder hat eine Frage.

Venedig als europäische Stadt

"Unsere Themen sind nicht immer dezidiert deutsch-französisch", erzählt Dedié, als Aglaia Bianchi das Büro betritt. "Sie schreibt zum Beispiel über Venedig." Bianchi beschäftigt sich mit dem Topos des Labyrinthischen, das sich in der literarischen Auseinandersetzung mit der Lagunenstadt spiegelt. "Dabei sehe ich Venedig gar nicht als italienische, sondern als europäische Stadt."

Im Doktorandenkolleg geht es viel um interkulturelle Rezeption und Kommunikation. Dazu wird nicht nur geforscht, die Graduierten leben diese Inhalte und werden darin auch ganz praktisch gefördert.

"Für unsere Forschungsausenthalte im Ausland bekommen wir finanzielle Unterstützung", erzählt Herrmann. 600 Euro pro Monat gibt es. Bis zu anderthalb Jahre kann so ein Aufenthalt dauern. Zudem stehen wissenschaftliche Betreuerinnen und Betreuer sowohl in Mainz als auch in Dijon zur Verfügung. "Allein schon zu schauen, wie die Forschungskultur in einem anderen Land ist, bringt mir viel", sagt Dedié. Hinzu kommt, dass die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zugleich mit einem deutschen und einem französischen Doktorgrad abschließen können.

Es ist noch Platz im Kolleg

Im Sommer 2013 hat die Deutsch-Französische Hochschule beschlossen, das erste gemeinsame Doktorandenkolleg der JGU und der Université de Bourgogne bis 2016 weiter zu unterstützen. Wird es noch wachsen in diesen drei Jahren?

Jolie trifft gerade rechtzeitig ein, um diese Frage zu beantworten. "Von der Fächerauswahl sind wir gut aufgestellt, da wird sich wenig ändern", meint der Sprecher des Graduiertenkollegs. "Aber es ist natürlich noch Platz für Graduierte, Gelder sind auch da." – "Sie sollten sich mit einem Exposé und einem Motivationsschreiben bewerben", ergänzt Dedié.

Wer das Kolleg und seine Arbeit näher kennenlernen will, hat dazu jetzt Gelegenheit. Zusammen mit dem Forum Interkulturelle Frankreich-Forschung bietet es im Wintersemester eine Ringvorlesung an: "La Grand Guerre – Französische und deutsche Perspektiven auf den Ersten Weltkrieg".

Oder wie wäre es einfach mal mit einem Besuch im Dijon-Büro? Im Moment hat Dedié drei Bewerbungen fürs Kolleg auf dem Schreibtisch liegen. "Aber es dürfen ruhig noch mehr werden", meint die Doktorandin.