Per Kaufhaus 2.0 zurück ins Mittelalter

4. März 2014

Im Mainzer Stadtbild erinnert nichts mehr an das alte Mainzer Kaufhaus am Brand. Im 14. Jahrhundert wurde es errichtet, vor 200 Jahren verschwand es wieder. Dr. Elmar Rettinger vom Institut für Geschichtliche Landeskunde der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat es gemeinsam mit Fachleuten verschiedenster Disziplinen wieder erstehen lassen – in Wort, Bild und als 3-D-Animation.
 

Prächtig sieht es aus, das Mainzer Kaufhaus. Weiß blinkt es in der Morgensonne. Auf seinen Zinnen thronen die sieben Kurfürsten und der König, in der Mitte reitet St. Martin auf seinem Ross. Über dem elegant verzierten Hauptportal aus rotem Sandstein wacht die Jungfrau Maria, während die Mainzer geschäftig ein- und ausgehen. Wagen rumpeln ins Kaufhaus, Träger stöhnen unter schweren Lasten und an Marktständen preisen Händler ihre Waren an.

Dr. Elmar Rettinger vom Institut für Geschichtliche Landeskunde der Universität Mainz e.V. (IGL) sitzt in seinem Büro in der Hegelstraße 59, ein paar Gehminuten vom Campus der JGU entfernt. Vor ihm liegt der Band "Shoppen im Mittelalter – in einem Mainzer Kaufhaus". Dieses Buch ist das aktuellste Ergebnis eines umfangreichen Forschungsprojekts, für das Rettinger Fachleute verschiedenster Disziplinen gewinnen konnte. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, das alte Mainzer Kaufhaus wieder erstehen zu lassen – und zwar nicht nur in Aufsätzen oder Illustrationen, sondern auch in detaillierten 3-D-Animationen.

Eine verschuldete Stadt

Wenn der Historiker von dem Projekt erzählt, scheint es tatsächlich, als würde der alte Bau und mit ihm das Mittelalter wieder auferstehen. "Das Mainzer Kaufhaus war eines der größten seiner Art im Südwesten Deutschlands. Es sollte die Einkünfte der Stadt aufbessern. Damals hatte Frankfurt Mainz schon überholt. Den Frankfurtern war es gelungen, mehrere Messen in ihrer Stadt zu etablieren."

Da griff König Ludwig der Bayer den Mainzern unter die Arme. "Er verlieh ihnen das Recht, Gebühren für die im Kaufhaus gelagerten Waren zu erheben." Das war 1317. "Zu diesem Zeitpunkt war das Kaufhaus gerade fertiggestellt." Es war ein repräsentativer Bau geworden. Hoch und mächtig ragte er neben dem Rathaus auf. Dies war die bürgerliche Mitte der Stadt, das Gegengewicht zum Dom und seinem Markt, der Sphäre des mächtigen Erzbischofs und des Domkapitels.

Leider verhalf das Kaufhaus der Stadt nicht zum erhofften wirtschaftlichen Aufschwung. "Im 14. Jahrhundert war Mainz hoch verschuldet." Rettinger lächelt. "Das hört sich für uns vertraut an, oder? Es gab sogar Pläne, Mainz an Frankfurt zu verpfänden und von dort aus regieren zu lassen. Das wiederum wäre heute undenkbar."

3-D-Rekonstruktion des Mainzer Kaufhauses

Frankfurt preschte in Sachen Wirtschaft voran. Mainz dagegen blieb vor allem Residenzstadt und Sitz des Erzbischofs, der zugleich zu den sieben Kurfürsten gehörte, die den König wählten. Kirchen und Adelspalais prägten das Bild. Immerhin blieb das Kaufhaus bis 1812 erhalten, dann wurde es abgerissen. Heute ist an seinem einstigen Standort im Schatten des modernen Rathauses nichts mehr von dem Bau zu sehen.

Als Mainz 2011 zur Stadt der Wissenschaft gekürt wurde, startete das Projekt "Mainzer Kaufhaus am Brand". Für eine erste 3-D-Visualisierung holte Rettinger das Institut für Mediengestaltung der Fachhochschule Mainz mit ins Boot, eine Kooperation, die sich in den nächsten Jahren intensivieren sollte.

"In unserer ersten Rekonstruktionsversion beschäftigten wir uns vor allem mit dem Äußeren des Kaufhauses." Rettinger zeigt detaillierte Darstellungen aus dem 19. Jahrhundert, aber auch frühere Bilder und einen Grundriss, auf denen die Visualisierung fußt. Sie alle sind in dem aktuellen Buch enthalten. "Natürlich ist unsere Animation nur ein Diskussionsbeitrag, das ist wie bei einem wissenschaftlichen Text: Wir stellen eine These auf." Die allerdings ist gut belegt.

"In einem nächsten Schritt, in der Version 2.0, sind wir nun dabei, das Innere des Kaufhauses zu rekonstruieren." Klar ist: Der Bau war in zwei Stockwerke unterteilt. Im Parterre lagerten Waren in großen Mengen. Oft wurden sie auf Tischen feilgeboten. Der erste Stock hingegen diente nicht nur dem Handel, sondern auch bürgerlichen Vergnügungen. Hier wurde getanzt und gefeiert.

Eine alte Kaufhausordnung

Rettinger und seine Kollegen haben Dokumente zusammengetragen, die dies und noch vieles mehr belegen. Kernstück ist die 58-seitige Kaufhausordnung aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, die inzwischen in Buchform vorliegt. Rettinger holt auch diesen Band hervor. "Unser Mitarbeiter Dr. Stefan Grathoff hat den alten Text übersetzt und ausführlich kommentiert."

Viele Details finden sich hier. So ist der genaue bürokratische Ablauf des Handels festgehalten. "Wer etwa auf dem Rhein Waren an Mainz vorbeischiffen wollte, musste hier anhalten und sie für eine bestimmte Zeit im Kaufhaus präsentieren. Der Kaufmann meldete sich zuerst beim Hausmeister an, der verwies ihn an den Kranmeister, dann ging es zu den Trägern und zum Schluss musste er sich noch mit einem Unterhändler, einer Art Warenmakler, auseinandersetzen. Bei jedem Schritt fielen natürlich Gebühren an, die in den Stadtsäckel flossen."

Auch von der Bandbreite der Waren erzählt die Kaufhausordnung. Fleisch und Wein gab es nicht im Kaufhaus, sonst aber war die Palette breit. Gewürze aus aller Herren Länder waren zu haben, darunter Pfeffer und Muskatnuss. Seidenstoffe lagen aus, exotische Hölzer stapelten sich. "Wahrscheinlich hat Gutenberg hier auch die Farben für die Kolorierung seiner Bibel gekauft." Rettinger zeigt die 3-D-Darstellung des Tischs eines Farbenhändlers. Auch eine Gutenberg-Bibel liegt dort aufgeschlagen.

Ein Zentner Lakritz

"Je Zentner Lakritz muss man sechs alte Heller entrichten", steht als kleine, unscheinbare Eintragung in der Kaufhausordnung. Selbst Lakritz also handelte man schon damals. Allerdings wurden die Waren im Kaufhaus nur in großen Mengen angeboten. Der Kleinhandel lief jenseits der Kaufhausmauern ab.

Nach all diesen Details wird klar: Im Grunde geht es um viel mehr als um die Rekonstruktion eines Gebäudes. Das Kaufhaus war ein Ort, in dem sich Wirtschafts-, Kultur- und Herrschaftsgeschichte spiegelten. Neben den Strukturen des Gebäudes werden durch die Rekonstruktion die Strukturen einer Epoche sichtbar.

So lässt auch der Band "Shoppen im Mittelalter" eine ganze Welt erstehen. Wie das gesamte Projekt kommt er multimedial daher. "Über abgedruckte QR-Codes können Sie sich unsere 3-D-Animationen und kurze Filme anschauen", erzählt Rettinger. "Wir stellen sogar zeitgenössische Musik vor."

Für den Historiker ist wichtig: "Unser Projekt hat Modellcharakter. Wir zeigen, was mit moderner Technik alles möglich ist." Nach der Fassade und der Inneneinrichtung hat er schon den nächsten Schritt im Blick: "Wir würden gern den tatsächlichen Ablauf im Kaufhaus zeigen, mit Händlern und Kunden, dafür brauchen wir aber Schauspieler." Das wäre die Version 3.0. Dann würde es sehr lebendig im Kaufhaus. Wann das sein wird, ist noch unklar. Jetzt wartet erst einmal Version 2.0 auf Leser, Zuschauer und Hörer. Das Kaufhaus ist eröffnet.