25 Jahre Erinnerung an das geteilte Europa

11. November 2014

In Berlin wurde gerade feierlich der 25. Jahrestag des Mauerfalls begangen. Mit Feststunden, Konzerten und fast 7.000 Luftballons entlang des ehemaligen Mauerverlaufs gedachten Hunderttausende der Ereignisse um den 9. November 1989. An der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ging es am selben Wochenende etwas ruhiger zu: Die Kommission für deutsche und osteuropäische Volkskunde lud zur Tagung "25 Jahre Erinnerung an das geteilte Europa – Musealisierung, Medialisierung, Kommerzialisierung".
 

"Mainz hatte den Reiz der guten Erreichbarkeit", erzählt Juniorprof. Dr. Sarah Scholl-Schneider vom Institut für Film-, Theater- und empirische Kulturwissenschaft (IFTEK) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz bei der Begrüßung der Gäste – und schaut etwas nervös auf die noch gelichteten Reihen im Fakultätssaal des Philosophicums. Vor zwei Jahren fand die Tagung der Kommission für deutsche und osteuropäische Volkskunde in Oldenburg statt. "Hoch im Norden." Davor ging es nach Görlitz in den Osten. Nun endlich sollten alle Teilnehmer bequem anreisen können.

Dann kam der Streik der Lokführer dazwischen. "Es war die letzten Stunden eine Zitterpartie", so Scholl-Schneider. "Der Reiz der Erreichbarkeit ist etwas verloren gegangen." Tatsächlich haben es nicht alle rechtzeitig geschafft zur Eröffnung der Tagung "25 Jahre Erinnerung an das geteilte Europa – Musealisierung, Medialisierung, Kommerzialisierung". Doch nach und nach werden die meisten doch eintreffen. Das Organisationsteam rund um Scholl-Schneider kann aufatmen.

Biografische Erfahrungen teilen

Das Thema der Tagung ist aktuell und hoch relevant, das zeigt nicht erst der Blick nach Berlin. Es geht um den Umgang mit 25 Jahren Erinnerung an die Grenze, die mitten durch Europa lief, Erinnerung an die Trennung von Ost und West. "Biografische Erfahrungen werden überall geteilt", sagt Scholl-Schneider. Im Internet etwa finde sich eine ganze Reihe von Zeitzeugenprojekten und Erinnerungsforen. Doch was passiert mit diesen Erinnerungen? Wie werden sie aufbereitet für die Medien? Wie werden sie an Gedenkorten und in Museen dargestellt?

Im vorigen Jahr machten 19 Mainzer Masterstudierende der Kulturanthropologie/Volkskunde der JGU unter Leitung von Juniorprof. Dr. Sarah Scholl-Schneider bereits ihre ganz eigenen Erfahrungen mit dem Thema. Im Zuge des internationalen Projekts "Iron Curtain Stories" befragten sie Zeitzeugen zum Eisernen Vorhang, um diese Interviews fürs Internet und für eine Handy-App aufzubereiten. Das alles war Teil des großen universitären Forschungsprojekts "Die biografische Erfahrung des geteilten Europa".

Bei der Tagung kommen auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Projekts zu Wort. Daneben präsentieren Forscherinnen und Forscher aus Prag und Leipzig, München und Wien verschiedenste Facetten zu einem Vierteljahrhundert Erinnerung an das geteilte Europa.

Leben am Point Alpha

Die Mainzerin Sara Reith schaut auf Point Alpha an der hessisch-thüringischen Grenze. Hier, am sogenannten Fulda-Gap, rechnete man zur Zeit des Kalten Krieges im Ernstfall mit einem Einfall der Truppen des Warschauer Pakts, mit dem Angriff "des Russen". Entsprechend präsent war das amerikanische Militär. Auf einem Hügel, dem Finkenberg, waren Hawk-Raketen stationiert.

"Die Wahrnehmung des 'Ostblocks' durch die Anwohner von Point Alpha – 'heißester Ort im Kalten Krieg' – über Umbrüche hinweg" betitelt Reith ihren Vortrag. Sie führte drei Interviews mit Zeitzeugen. "Man hat zwar etwas mitbekommen, aber man war nicht involviert", heißt es da zu den Aktivitäten der US-Armee. "Wir wussten gar nicht, was da oben eigentlich ist. Abschussrampe haben wir es genannt." Oder: "Für die Kinder war es Realität, für die Erwachsenen eher schwierig."

Als die Amerikaner, "die Beschützer", dann abzogen, kam "der Russe" plötzlich in Gestalt von Aussiedlern über die durchlässig gewordenen Grenze, oft skeptisch beäugt von den Anwohnern. Die Zweiteilung "US-Amerikaner da, Russen dort" bestand lange fort, auch in der Dauerausstellung an Point Alpha. Was Reith unter anderem auffiel in ihren Interviews: "Die US-Amerikaner wurden immer als Individuen dargestellt. 'Der Russe' war immer nur 'der Russe'."

Unsichtbare Deutsche

Dr. Jana Nosková vom Institut für Ethnologie der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik widmet sich in ihrem Vortrag den Kontakten und Beziehungen zu vertriebenen Deutschen in den Erinnerungen der in Brno/Brünn verbliebenen Deutschen.

"1945, 1946 wurden die meisten Deutschen aus Brünn vertrieben beziehungsweise zwangsausgesiedelt. Die wenigen verbliebenen waren starken Sanktionen ausgesetzt." Nosková skizziert das Verhältnis von Vertriebenen zu Verbliebenen. Zeitzeugen erzählten ihr von Reisen aus Brünn in den Westen oder von ihrem manchmal kritischen Verhältnis zu den Vertriebenenverbänden. Nosková wiederum erzählt von einem langsamen Verschwinden: "Über die deutsche Minderheit wird in der Tschechischen Republik immer gesprochen als einer unsichtbaren Minderheit, fast einer aussterbenden Minderheit."

Anlässlich der Tagung machte auch der Jahrhundertbus auf dem Gutenberg-Gelände halt. Ein kleines "g" prangt ganz groß auf seiner Flanke, daneben der Schriftzug "Gedächtnis der Nation". Der Bus ist ein mobiles Aufnahmestudio, er tourt durch Deutschland und lädt Menschen ein, vor der Kamera von ihren Erfahrungen zu erzählen.

Jahrhundertbus am Philosophicum

Die Idee zum Bus entstand angesichts des reichen Schatzes an teilweise nie veröffentlichten Zeitzeugeninterviews, die beim ZDF lagern. Sie sollten in einer Datenbank gespeichert, aufgearbeitet und ausgewertet werden. 2011 dann startete im zweiten Schritt der Bus, um weitere Interviews zu zeitgeschichtlichen Themen zu sammeln, ob zum Holocaust oder zur DDR-Opposition, zur Anti-Atomkraft-Bewegung oder zum Mauerfall.

Geschäftsführer Jörg von Bilavsky und sein Team erzählen von ihrer Arbeit. Sie stellen ihren Bus vor. Hier treffen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Journalisten und loten Unterschiede oder Gemeinsamkeiten in ihren Befragungen von Zeitzeugen aus. Es geht um technische Details wie Beleuchtung und Filmqualität, aber auch um den Umgang mit den Menschen und ihren Erinnerungen – und damit im Grunde um ein zentrales Thema der Tagung "25 Jahre Erinnerung an das geteilte Europa".