Das Leben soll rocken

30. Mai 2014

Die Bildungschancen in Deutschland sind nicht gerecht verteilt, das zeigte spätestens die erste PISA-Studie. "ROCK YOUR LIFE!" ist angetreten, etwas dagegen zu tun. Vor zwei Jahren entstand die Hochschulgruppe an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Hier helfen Studierende Schülerinnen und Schülern aus sozial oder wirtschaftlich benachteiligten Familien, ihr Potenzial zu entfalten und neue Perspektiven zu entdecken.
 

Sie sitzen in der Sonne vor der Alten Mensa auf dem Gutenberg-Campus und reden über die Zukunft – allerdings nicht einfach so ins Blaue hinein. Es geht um sehr konkrete Pläne, um Wünsche und Hoffnungen.

Tiffany überlegt, in welchem Job sie später einmal arbeiten möchte. Die 16-Jährige schreibt viel und liest gern. Einige ihrer Geschichten sind im Internet zu finden. Englisch spricht sie sehr gut, was bei einer Schülerin mit Hauptschulabschluss ungewöhnlich ist. Im Moment besucht sie die Berufsbildende Schule im Bereich Hauswirtschaft/Sozialwesen. "Ich suche gerade einen Praktikumsplatz", erzählt sie. "Vielleicht etwas im journalistischen Bereich. Johanna hilft mir dabei."

Johanna Wendel studiert Deutsch und Politik auf Lehramt. Sie ist gerade mal vier Jahre älter als Tiffany. Sie unterstützt die Schülerin nicht nur bei der Suche nach einem Praktikumsplatz. Auch sonst hat Tiffany in ihr jemanden gefunden, den sie fragen kann – ob es nun um die Schule geht oder um andere Dinge.

Lösungen finden im Team

Wendel ist Mitglied der Hochschulgruppe "ROCK YOUR LIFE!". Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Schülerinnen und Schülern aus sozial, wirtschaftlich oder familiär benachteiligten Verhältnissen Studierende als Coaches zur Seite zu stellen.

"ROCK YOUR LIFE!" arbeitet mit der Mainzer Sophie-Scholl-Schule zusammen. "Die Lehrer haben uns in der Klasse gefragt, ob wir so ein Coaching haben wollen", erinnert sich Tiffany. Zu Hause hat die 16-Jährige niemanden, mit dem sie wirklich ausführlich über Schule und Berufspläne redet. Deswegen sah sie in dem Angebot eine Chance.

Ein paar Wochen später trafen 26 Studierende von "ROCK YOUR LIFE!" in einem Klassenraum auf 26 Schülerinnen und Schüler. Bei diesem Matching-Termin galt es, jeweils passende Paarungen zu finden. Tiffany und Johanna Wendel wurden ein Team.

"Das ist bereits das zweite Coaching, das wir anbieten", erzählt Miro Haydar, einer der beiden Vorsitzenden der Hochschulgruppe. Im November 2012 hat er den Mainzer Verein mit einigen Kommilitonen und Kommilitoninnen gegründet. "Anfang 2013 konnten wir das erste Matching anbieten. Da waren es noch zwölf Coaches."

Coaching für Coaches

Der Verein wächst. Die Aufgabe, ehrenamtlich als Coach zu arbeiten, scheint für viele Studierende reizvoll zu sein, auch wenn von ihnen einiges verlangt wird. "Sie unterschreiben eine Vereinbarung, in der sie sich verpflichten, zwei Jahre dabei zu bleiben", sagt Haydar. "Wir brauchen eine gewisse Stetigkeit, eine Zuverlässigkeit." In diesen zwei Jahren treffen sich Coach und Klient mindestens alle 14 Tage."

"Wir bereiten unsere Mitglieder in Seminaren auf ihre Aufgabe vor." Weitere Seminare begleiten die Coaching-Tätigkeit. Es geht um Dinge wie Berufsfindung oder psychologischen Rat. "Es ist wichtig, dass die Coaches ihre Schülerinnen und Schüler nicht in eine Richtung drängen. Sie sollen ihnen helfen, ihr Potenzial zu entfalten und ihnen Möglichkeiten aufzeigen."

"ROCK YOUR LIFE!" ist noch jung an der JGU. Die Hochschulgruppe ist ein Ableger einer bundesweiten Bewegung, die im Jahr 2008 mit einem ersten Verein an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen begann. Die Idee, Studierende als Coaches für Schülerinnen und Schüler einzusetzen zündete. Schnell gründeten sich weitere Ortsgruppen. Heute gibt es rund 40 "ROCK YOUR LIFE!"-Gruppen. "Wir haben inzwischen sogar Ableger in der Schweiz", erzählt Haydar.

Suche nach Unterstützern

Er und seine Mitstreiter sind gerade dabei, ihre Fühler auszustrecken. "Wir suchen Unternehmen und Institutionen als Partner. Mit der Stadt Mainz, mit Boehringer Ingelheim und dem Hyatt Hotel haben wir schon Kontakt." Diese Partner werden gebeten, Praktikumsplätze zur Verfügung zu stellen und den Verein gegebenenfalls auch finanziell zu unterstützen. "Wir arbeiten zwar alle ehrenamtlich", stellt Haydar klar, "aber wir brauchen Geld, um zum Beispiel die professionellen Trainer für die Seminare zu bezahlen."

Kein Geld kostet den Verein die Unterstützung von Prof. Dr. Margarete Imhof, Leiterin der Abteilung Psychologie in den Bildungswissenschaften am Psychologischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. In den nächsten Monaten wird sie die Studierenden coachen. "Das ist ein tolles Angebot", meint Haydar. "Wir sind sehr dankbar dafür."

Sascha hat alledem interessiert zugehört. Auch er genießt die frühsommerliche Sonne vor der Alten Mensa auf dem Campus. "Ich fühle mich eigentlich nicht als schwacher Schüler", sagt der 16-Jährige. Trotzdem nahm er das Angebot von "ROCK YOUR LIFE!" an. Sein Coach ist Sascha Merkle, der zweite Vorsitzende des Vereins.

"Ich bin von der Förderschule an die Berufsschule gekommen", erzählt der Schüler. "Ich war mir nicht sicher, ob ich Wissenslücken haben würde. Da wollte ich Unterstützung. Ich dachte, ich kann mehr rausholen mit einem Coach."

Reden über alles Mögliche

Unlängst musste der 16-Jährige einen Bericht über sein Praktikum im Altenheim schreiben "Ich wusste nicht, wie ich da rangehen sollte", erinnert sich der Schüler. Also half ihm sein Mentor Sascha Merkle, der an der JGU Betriebswirtschaftslehre studiert. "Ich hatte so etwas zwar auch noch nie geschrieben, aber ich dachte mir: Wir machen einfach mal."

Der Bericht wurde gut, aber vom Praktikum im Altenheim war Schüler Sascha nicht so begeistert. "Da sehe ich mich nicht. Ich überlege gerade, ob ich in Richtung Erzieher in einer Kita gehen soll." Über den Weg dahin machen sich die beiden Saschas nun gemeinsam Gedanken.

Das klingt alles recht ernst. Es könnte der Eindruck entstehen, die Beziehung zwischen den Coaches und ihren Schützlingen bleibe sehr nüchtern und sachlich. Wendel schüttelt den Kopf. "Wir machen auch viel miteinander", erzählt sie. "Von Tiffany kriege ich Lesetipps. Wir reden über alles Mögliche."

Merkle hat derweil das Thema sowieso schon gewechselt. Es geht nicht mehr um berufliche Zukunft, sondern um TV-Serien: "Wie hat dir die erste Staffel von 'Breaking Bad' gefallen?", fragt der ältere den jüngeren Sascha. "Soll ich dir die zweite leihen?"