Frauen fehlen in der Führung

16. Juli 2014

Sie hat es ins Top-Management eines Großunternehmens geschafft: Marianne Heiß berichtete an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) von ihrem Werdegang und davon, was sich ändern muss, damit mehr Frauen in Führungspositionen kommen. Ihr Vortrag ist ein Baustein des neuen Irène Joliot-Curie-Programms, mit dem Frauen im Exzellenzcluster PRISMA gefördert werden.
 

"Wenn jemand weiß, was Frauen brauchen, um erfolgreich zu sein, dann ist sie es“, verspricht Helga Juli, Geschäftsführerin des Exzellenzclusters "Precision Physics, Fundamental Interactions and Structure of Matter" (PRISMA) an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Die Frau, von der die Rede ist, hat es weit gebracht in der Wirtschaft. Marianne Heiß ist European Finance Director beim Werbe- und Marketingnetzwerk BBDO. In ihrem Buch "Yes She Can: Die Zukunft des Managements ist weiblich" bestärkt sie andere Frauen, ähnliche Wege zu gehen. In Mainz spricht sie von ihren Erfahrungen. Ihr Thema lautet "Frauen in Führungspositionen".

"Als Chief Financial Officer ist man als Frau sehr allein", erzählt Heiß gleich zu Beginn. "Wir haben weltweit nur ganz wenige Frauen in solchen Positionen. Bei uns bin ich die einzige im Top-Management." Heiß glaubt zu wissen, warum das so ist. "Es liegt nicht nur an den Strukturen in den Unternehmen, es liegt leider auch an den Frauen selbst."

Frauenprogramme ohne Frauen?

Marianne Heiß ist auf Einladung von Prof. Dr. Concettina Sfienti nach Mainz gekommen. Die Kernphysikerin rief im Dezember 2013 das Irène Joliot-Curie-Programm ins Leben, das Frauen des Exzellenzclusters PRISMA in allen wissenschaftlichen Karrierephasen fördern soll.

"Es gibt Tausende unterschiedlicher Frauenprogramme", sagt Sfienti. "Aber viele bleiben vor einer Wand stehen. Diese Wand heißt: Es kommen keine Frauen. Das liegt einerseits daran, dass Frauen ungern aus dem Schatten heraustreten. Sie denken, wenn sie an solchen Programmen teilnehmen, geben sie zu, dass sie ein Problem haben. Das tun sie nicht gern. Andererseits liegt es an ihrem Selbstbild. In der Wissenschaft sind Frauen oft der Meinung, dass sie an Inhalten arbeiten müssten. Soft Skills bräuchten sie nicht."

Sfienti hat deswegen beschlossen, ihre Klientel vor allem über die sozialen Medien anzusprechen. "Ich sage: Okay, ich lasse euch in eurem Schatten, ihr bleibt anonym." Im Blog schreibt Sfienti über Probleme, mit denen sich Frauen in Wissenschaft und Karriere konfrontiert sehen. Sie gibt Tipps zu verschiedensten Bereichen und reagiert auf die Anregungen ihrer Leserinnen.

Role models müssen her

Ein Wunsch, der schon bei der Gründungsveranstaltung des Irène Joliot-Curie-Programms im Dezember 2013 laut wurde, war es, Frauen wie Heiß einzuladen, Frauen in Spitzenpositionen. Zwar setzt Sfienti für das Programm vor allem auf Social Media, in denen sie eine große Chance sieht. Aber angesichts der Vortrags von Heiß sagt sie: "Ich bin beeindruckt von ihr. Es ist wichtig, dass wir solchen Menschen begegnen. Uns Frauen fehlen oft die weiblichen role models. Deswegen haben wir unser Programm auch nach Irène Joliot-Curie benannt, der Tochter von Marie Curie. Sie hatte ein Vorbild in ihrer Mutter."

Heiß ist überzeugt: "Die Männer im Spitzenmanagement leben fast alle das klassische Rollenbild. Sie haben eine Frau zu Hause und Kinder. Sie können eine Frau mit 80-Stunden-Woche, die durch die Gegend reist, nicht akzeptieren."

Demgegenüber stellt Heiß die Erkenntnis: "Männerunternehmen werden egoistischer und narzisstischer geführt, es fehlt die Weitsicht. Mehr Frauen in Führungspositionen verbessern das Ergebnis. Gemischte Teams sind optimal, sie führen zu höheren Renditen, zu einem höheren Aktienwert."

Warum also sind die Teams im Spitzenmanagement so selten gemischt? Heiß teilt viele der gängigen Argumente. Das angesprochene Rollenverständnis spiele eine Rolle. Auch neigten Männergruppen dazu, weitere Männer um sich zu scharen. "Und ein Hauptproblem in Deutschland ist natürlich: Wir haben hier nicht für jedes Kind einen Kindergartenplatz. Das gibt es in keinem anderen Land in Europa."

Was ist Erfolg?

Dennoch wendet sie sich mit ihrer Kritik auch an die Frauen: "Wir müssen lernen, Konkurrenz auszuhalten, von Männern genauso wie von Frauen." Sie fordert Entschlossenheit, regt an, Netzwerke zu bilden. "Und wir müssen ein Machtstreben entwickeln. Ich verbinde mit Macht nichts Negatives."

Die Liste ihrer Forderungen ist lang. Frauen sollen nicht ihre Schwächen, sondern ihre Stärken herausstellen. "Sie müssen auch mal konservativ-patriarchalische Rituale aushalten. Ich ziehe mich nicht zurück, wenn es nach der Konferenz in die Bar geht. Ich gehe mit, knüpfe Kontakte, hole Informationen ein."

Nicht jede Frau sei bereit, diesen Weg zu gehen. Das sei auch richtig so. "Was ist Erfolg?", fragt Heiß – und gibt gleich die Antwort: "Es sind nicht Karriere und Einkommen, sondern Wohlbefinden, Freude am Leben." Wer all das in der Familie finde, der sei eben auch dort richtig. Wichtig sei: "Stellen Sie sich Ihrer Herausforderung!"

Ganz ähnlich sieht es Sfienti: "Ich muss für die Wissenschaft brennen, um Karriere zu machen." Auch in vielen anderen Bereichen stimmt sie Heiß zu. "Frauen machen immer dieselben Fehler, wenn sie sich präsentieren. Sie stellen eher ihre Mängel in den Vordergrund." Genau diesem Problem widmet sich die Wissenschaftlerin unter anderem in ihrem Blog.

Das Postdoc-Problem

Darüber hinaus schaut Sfienti aber auch auf die spezifischen Probleme ihrer Disziplin. "Nur wenige Frauen studieren unser Fach", sagt sie. "Es fehlen eben die Vorbilder." Ein Knackpunkt in der akademischen Laufbahn von Frauen sei das erste Jahr als Postdoc. "Das ist ein sehr schwieriger Abschnitt in der Karriereplanung. Sie müssen sich entscheiden, wohin sie sich bewerben, am besten vielleicht sogar ins Ausland." Aber gerade in dieser Zeit fragen sich viele Frauen, wie sie es mit der Familie halten sollen: Kinder oder Karriere?

Sfienti ärgert sich, dass gerade in Deutschland dieses Entweder-oder eine so große Rolle spielt. "Uns fehlt der akademische Mittelbau. Wer Professorin werden will, muss auf einiges verzichten. Als Wissenschaftlerin im Mittelbau könnten sie Familie und Job leichter verbinden. Aber in Deutschland wurde der Mittelbau systematisch ausgedünnt. Das kann ich nicht nachvollziehen."

Vieles schwebt Sfienti noch vor für das Irène Joliot-Curie-Programm. Sie möchte es weiter für Frauen jenseits von PRISMA öffnen und sie möchte Partnerschaften mit anderen Universitäten eingehen. Auch so sollen Netzwerke entstehen. "Das Programm darf nicht einfach ein weiteres Frauenprogramm sein. Entweder wir meinen es wirklich ernst mit der Förderung oder wir lassen es gleich ganz bleiben", stellt sie entschieden klar.