Buddhas Nase und das Glück

24. Juli 2014

Es ist eine kleine Sammlung, aber sie hat es in sich: Am Institut für Indologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat der Nachlass von Ursula Walter ein Zuhause gefunden. Indische Götterfiguren und Buddhas, allerlei Gegenstände des Alltags und feine Votivgaben für den Tempel gibt es hier zu entdecken. Ein Teil der Sammlung ist im Philosophicum zu sehen, doch vieles ruht in einem unscheinbaren grauen Metallschrank des Instituts.
 

Gerade mal daumengroß ist der Buddha aus Gold. Er meditiert im Schatten des Bodhi-Baums. Jedes einzelne Blatt dieses ficus religiosa ist detailreich in Silber gearbeitet. Seine Äste überraschen beim genaueren Hinsehen durch eine kleine Raffinesse: Als schlanke Metallfedern münden sie in den schmalen Stamm. So beben die Blätter bei jeder Bewegung, bei jedem stärkeren Luftzug, während der Buddha in stiller Unbeweglichkeit ruht.

"Unter dem Bodhi-Baum hat Siddhartha Buddha seine Erleuchtung erlangt", skizziert Dr. Marion Meisig die Fabel hinter dem Kunstwerk. "Die Figur kommt aus Sri Lanka. Sie war wohl als Votivgabe an einen Tempel oder für einen häuslichen Kult gedacht." Meisig deutet lächelnd auf den winzigen Buddha. "Er hat bei uns den Spitznamen Zwerg Nase."

Tatsächlich glänzt das spitze Näschen ganz besonders. Mag sein, dass die einstigen Besitzer immer wieder über das Gesicht des Buddha rieben. Das sollte Glück bringen.

Der Schatz im Schrank

Die Figur ist Teil der Sammlung indischer Bronzen, die noch einiges mehr enthält als nur Bronzen. Alle Stücke stammen aus dem Nachlass von Ursula Walter aus Friedrichsdorf, die als engagierte Laiin von ihren vielen Reisen mitbrachte, was ihr besonders gefiel, und die sich mit den Jahren zur Spezialistin in Sachen indischer Kunst entwickelte.

Im Jahr 2000 kam ihre rund 200 Stücke umfassende Sammlung über private Kontakte ans Institut für Indologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, wo sie von Dr. Marion Meisig und Nina-Mareike Obstoi betreut wird. Die Töchter Walters wünschten sich, dass die Schätze ihrer Mutter der Öffentlichkeit zugänglich gemacht würden – und genau das geschieht an der Universität: In einer Dauerausstellung im Philosophicum sind 57 Exponate in vier Vitrinen zu bewundern.

Der kleine Buddha und ein großer Teil der Sammlung allerdings ruhen in einem schlichten Metallschrank im Archivraum des Instituts. Diesen Schrank haben Obstoi und Meisig nun weit geöffnet, um zu zeigen, was momentan nicht in den Glasvitrinen zu sehen ist.

"Ursula Walter hat Dinge gesammelt, die ein Wissenschaftler vielleicht nicht beachtet hätte", erzählt Meisig, "aber gerade darin liegt der Reiz dieser Sammlung." In der Hauptsache birgt der Schrank Kunstwerke aus dem religiösen Leben. Der Hinduismus des Subkontinents und der Buddhismus in Sri Lanka, Thailand und Burma, in Südostasien und Ostasien sind hier vielfältig dokumentiert.

Götter für den Hausgebrauch

Daneben allerdings finden sich auch Stücke aus dem Alltag. Obstoi nimmt ein schön gestaltetes Behältnis aus dem Schrank. Sechs bronzene Döschen sind wie Blütenblätter angeordnet. Auf dem Deckel eines jeden thront ein Pfau. Verschlossen werden die Behältnisse durch den größten Pfau in der Mitte. Nur wenn er herausgeschraubt wird, lassen sich die Döschen öffnen. "Sie enthielten die Farben für den Bindi", erzählt Obstoi. Für jenen Punkt also, den indische Frauen traditionell auf der Stirn tragen. Farbreste sind noch zu erkennen: Rot, Orange, Blau, Schwarz ...

Walters Nachlass enthält viele Bücher zu der Kunst, die sie sammelte. Was die Sammlung nicht enthält, sind genauere Angaben zu den einzelnen Stücken. Meisig und Obstoi müssen also nach und nach aufarbeiten, was sie da genau verwalten. Dies geschieht neben ihrer eigentlichen Tätigkeit am Institut. "Oft klären sich Dinge, wenn wir uns zum Beispiel für ein Seminar in ein Thema einlesen", erzählt Meisig.

Im Hinduismus sind die Götter den Gläubigen nahe. Meisig entfaltet einen kleinen roten Hausaltar aus Holz. In der Mitte ruhen die Götter. "Die Figuren werden angefasst, sie werden gestreichelt. Die Altäre werden geschmückt. Jeder sucht sich seine Lieblingsgötter." – "Ganesh, der Elefantengott, ist sehr beliebt", ergänzt Obstoi. "Er bringt Glück und Reichtum, aber der Rüssel muss immer zur Tür gerichtet sein." Der Umgang mit den Göttern scheint spielerisch, aber er ist kein Spiel. "Das alles wird sehr ernst genommen", sagt Meisig.

Der lächelnde Mönch

Vieles wirkt auf den Europäer fremd, anderes wiederum scheint seltsam vertraut. Meisig zeigt auf ein bronzenes Pferdchen. "Das ist keine Götterfigur, aber vielleicht das Reittier eines Gottes. Mit solchen Figuren werden Szenen aus dem Leben der Götter nachgestellt. Das ist ähnlich wie bei uns mit der Krippe zu Weihnachten."

Die Datierung der einzelnen Stücke muss leider vage bleiben. "Viele der Bronzen sind nicht besonders alt, aber die Formen, mit denen sie gegossen wurden, die können durchaus aus dem 16. oder 17. Jahrhundert stammen."

Ein Mönch lächelt weise. Sein Gewand ist mit einer Art Pailletten verziert, seine schmalen Augen sind sorgfältig ausgemalt. Die Holzfigur wurde rot grundiert, dann mit Goldbronze übermalt. "Sie stammt aus Burma", weiß Meisig. "Vielleicht war es eine Votivgabe an einen Tempel. Manchmal holten sich die Leute so eine Figur nach einer gewissen Zeit wieder nach Hause zurück. Sie war dann geweiht."

Lebendige Lehre

Die Sammlung Ursula Walter ist klein, aber der Betrachter kann sich durchaus in der Vielfalt der Exponate verlieren: Dort meditiert ein Buddha, da liegt eine Kette mit Perlen – das Vorbild für den Rosenkranz im Christentum und die Gebetskette im Islam. Dort reitet Visnu auf seinem Geier. Da hält Siva seine Gattin Parvati im Arm. Die Gesichter der beiden sind längst verschwunden. Dem Reiben der Gläubigen, die den Segen des Paares suchten, konnte auch die Bronze auf Dauer nicht widerstehen.

"Es ist ein Sammelsurium", räumt Meisig ein. Aber ein spannendes und aufschlussreiches Sammelsurium. Und gerade weil nicht alles in dieser Sammlung ungeheuer wertvoll ist, kann sie besonders nützlich sein. "Wir nehmen vieles mit in die Seminare und Vorlesungen", erzählt Obstoi. "Das ist gutes Anschauungsmaterial, das wir sonst so nicht zur Verfügung hätten." Das Götterpaar mit den von Gläubigen weggeriebenen Gesichtern fände sich wohl nicht mal in einem großen Museum, aber es sagt ungeheuer viel über die Religiosität seiner Besitzer.

Es ist so weit: Meisig schließt in ihn wieder, den unscheinbaren grauen Metallschrank im Archiv des Instituts für Indologie. Das Dunkel schluckt die Götter, die Buddhas, das Schminkdöschen und den Mönch. Doch wer sehen will, was die Sammlung indischer Bronzen zu bieten hat, kann sich jederzeit einen Überblick verschaffen: Vier Vitrinen warten im Philosophicum auf Besucher.