Eine Atomkatastrophe und ihr Medienecho

5. Mai 2014

Nach der Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011 war das Echo in den Medien ungeheuer. Ganz anders als im Fall Tschernobyl 1986 gab es eine Flut an Informationen, Kommentaren und Einschätzungen. Christian Stieghorst vom Institut für Kernchemie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) recherchierte, wie die Berichterstattung zur japanischen Atomkatastrophe aussah und was sich in diesem Bereich in den letzten Jahrzehnten verändert hat.
 

Christian Stieghorst will auf keinen Fall hochstapeln. "Ich bin kein Medienexperte", erklärt der Diplomphysiker gleich zu Beginn des Gesprächs. "Ich bin zu dem Thema gekommen, weil wir nach Fukushima unheimlich viele Presseanfragen bekamen."

Wir – das ist in diesem Fall das Institut für Kernchemie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Nachdem am 11. März 2011 ein Erdbeben die Nordostküste Japans erschüttert hatte, nachdem ein Tsunami das Land verwüstet und in Fukushima Daiichi eine der bisher schwersten nuklearen Katastrophen ausgelöst hatte, suchten Medienvertreter nach Fachleuten, die diese Situation einschätzen konnten. Sie fanden Dr. Gabriele Hampel. Die damalige Betriebsleiterin des Forschungsreaktors TRIGA am Institut für Kernchemie stand in der Folge häufig Rede und Antwort.

Vom Wert sachlicher Diskussionen

"Ich wollte Dr. Hampel einfach ein bisschen unterstützen", sagt Stieghorst. Also arbeitete sich der Doktorand in die verschlungenen Wege der Medienwelt ein und kam zu einigen spannenden Ergebnissen, die er im Februar 2014 auf einer Konferenz der International Atomic Energy Agency (IAEA) vorstellte.

"Ich war vom Deutsch-Schweizerischen Fachverband für Strahlenschutz für die Konferenz nominiert. Mehr als 200 Fachleute aus 69 Nationen kamen." Sie diskutierten über den Strahlenschutz nach Fukushima und Stieghorsts Vortrag stand unter der Überschrift "Connection with the public after Fukushima – social media and conventional media". Der Physiker erzählt mit Begeisterung von dem Treffen: "Die Teilnehmer gingen sehr sachlich miteinander um. Ich hatte nicht den Eindruck, dass da irgendeine Lobby die Hände im Spiel hatte. Es war eine sehr produktive Konferenz."

Auf Sachlichkeit legt Stieghorst Wert. Er ist weder ein glühender Verfechter der Energiegewinnung durch Atomkraft noch ein verbissener Gegner. Er wägt die Argumente und Fakten sorgsam gegeneinander ab. Diese Haltung bestimmt auch seine Sicht auf die Berichterstattung der Medien nach Fukushima.

Von Tschernobyl bis Fukushima

"Zuerst wollte ich mir nur die sozialen Medien anschauen, aber ich merkte schnell, dass konventionelle und neue Medien heute so stark verknüpft sind, dass sie sich kaum trennen lassen. In den letzten anderthalb Dekaden hat sich die Medienwelt grundlegend verändert." Diese Veränderung schlägt sich auch in der Berichterstattung über Atomkatastrophen nieder.

"Bei den Unfällen in Three-Mile-Island 1979 und Tschernobyl 1986 hatten wir das Problem, dass es kaum vernünftige Quellen gab. Bei Tschernobyl hatten wir es sogar mit einer stark kontrollierten Presse zu tun." Es wurde wenig bekanntgemacht und es gab kaum Fachjournalisten, die sich auf dem Gebiet auskannten. "Wir Wissenschaftler kamen einfach nicht an belastbare Zahlen heran."

Nach Fukushima war die Lage völlig anders: "Es gab eine Flut von Informationen und das in einer riesigen Bandbreite. Man konnte schnell an hervorragende Beiträge kommen, die nicht nur Daten und Fakten enthielten, sondern sogar fachspezifische Sachverhalte erläuterten."

Vom Gebrauch der Einheit Millisievert

Stieghorst nennt ein simples Beispiel: "In Zeiten von Tschernobyl las man schon mal, dass die Strahlung vor Ort so und so viel Millisievert betrug. Bei solchen Meldungen schütteln die Fachleute den Kopf, denn das sagt gar nichts. Das ist, als würden Sie erzählen: Ich fahre mit dem Auto drei Kilometer schnell. Es fehlt einfach eine Größe: Drei Kilometer in welcher Zeit? Meinen Sie Kilometer pro Stunde? Genauso ist das mit der Einheit Millisievert. Sie brauchen eine Zeitangabe, sonst bedeutet das nichts."

Nach Fukushima war all das vorhanden – und mehr: "Wenn etwa auf SPIEGEL ONLINE ein Detail falsch dargestellt war, wurde das sehr schnell von Lesern korrigiert. Denn in Zeiten des Internet können alle mitdiskutieren und auf einen Fehler hinweisen."

Natürlich gab es auch Beiträge, die von Sachkenntnis gänzlich unbeleckt waren, und emotionale Kommentare, die es Jahrzehnte zuvor so kaum gab, spielten plötzlich eine große Rolle. "Jeder kann zum Beispiel ein Blog im Netz einrichten. Die Stimmung kocht auch schnell hoch und schon haben Sie einen Shitstorm."

Vom Mangel an Fachjournalisten

Eins allerdings ist nach Stieghorsts Beobachtungen geblieben: "Es fehlt nach wie vor an Fachjournalisten." Schon bei der Katastrophe von Tschernobyls habe es eine sprachliche Kluft zwischen Experten und mäßig informierten Journalisten gegeben, denen schlicht Übersetzungsfehler passierten, die die Sachverhalte nicht nur vereinfachten, sondern verstümmelt oder verzerrt darstellten. Die Medien kolportierten unter anderem fröhlich die Strahlenbelastung in Millisievert – ohne die von den Wissenschaftlern dazu gelieferten Zeitangaben. Die Journalisten kannten sich zu wenig aus.

"Heute hat sich das Problem verlagert, ist aber im Prinzip gleich geblieben: Bei der Flut von Beiträgen und Informationen wären Fachjournalisten wichtig, die für uns die Informationen filtern und aufbereiten. Aber bei vielen Zeitungen sagt man sich: Es steht doch sowieso alles im Internet, das müssen wir doch nur abschreiben, da brauchen wir keine Fachjournalisten."

Stieghorst ist weit davon entfernt, die Entwicklung der Medien in den letzten Jahrzehnten pauschal zu verurteilen. Er sieht durchaus die Vorteile. Er singt aber auch keine Lobeshymnen auf sie. Er hält es wie mit der Atomkraft: Er nimmt sich erst einmal zurück und wägt nüchtern ab. Einen Nutzen hat er selbst auf jeden Fall aus der digitalen Revolution gezogen: "Ohne das Internet hätte ich zu diesem Thema gar nicht so schnell so viel recherchieren können. Ich habe das ja neben meiner eigentlichen Arbeit getan."

Vom Nutzen der Kerntechnik

Am Institut für Kernchemie der JGU beschäftigt sich der Doktorand vor allem mit zwei Fachgebieten: Mit der Neutronenaktivierungsanalyse untersuchen Stieghorst und seine Kollegen Silizum darauf, ob es für Solarzellen taugt. Reines Silizium ist teuer, deswegen wollen sie wissen, welche Verunreinigungen der Stoff enthalten darf, damit er noch effektiv für die Photovoltaik genutzt werden kann. Das kann Kosten sparen. Stieghorsts zweites Gebiet ist die Archäometrie. "Mit dieser Methode kann ich archäologische Fragestellungen beantworten." Kleinste Proben geben Auskunft, woher etwa ein antiker Mühlstein oder eine alte Glasperle stammt.

"Ohne die Kerntechnik wäre so etwas nicht möglich", sagt Stieghorst. Hier steht er ganz hinter ihrer Nutzung. Aber er bleibt auch nachdenklich. "Dieses Bild des explodierenden Reaktorgebäudes von Fukushima hatten wir alle vor Augen. Das konnten wir alle im Fernsehen sehen. Wir waren praktisch live dabei." So etwas lässt niemanden unberührt – besonders die Fachleute nicht.