Wissen wird sinnlich und bunt

25. August 2014

Er bringt Ameisen ins Klassenzimmer, führt Schüler ins Gewächshaus und erinnert Lehrer an die Forschung: Prof. Dr. Daniel Dreesmann hat in den vergangenen vier Jahren die Arbeitsgruppe Didaktik der Biologie im Fachbereich Biologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) aufgebaut. Der Biologe erzählt, wie er zur Wissenschaftsvermittlung gekommen ist und wo es in den nächsten Jahren hingehen soll.
 

Es gibt Büros und Arbeitsstätten, die den Betrachter rätseln lassen, wer hier wohl was tun mag – und es gibt das Büro von Prof. Dr. Daniel Dreesmann. In einem kleinen Aquarium schwimmen Guppys. An der Wand hängt ein Aquarell, das detailreich und in Übergröße zwei Ameisen zeigt. Auf dem Tisch liegt ein Stapel Veröffentlichungen, obenauf der Titel "Evolutionsbiologie – Moderne Themen für den Unterricht". Dreesmann ist einer der Herausgeber.

Der Biologe selbst sitzt daneben, die bauchige Kaffeetasse in der Hand. "Wird das so eine Art Homestory?", fragt er. "Ich erzähle nicht so gern von mir selbst. Ich finde es wichtiger, wenn man mit Projekten – vor allem mit der Arbeit der Doktorandinnen und Doktoranden – reüssieren kann." Das mag wohl sein, ein wenig aber soll es auch um die Person gehen, die hinter den Projekten steht.

Arbeitsgruppe im Aufbau

Im Jahr 2010 kam Dreesmann als Professor auf Zeit an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er war angetreten, um die Arbeitsgruppe Didaktik der Biologie im Fachbereich Biologie aufzubauen. "Wir haben so eine Art Brückenfunktion. Wir versuchen, neue Inhalte von der Universität in die Schulen zu bringen." Diese Brückenfunktion sollte seinerzeit in vielen Fachbereichen der JGU gestärkt werden. Vereinzelte Initiativen gab es schon, aber nun galt es, alles zielgerichtet zu bündeln. "Das war viel Arbeit, aber auch eine schöne Aufgabe", sagt Dreesmann, der im April 2014 zum Universitätsprofessor auf Lebenszeit ans Institut für Zoologie der JGU berufen wurde.

Mittlerweile hat sich seine AG zu einem wertvollen Partner für die Schulen im Land und darüber hinaus entwickelt. Ihr bislang wohl aufwendigstes und Aufsehen erregendstes Projekt ist der A.N.T.S.-Experimentierkoffer. Mit ihm können Schulklassen im Unterricht einheimische Ameisen beobachten und das Verhalten der Insekten erforschen. Der Koffer enthält alles, was nötig ist, um die kleinen Völker von Temnothorax nylanderi im Klassenraum zu halten. Im Frühling werden die Ameisen schonend in kleine Kunstnester verfrachtet, im Herbst bringen die Schüler sie zurück in ihren angestammten Lebensraum. Dazwischen ist kontinuierliches Lernen mit den Tieren möglich.

Ameisen im Koffer

Im März 2014 präsentierten die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen und der Präsident der JGU, Prof. Dr. Georg Krausch, den A.N.T.S.-Koffer der Öffentlichkeit. Jede Schule kann solch ein Experimentierset mit Nestern, Transportbehältern, Beobachtungsarenen und vielem mehr erwerben. "Das Land finanziert aktuell zehn Koffer", erzählt Dreesmann von der fortschreitenden schulischen Verbreitung der Temnothorax nylanderi. "Und wir haben sogar schon drei Anfragen aus der Schweiz."

Der Koffer ist auch ein Beispiel für das vernetzte Vorgehen der Didaktik-AG. Dreesmann und sein Team holten nicht nur die Lehrer diverser Schulen mit ins Boot, sie banden die feinmechanische Werkstatt des Fachbereichs Biologie ein, suchten den wissenschaftlichen Rat bei der Mainzer Ameisenspezialistin Prof. Dr. Susanne Foitzik und bekamen Unterstützung vom Pädagogischen Landesinstitut Rheinland-Pfalz. "Ich knüpfe gern Kontakte, ich rede mit vielen Menschen", so Dreesmann. "Das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit."

Einst jedoch beschäftigte sich der gebürtige Bonner mit ganz anderen Dingen. In seiner Göttinger Diplom- und seiner Züricher Doktorarbeit forschte er zu Mutanten der "inneren Uhr" von Tomaten-, Tabak- und Arabidopsis-Pflanzen. "Ich war auf dem Weg zum Pflanzengenetiker, zum Molekularbiologen. Aber dann bin ich reingerutscht in diesen Vermittlungsaspekt."

Evolution in der Tram

Es begann 1988 an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. "Dort gab es ein neues Begleitstudium in Wissenschaftsforschung. Wir untersuchten, wie Wissenschaft im öffentlichen Raum vermittelt wird." Das interessierte Dreesmann. "Außerdem hatte ich schon als Schüler und in der Studienzeit eine wissenschaftsjournalistische Ader." Ab 1997 schrieb er dann sogar für die Neue Zürcher Zeitung und vermittelte dort Wissenschaft.

"Nach der Doktorarbeit überlegt man natürlich: Wo soll es jetzt hingehen?" Für Dreesmann ging es an die Erziehungswissenschaftliche Fakultät der Universität zu Köln, an der er sich 2005 in seiner Habilitationsschrift mit "Wissenschaft und Öffentlichkeit" beschäftigte. Der Biologe war endgültig in der Didaktik angekommen.

Von dieser Zeit zeugt ein Bild im Mainzer Büro: Im Darwin-Jahr 2009 konnte Dreesmann gemeinsam mit verschiedenen Künstlern und der finanziellen Unterstützung der VolkswagenStiftung in einem großen Projekt einen Straßenbahnwagen der Kölner Verkehrsbetriebe zum Thema Evolution gestalten. Diese bunte Bahn fährt nun als zweidimensionale Miniatur über die weiße Wand.

Jenseits der Universität arbeitete Dreesmann zwei Jahre im Forschungszentrum Jülich im Bereich "Strategie und Wissenschaftskommunikation" für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Er war im Projektmanagement tätig und betreute Messen und Broschüren konzeptionell wie redaktionell. Wissenschaftsvermittlung hat viele Facetten.

Experimente in der Natur

Allerdings nehmen die Schulen in Dreesmanns Arbeit den größten Raum ein. Beim Grünhaus-Projekt der Mainzer Biologiedidaktik-AG etwa stehen Nutzpflanzen und Pflanzenzüchtungen im Mittelpunkt: In einem kleinen Gewächshaus legen die Schüler selbst Hand an. Und das Projekt "NaWi outdoor" führt aus der Schule heraus: Auf der Ingelheimer Kinder- und Jugendfarm erfahren Schülerinnen und Schüler, wie verschieden Holz und Kohle brennen oder wie Tiere ihre Köpertemperatur aufrechterhalten.

"Wir wollen aber nicht nur neue Inhalte und neues Handwerkszeug in die Klassen und zu den Lehrerinnen und Lehrern bringen. Wir wollen auch vermitteln, dass man Unterricht und Schule erforschen kann. Daran haben gerade unsere Studierenden großes Interesse." Dreesmann freut sich über mehr und mehr Bachelor- und Masterarbeiten zu solchen Themen.

Auch wenn er jetzt zum Universitätsprofessor auf Lebenszeit berufen ist: Dreesmanns Aufbauarbeit geht weiter. Er will Kontakte knüpfen und intensivieren. "Die Grüne Schule im Botanischen Garten auf dem Gutenberg-Campus ist ein toller außerschulischer Lernort. Dort sind Masterarbeiten geplant.“ Die Didaktik-Abteilungen der verschiedenen Fächer sollen näher zusammenrücken und dem Biologen schweben diverse fächerübergreifende Projekte vor.

Deswegen hat Dreesmann gar nicht viel Zeit, über sich selbst zu reden. Neue Projekte stehen an. Die sind viel wichtiger – und sprechen sicherlich bald schon für sich selbst.