Grenzen überwinden, um Grenzen zu erforschen

26. Februar 2014

Das neue Graduiertenkolleg "Life Sciences, Life Writing: Grenzerfahrungen menschlichen Lebens zwischen biomedizinischer Erklärung und lebensweltlicher Erfahrung" wagt den Spagat zwischen der naturwissenschaftlich-medizinischen und der geisteswissenschaftlichen Sphäre. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bewilligte knapp zwei Millionen Euro für dieses ungewöhnliche Projekt an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU).
 

Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften driften auseinander. "Wir als Geisteswissenschaftler sind oft skeptisch gegenüber dem, was Mediziner und Naturwissenschaftler sagen", sagt Prof. Dr. Mita Banerjee aus dem Forschungs- und Lehrbereich Amerikanistik der JGU. "Oft dämonisieren wir sie oder wir werfen ihnen vor: Ihr reflektiert ja gar nicht die Grundannahmen eurer Praxis. Umgekehrt hören wir: Ihr redet ja nur, ihr beschäftigt euch nicht mit harten Daten und Fakten." Banerjee fordert deswegen: "Wir müssen uns öffnen. Wenn wir beide Felder wieder näher aneinander heranbringen wollen, müssen wir miteinander reden. Davon profitieren beide Seiten."

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz sind nun einen Schritt in diese Richtung gegangen. Sie haben das Graduiertenkolleg "Life Sciences, Life Writing: Grenzerfahrungen menschlichen Lebens zwischen biomedizinischer Erklärung und lebensweltlicher Erfahrung" initiiert. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) richtet dieses Kolleg an der JGU ein und stellt für zunächst viereinhalb Jahre knapp zwei Millionen Euro zur Verfügung. Was bedeutet nun das Graduiertenkolleg aus der Sicht der Geistes- und Kulturwissenschaften?

Life Sciences, Life Writing

Prof. Dr. Mita Banerjee und Prof. Dr. Norbert W. Paul, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universitätsmedizin Mainz, sind die Sprecher des neuen Kollegs. Ab April 2014 wird es zwölf Doktorandinnen und Doktoranden ein außergewöhnliches Forschung- und Ausbildungsprogramm bieten.

Die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollen quasi mit einem Fuß in der naturwissenschaftlich-medizinischen und mit dem anderen in der geistes- und kulturwissenschaftlichen Sphäre stehen. Mit ihren Forschungsprojekten sollen sie menschliche Grenzerfahrungen aus höchst unterschiedlichen Perspektiven beleuchten.

Banerjee nennt ein Beispiel aus der Sicht ihres wichtigsten Forschungsfelds, des Life Writing: "Wie fühlt man sich, wenn man durch die Reproduktionsmedizin Mensch geworden ist, wenn man drei Eltern hat? Wie erlebt man das, wenn man so auf die Welt kommt?" Um Antworten auf solche Fragen zu finden, zieht die Life Writing-Forschung nicht nur die traditionellen Literaturformen heran. "Über die Autobiografie hinaus beschäftigen wir uns mit allen Arten von Lebensberichten, mit Blogs, Tagebüchern, Selbstzeugnissen in den unterschiedlichsten Medien."

Gegen die Distanz der Disziplinen

Allerdings stoßen die Geisteswissenschaftler bald an ihre Grenzen. "Denn was Leben heißt, kann man heute nicht mehr frei von den Erkenntnissen der Medizin oder den Naturwissenschaften erklären. Wir Geisteswissenschaftler wissen meist gar nicht, was auf diesen Feldern möglich ist. Was längst medizinische Praxis ist, scheint unseren Studierenden oft als Science Fiction."

Banerjee störte diese Distanz zwischen den Disziplinen. Sie trat ins Gespräch mit den Kollegen aus der anderen Sphäre. "Als Fellow des Gutenberg Forschungskollegs hatte ich den Freiraum und die Zeit dazu. Das GFK ermöglicht solche ergebnisoffenen Aktivitäten. Das Fellowship ist eine wunderbare Sache."

Sie war begeistert von interdisziplinären Lösungswegen. Sie traf dabei auf Prof. Dr. Norbert W. Paul. "Sein Institut war für mich die Brücke zwischen Universitätsmedizin und Geisteswissenschaften – erst aus dieser Zusammenarbeit heraus konnte das Kolleg entstehen."

Sie besuchte Prof. Dr. Manfred E. Beutel, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, und Prof. Dr. Thomas Efferth, Leiter der Abteilung für Pharmazeutische Biologie am Institut für Pharmazie und Biochemie der JGU. "Er kennt sich großartig mit chinesischer Medizin aus, was sich mit unserem Schwerpunkt zu transnationalen Lebensberichten deckt." Oder Dr. Ralf Dahm, Director of Scientific Management am Institut für Molekulare Biologie (IMB). "Zusammen mit ihm habe ich einen Aufsatz über das Alter geschrieben. Das war für mich ein wichtiger Schritt hin zu gelebter Transdisziplinarität."

Für fächerübergreifende Forschung

Den ersten Kontakten folgte ein reger Austausch. "Dass daraus mal ein Graduiertenkolleg werden würde, war am Anfang gar nicht klar." Neben Paul, Beutel, Efferth, Dahm und Banerjee gehören Prof. Dr. Michael Simon von der Kulturanthropologie sowie Prof. Dr. Alfred Hornung und Prof. Dr. Oliver Scheiding, beide Professoren für Amerikanistik und Leiter des im Rahmen des Programms "Pro-Geisteswissenschaften" zuvor eingeworbenen Mini-Graduiertenkollegs zum Thema Life Writing, zum harten Kern derer, die das Kolleg auf den Weg brachten. Zu den Antrag stellenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gehören auch Prof. Dr. Cay-Rüdiger Prüll und Dr. Susanne Michl vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. Hinzu kommen noch eine Reihe assoziierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Es finden sich auch Fachleute aus den USA, Australien, Neuseeland, China und Indien darunter.

"Wir haben im Grunde die Vorarbeit für die Doktorandinnen und Doktoranden geleistet", sagt Banerjee. "Wir wissen viel von der Disziplin des jeweils anderen, von den Methoden, von der Fächerlogik. Und wir sind uns alle einig: Wenn wir das Kolleg nicht dialogisch anlegen, gerät es automatisch in Schieflage."

Bewerbungen aus aller Welt

Die Doktorandinnen und Doktoranden werden jeweils einen Betreuer aus der Geistes- und Kulturwissenschaft und einen aus der Naturwissenschaft und Medizin bekommen. "Wir als Betreuer kennen uns, das ist der große Vorteil. Wir konkurrieren nicht, sondern arbeiten zusammen. Wir helfen unseren Graduierten bei ihrem Spagat."

Bewerbungen aus aller Welt erreichen derzeit das neue Kolleg der JGU. "Es ist erstaunlich, wie viele fächerübergreifende Einzelprojekte es schon gibt", freut sich Banerjee. "Wir werden sie bündeln und versuchen, ihnen die optimale Unterstützung zu geben."

Tür an Tür werden die zwölf Graduierten am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin ein Zuhause finden. Ihre Büros liegen dort alle im selben Gang. "Wir haben den Rahmen geschaffen", sagt Banerjee. "Nun müssen die Graduierten ihn füllen. Wir wissen noch nicht, was da auf uns zukommt. Ich bin sehr gespannt."