Großes Krabbeln im Klassenzimmer

7. April 2014

Mit dem Projekt A.N.T.S. erobern Ameisen die Schule. Sie kommen in einem von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und dem Pädagogischen Landesinstitut Rheinland-Pfalz eigens entwickelten Experimentierkoffer, der erstmals die Ameisenforschung im Biologieunterricht ermöglicht. Bildungsministerin Doris Ahnen und Universitätspräsident Prof. Dr. Georg Krausch überreichten jetzt den ersten Koffer im Mainzer Gymnasium am Kurfürstlichen Schloss.
 

Werden die Schmalbrustameisen ihr Nest verteidigen? Wen erkennen sie als Feind, wen identifizieren sie als ihresgleichen? Das wollen Ada, Selina, Mehmet und Siara in Experiment und praktischer Beobachtung herausfinden.

Vor den Fünftklässlern steht ein Kästchen, nicht viel größer als eine Kinderhand. Drei Kammern bieten einem Volk von Schmalbrustameisen ein künstliches Zuhause. Ganz links findet sich das eigentliche Nest, ein längliches Oval unter Plexiglas, das Ada leicht mit ihrem Daumen abdecken könnte. Rund drei Dutzend winzige Arbeiterinnen teilen sich mit ihrer Königin diese Ein-Raum-Wohnung. Jeweils ein Durchlass führt in die benachbarten Kammern. In der Mitte wartet der Futtertrog auf hungrige Insekten, rechts ist eine Wasserstelle untergebracht. Es ist eine kleine Welt für sich, die im Moment noch ganz ruhig daliegt.

Experimentierkoffer für den Unterricht

Mit dem A.N.T.S.-Experimentierkoffer kommt das große Krabbeln in die Klassenzimmer. Vollgepackt mit allerlei außergewöhnlichem Unterrichtsmaterial soll er es in Zukunft möglich machen, dass Schulen die Ameisen als lohnenden Forschungsgegenstand entdecken. So steht denn auch der Titel A.N.T.S. für "Ameisen als neues Thema an Schulen". Die Arbeitsgruppe Didaktik der Biologie des Fachbereichs Biologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz realisierte dieses Projekt in enger Zusammenarbeit mit dem Pädagogischen Landesinstitut Rheinland-Pfalz (PL).

"Auch in der Biologie wollen wir immer weiter weg vom Frontalunterricht", erklärt der Leiter der Arbeitsgruppe Didaktik der Biologie an der JGU, Prof. Dr. Daniel Dreesmann. "Es gibt schon Ansätze, auch was die Arbeit mit lebenden Tieren angeht. Aber das sind meist punktuelle Projekte über ein, zwei Unterrichtstunden. Wir wollten ein System entwickeln, das sich mit dem Unterrichtsstoff mehrerer Klassenstufen verzahnen lässt." Schülerinnen und Schüler der fünften, der siebten und der zwölften Klassen arbeiten mit A.N.T.S. Der Koffer enthält genügend Materialien, um mehrere Klassen gleichzeitig zu beschäftigen.

Im Mai 2012 startete das Projekt. 23 Schulklassen aus der Region beteiligten sich an der Probephase. Nun ist A.N.T.S. reif für den regulären Unterricht. Das nahmen die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen und der Präsident der JGU, Prof. Dr. Georg Krausch, zum Anlass, ein Exemplar des Experimentierkoffers offiziell dem Gymnasium am Kurfürstlichen Schloss zu übergeben, einer der Schulen, die von Beginn an mit von der Partie waren.

JGU kooperiert mit Schulen

"Wir sind in den letzten zehn Jahren ein großes Stück vorangekommen, was Kooperationen von Universität und Schulen angeht", so Bildungsministerin Doris Ahnen. "Da ist richtig viel entstanden, was den Schulen gut tut, aber auch der Hochschule nutzt." Gerade in der Didaktik sei es wichtig, dass die entwickelten Ideen – wie bei A.N.T.S. – schnell in die Praxis getragen und erprobt würden.

Auch Krausch legt großen Wert auf die seit den 1990er-Jahren ständig ausgebaute Zusammenarbeit zwischen Schulen und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. "Es ist uns besonders wichtig, Schülerinnen und Schüler für naturwissenschaftliche Sachverhalte zu interessieren." Gerade A.N.T.S. sei in dieser Hinsicht ein vorbildliches Projekt.

Siara hat das kleine Nest aus der Kammer genommen, nun schiebt sie die Plexiglasabdeckung beiseite. "Mach schnell wieder zu", rät Selina, nachdem sie eine tote Schmalbrustameise zu ihren Artgenossinnen gelegt hat. Die lebenden Ameisen interessiert der Kadaver nur mäßig. Keine Aufregung im Nest? Mehmet ruft den Biologielehrer herbei. "Herr Seimetz, da passiert gar nichts. Was sollen wir machen?" Martin Seimetz hat an der Entwicklung von A.N.T.S. mitgearbeitet, er reagiert entspannt. "Das ist in Ordnung. Schreibt eure Beobachtungen einfach auf."

Die vier zögern, die Dokumentation gehört offensichtlich nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Aber sonst zeigen sich die Fünftklässler angetan vom neuen Unterrichtsgegenstand. "Man denkt erst, so kleine Tiere sind nichts Besonderes", erzählt Ada. "Aber die haben ganz tolle Fähigkeiten."

Forschung fast wie im Labor

Rebecca Sammet von der AG Didaktik der Biologie hat viel Arbeit in die verschiedenen Aspekte von A.N.T.S. gesteckt. In ihrer biologiedidaktischen Promotion wird sich alles um dieses Projekt drehen. Grundlage für die A.N.T.S.-Experimente mit Schmalbrustameisen oder Temnothorax nylanderi waren die Forschungsarbeiten von Prof. Dr. Susanne Foitzik und ihrer Abteilung Evolutionsbiologie am Fachbereich Biologie der JGU.

"Das war unsere Inspiration", erzählt Sammet. "Aber was im Labor funktioniert, funktioniert nicht unbedingt im Klassenzimmer." Also entwickelte sie eigene Lernmodule zum Ökosystem Wald, zum Bauplan der Insekten oder zur Kommunikation von Ameisen. "Auch die Geräte aus dem Labor konnten wir nicht einfach übernehmen." Neue, einfach zu handhabende Utensilien mussten her, neue Nester wurden konstruiert. "Da hat uns die feinmechanische Werkstatt unseres Fachbereichs sehr geholfen."

Das Ergebnis überzeugt: 30 Dreikammernester enthält der A.N.T.S-Koffer. Hinzu kommt so ziemlich alles, was benötigt wird für den Unterricht mit den Insekten. 1.000 Euro kostet solch ein Koffer. "Aber entstehen praktisch keine Folgekosten", betont Dreesmann, "es ist alles drin."

Ada, Selina, Mehmet und Siara gefällt der Unterricht mit den Ameisen. Sie gehen ausgesprochen behutsam mit den kleinen Insekten um. Flüchtende Arbeiterinnen nimmt Ada mit dem Pinsel auf. "Unsere Ameisen sind toll", fasst Mehmet nicht ganz wissenschaftlich seine Erkenntnisse zusammen.

Zurück in die Natur

Die Ameisen selbst sind anspruchslos und leicht zu halten. Zudem ist Temnothorax nylanderi im Westen Deutschlands weit verbreitet. In Eichen-Mischwäldern kommen bis zu 300 Nester auf 100 Quadratmeter. Die kleinen Ameisenvölker leben insbesondere in ausgehöhlten Eicheln.

Diese Eicheln sammelten die Schülerinnen und Schüler im März auf. Den Umzug erledigen die Insekten selbst, wenn ihnen ein neues attraktives Domizil zur Verfügung gestellt wird. Der Ausflug in die Schule dauert für die Ameisen rund sieben Monate. "Spätestens im Oktober setzen wir sie wieder aus", berichtet Sammet. Temnothorax nylanderi reicht schon ein Halm aus Stroh als neue Heimat in der alten Umgebung. "Gerade die Fünftklässler identifizieren sich sehr mit den Tieren", erzählt Dreesmann lächelnd. "Da gibt es schon mal Tränen, wenn wir die Ameisen zurückbringen."

Doch es werden neue Völker in den Unterricht kommen. Ada und ihre junge Forschungsgruppe werden dem Ameisen-Experimentierkoffer in der siebten und in der zwölften Klasse wieder begegnen. Und weitere Schulen wollen diesem Beispiel folgen. Es gibt schon diverse Anfragen. A.N.T.S. ist auf Erfolgskurs.