Die Degradierung der Bundeskanzlerin

11. Februar 2014

Wer im Internet nach "das Merkel" sucht, bekommt eine ganze Flut von Ergebnissen. Auf diversen Homepages wird Angela Merkel nicht nur als unfähige Politikerin beschimpft, sie wird in jeder Hinsicht degradi­ert und verunglimpft, ob als Bundeskanzlerin, als Frau oder als Mensch. Die Sprachwissenschaftlerin Univ.-Prof. Dr. Damaris Nübling vom Deutschen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) geht diesem Phänomen auf den Grund.

"Ich habe den Ausdruck ursprünglich auch nicht gekannt", sagt Univ.-Prof. Dr. Damaris Nübling. "Er wurde 2013 im Spiegel zitiert. Dort ist mir 'das Merkel' zum ersten Mal begegnet." Daraufhin ging die Sprachwissenschaftlerin ins Internet Univ.-Prof. Dr. Damaris Nübling (Foto: Peter Pulkowski)und erlebte eine Überraschung. "Ich fand Tausende von Einträgen: Angela Merkel wird als hässlich, unfähig und dumm bezeichnet. "'Das Merkel' hat keine Ahnung, weiß nicht, was es tut, handelt nicht, zaudert und zögert, knickt ein, ist fehl am Platz ... und das sind noch die netteren Ausdrücke."

Nübling sitzt in ihrem Büro, vor sich eine Kanne Tee, in der Linken ein Taschentuch. Die Ausläufer einer Erkältung machen ihr noch ein wenig zu schaffen. Doch ihre Ausführungen beeinträchtigt das in keiner Weise. Die Sprachwissenschaftlerin schlägt einen weiten Bogen über Tausende von Jahren. Sie beleuchtet die wechselvolle Geschichte des Genus im Deutschen und wird am Ende wieder bei Merkel landen – mit aufschlussreichen Ergebnissen und einer bitteren Pointe.

Genus als großes Rätsel

Anlässlich ihrer Auszeichnung mit dem Akademiepreis 2013 des Landes Rheinland-Pfalz fasste Nübling ihre Gedankengänge bereits in einem Vortag zusammen. "Die Kaiser Wilhelm – der Peterle – das Merkel. Genus als Endstadium einer Grammatikalisierung – und Quelle von Regrammatikalisierungen" lautete der etwas sperrige Titel, dem sie nun in ihrem Büro ein weiteres Mal Leben einhaucht.

"Das Genus im Deutschen ist ein großes Rätsel. Es scheint ziemlich unnötig. Dennoch leisten wir uns gleich drei Genera." Jedes Substantiv hat entweder maskulin, feminin oder neutral zu sein. Der Tee oder der Tisch sind Maskulina, die Kanne oder die Erkältung Feminina, das Büro oder das Taschentuch Neutra. "Das ist ziemlich willkürlich. Wozu ist der Genus also gut? Komplexität per se kann es doch nicht sein."

Im Indogermanischen diente das Genus möglicherweise der Quantifizierung. Maskulina bezeichneten Einzelgegenstände oder -ereignisse. Nübling nennt "der Schrei" als Beispiel aus dem heutigen Sprachgebrauch. Feminina bezeichneten Kollektiva, also "die Schreierei", und Neutra Kontinuativa, also "das Schreien".

Kondensierte Informationen

"Diese Funktion könnten die drei Genera mal gehabt haben, doch das ist vorbei. Wir haben ein leeres Genus-System geerbt. Genus liefert uns keine Informationen mehr." (Foto: Peter Pulkowski)Im Laufe der Jahrhunderte reduzierten fast alle indogermanischen Sprachen ihre Genera auf zwei oder schafften sie gleich ganz ab. "Das Deutsche nutzte das Genus weiter – jetzt aber für die Syntax."

Die Nominalklammern entwickelten sich: Zwischen Artikel und Substantiv lassen sich reichlich Wörter packen, ohne dass die Klammer gesprengt wird. Wieder ein Beispiel: "das in Ansätzen noch nicht erkannte und auch diachron noch ungenügend untersuchte Problem". Und noch ein etwas übersichtlicheres Beispiel: "das Luzerne fressende Pferd".

"Nach dem 'das' warten wir auf das dazu passende Substantiv", erklärt Nübling. Was dazwischen kommt, dient dazu, das Substantiv näher zu beschreiben. "Diese Form der kondensierten Informationen ist typisch für das Deutsche, dafür brauchen andere Sprachen einen Nebensatz." Der Deutsche klammert also und benötigt dafür Genus.

Die Kaiser Wilhelm

Von hier wagt Nübling einen Sprung zu einem ihrer Spezialgebiete: der Namensforschung. Hier finden sich drei weitere Wege der Refunktionalisierung des Genus. Der eine taucht immer häufiger auf: Genus dient der Klassifizierung. Schiffe sind weiblich, Autos dagegen männlich, Biere Neutra. "Die Kaiser Wilhelm" ist ein Schiff, "der Corsa" ein Pkw und "das Adler" ein Pils. "Diese Klassifikation schreitet fort. Flüsse etwa sind heute immer öfter feminin. Früher hieß es 'der Donau'." Main und Rhein allerdings sträuben sich noch gegen diese Modernisierung.

Eine zweite Refunktionalisierung betrifft weibliche Vornamen. In vielen Dialekten, im Alemannischen etwa oder im Saarländischen, können sie ins Neutrum gesetzt werden. So heißt es "s Anna" oder "et Anna". "Das klingt erst mal nett, vertraulich und familiär", sagt Nübling. "Aber es bringt die Frauen auch in ein hierarchisches Verhältnis zum Sprecher."

"Et Anna" ist ein liebes Wesen, dem man über den Kopf streicht. "Et Anna" ist ungefährlich und kontrolliert, es ist domestiziert. Es hat seinen Platz zugewiesen bekommen. (Foto: Peter Pulkowski)Das Neutrum wirkt hier wie eine Versächlichung, denn unter den Neutra gibt es die wenigsten Personenbezeichnungen. "Die Anna" dagegen ist die Frau auf Abstand, eine unwägbare Größe, eine Konkurrenz möglicherweise und nicht ganz geheuer.

"Mit männlichen Vornamen ist so etwas nicht zu machen." In Nüblings eigenem Dialekt, dem Alemannischen, bleibt sogar der verniedlichte Peter, wenn er nicht gerade ein Dreikäsehoch ist, "der Peterle". "Wir haben hier eine deutliche Asymmetrie. Ich vermute, sie ist in der Frühen Neuzeit entstanden, in patriarchalischen Verhältnissen. Die Männer haben die Welt unter sich aufgeteilt, während die Frauen ins Haus gehörten."

Das Merkel

Der dritte Fall der Refunktionalisierung betrifft die Kanzlerin. Diesmal wird nicht der Vor-, sondern der Familienname neutralisiert. "'Das Merkel' taucht ausschließlich in negativen Kontexten auf. Angela Merkel wird verhöhnt. Es finden sich ekelhafte Bilder dazu im Netz, die ich gar nicht zeigen möchte. Sie wird entmenschlicht und entweiblicht. Nirgends dagegen lesen Sie 'das Kohl' oder 'das Schäuble'."

Frauen also bekommen ihren Platz zugewiesen, das ist Nüblings Fazit. Fügen sie sich, kann ihre Neutralisierung schon mal wie eine Liebkosung klingen, werden sie Kanzlerin, Univ.-Prof. Dr. Damaris Nübling (Foto: Peter Pulkowski)sieht das schon anders aus. "Männer dagegen bestimmen ihren Platz selbst."

Das wäre schon ein bemerkenswertes Schlusswort. Doch Nübling ist bei ihrer Forschung auch auf eine Passage im Werk des Germanisten Adolf Bach gestoßen. Der hat festgestellt, "dass in Bad Ems und weiterhin am Mittelrhein um 1900 die Familiennamen der Juden vielfach mit sächlichem Geschlecht gebraucht wurden." Es hieß also "'s Goldfisch", "'s Löwenstein" oder "'s Rosenheim". Der Kollege rätselte damals: War das nun eine "Eigenart des Judendeutschs" oder eine "Verächtlichmachung"?

"Mit Sicherheit eine Verächtlichmachung", schlussfolgert Nübling mit Blick auf das, was mit "das Merkel" geschieht. "Dieser Beobachtung gehe ich weiter nach, da bleibe ich dran", verspricht die Sprachwissenschaftlerin zum Abschied. Damaris Nübling macht sich wieder an die Arbeit.

ZUR PERSON:

Damaris Nübling, 1963 in Hohenau in Paraguay geboren, studierte Deutsch, Spanisch und Französisch an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, wo sie 1988 ihren Magister erhielt und 1991 promovierte. 1998 habilitierte sie sich in Germanischer und Nordgermanischer Philologie. Zunächst arbeitete sie als Hochschuldozentin für Germanistische und Skandinavistische Linguistik am Institut für Vergleichende Germanische Philologie und Skandinavistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und kam 2000 als Universitätsprofessorin für Historische Sprachwissenschaft an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz.


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