Der Weg zum guten Dolmetscher ist steinig

25. Januar 2012

Dörte Andres ist Professorin für Dolmetschwissenschaft am Standort Germersheim der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Ihr Forschungsgebiet ist noch jung, ihre Professur recht neu. Sie erzählt von den Herausforderungen des Studiums und von den vielen Facetten ihres Fachs.
 

Wer Dolmetscher werden will, hat einiges vor sich. "Das ist ein harter Studiengang", sagt Dörte Andres. "Wer sich das antut, der will es wirklich", bekräftigt die Professorin für Dolmetschwissenschaft. "Die jungen Studierenden müssen immer gleich auf 100 sein, sie entblößen pausenlos ihre Schwächen." Es ist ein harsches Bild, das Andres da zeichnet, aber in ihrer Stimme schwingt auch Begeisterung mit. Denn wer die Herausforderungen meistert, hat viel erreicht. Das spiegelt sich gerade im Examen. "In der Prüfung sitzen Vertreter der EU und der Ministerien." So folgt auf einen guten Abschluss meist ein guter Job.

Weltweit größte Ausbildungsstätte

Der Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz findet sich nicht auf dem Mainzer Campus, sondern 120 Kilometer rheinaufwärts in einer ehemaligen französischen Kaserne an der Peripherie des Städtchens Germersheim. Rund 2.000 Studierende machen diesen Standort zu einer der weltweit größten Ausbildungsstätten für Dolmetscher und Übersetzer. "Der Fachbereich ist überschaubar", meint Andres. "Die Kommunikation ist dadurch sehr gut." Andererseits muss die Professorin als Sprecherin des Gutenberg Forschungskollegs viel zwischen Mainz und Germersheim pendeln. "Das kostet Zeit."

Andres, Jahrgang 1952, ist seit 2010 Universitätsprofessorin auf Lebenszeit. "Ich bin eine spät Berufene." Drei Jahre zuvor habilitierte sie sich mit der Arbeit "Dolmetscher als literarische Figuren", ein Thema, das sie bis heute beschäftigt, aber nur eine Facette ihrer vielfältigen Lehr- und Forschungstätigkeit darstellt. "Dolmetscher werden als hybride Persönlichkeiten dargestellt. Sie stehen für Migration, Unstetigkeit, Zerrissenheit. Dolmetscher verlieren sich in den Worten anderer, sie plappern nur nach." Auf gut 500 Seiten folgt sie dieser Spur durch die Literatur.

Dolmetscher brauchen Selbstbewusstsein

"All das steht im krassen Gegensatz zur Realität und zu unserer Ausbildung. Wir vermitteln Selbstbewusstsein. Schließlich muss ich als Dolmetscher in Bruchteilen von Sekunden entscheiden." Das hat Andres als Diplom-Dolmetscherin beim Bundesarbeitsministerium selbst erlebt. Mit vier Ministern arbeitete sie, von Walter Arendt bis Norbert Blüm. "Und meine Verdolmetschung barg immer auch einen Teil Andres in sich. Ich weiß um meine Subjektivität, kann mich aber nicht von ihr lösen." Von Dolmetscher zu Dolmetscher bleibe der Sachverhalt zwar grundsätzlich gleich. "Aber die Wortwahl kann eine andere sein, die Nuancen können anders gesetzt sein." Dafür ist Selbstbewusstsein nötig.

Doch das ist erst der Anfang. Oft müssen kulturelle Unterschiede berücksichtigt werden. "Soll ich ein Schimpfwort wörtlich übersetzen oder passe ich die Übersetzung dem anderen Kulturkreis an?" Ein "Kruzitürken" etwa wird nicht überall auf Begeisterung stoßen.

Dolmetscher arbeiten nicht im wertfreien Raum. Auch dazu forscht Andres. Die Tätigkeit der Dolmetscher im Nationalsozialismus interessiert sie. "Erfolgte eine Indoktrinierung? Welches Bild wurde den Dolmetschern von anderen Ländern vermittelt?" Hier steht sie erst am Anfang. Aber klar ist schon jetzt: "Die Nationalsozialisten wussten auch in dieser Hinsicht um die Macht der Sprache."

Müssen wir schlechter Englisch sprechen?

Im Gespräch streift Andres viele Themen. Das Dolmetschen im medizinischen Bereich etwa. "Äußerungen über Schmerz können von Kultur zu Kultur sehr unterschiedlich sein. Wenn ein Afghane sagt 'Der ganze Körper schreit!', wie übersetze ich das?" Die ungeheuren Anforderungen an Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen beschäftigt Andres genauso wie die Frage: "Wie schlecht muss ein Dolmetscher Englisch sprechen, damit er verstanden wird?" Bei Konferenzen, in denen nur ins Englische übersetzt wird, kann zum Beispiel ein nur rudimentär der Sprache mächtiger Portugiese mit dem British English des Dolmetschers Probleme haben. "Wie reagieren wir darauf. Müssen wir schlechter Englisch sprechen?"

Die moderne Dolmetschwissenschaft ist eine junge Disziplin, im Wesentlichen formierte sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Und Andres ist die erste Professorin mit einer reinen Venia in Dolmetschwissenschaft. Entsprechend weit und unbeackert ist das Feld der Forschung, das auch andere Disziplinen wie die Neurowissenschaften oder die Psychologie einbezieht.

Hinzu kommt, dass die Professorin sich nicht nur der Forschung verpflichtet fühlt. "Ich bin eine leidenschaftlich Lehrende." Dafür wurde sie mit dem Lehrpreis des Landes und der Universität ausgezeichnet. Andres berichtet von den kleinen Gruppen, in denen die Studierenden geschult werden. "Das ist am ehesten mit einem Studium der Musik zu vergleichen." Das geht vom stressigen "Live-Auftritt" bis tief hinein in die Persönlichkeit des einzelnen. "Ein Dolmetscher muss Vertrauen erweckend sein." Wer in dem Bereich Probleme hat, kann die nicht einfach weglernen. "Sie müssen jeden Studierenden beobachten, begleiten, immer wieder auf Stärken und Schwächen aufmerksam machen."

Exzellente Freitagskonferenz

Zum Schluss präsentiert Andres noch den Konferenzsaal im Keller, in dem wöchentlich die mit dem Exzellenzpreis des Landes ausgezeichnete "Freitagskonferenz" stattfindet. "Manche nennen es die Gruft", erzählt sie lächelnd.

Ein Konferenztisch, mit moderner Technik ausgestattet, dominiert den Raum, daneben reihen sich kleine Kabinen. In diesem Saal wird Konferenzdolmetschen für verschiedenste Fachgebiete praktiziert. Weltweit nutzen Universitäten Aufzeichnungen davon für eigene Übungen.

Zwei Stunden erzählt Andres von ihrer Arbeit in Lehre und Forschung und immer wieder rückt sie neue Themen in den Fokus. "Mein Kopf ist voller Ideen", erklärt sie. "Ich bräuchte jetzt noch etwa 30 Jahre und einen 48-Stunden-Tag."