"Es muss darum gehen, Gewalt zu lesen"

11. Dezember 2014

Was können Literatur und Film, was können die verschiedenen Medien leisten, wenn es um die Aufdeckung von Gewaltstrukturen geht? Mit einem europäischen Netzwerk von Germanisten geht Prof. Dr. Dagmar von Hoff vom Deutschen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) dieser Frage nach. Sie plädiert für eine internationale, interkulturelle und intermediale Öffnung der Germanistik.
 

Der Austausch ist ihr wichtig, die Offenheit für andere Sichtweisen, der Blick über die Grenzen der Länder hinaus – besonders bei ihren Promovenden und den Studierenden. "Ein Dialog zwischen den Kulturen ist dringend notwendig", sagt Prof. Dr. Dagmar von Hoff. "Junge Menschen, die diesen Dialog beherrschen, können sich leichter öffnen für Neues, sie können ihren eigenen Weg besser entwickeln und sind mutiger. Sie werden sich besser in der globalisierten Welt behaupten."

Die Germanistin ist sehr überzeugend im Gespräch. Sie verwendet sogar das Wort "Weltbürger" in ihrer Argumentation, ein Begriff, der nicht nur unter deutschen Literaten einst hoch im Kurs stand, doch heute ein wenig aus der Mode gekommen zu sein scheint, obwohl er doch brandaktuell ist in der heutigen Zeit.

Mainz – Portugal

Im Jahr 2005 kam von Hoff an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz. "Ich brachte ein internationales Netzwerk mit, denn ich war in meiner akademischen Laufbahn schon immer in verschiedensten Ländern unterwegs." Gastprofessuren führten sie unter anderem in die USA, nach Brasilien und Argentinien, vor allem aber nach Portugal. Dort lehrte sie bereits für zwei Jahre als Lektorin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an der Universidade de Lisboa. "Seitdem fühle ich mich Portugal sehr verbunden."

Inzwischen sind diese Kontakte in drittmittelgeförderten Forschungsprogrammen und in einem europäischen Netzwerk zum Thema Gewalt institutionalisiert. Darüber hinaus setzt sich von Hoff immer auch für ihre Studierenden und den wissenschaftlichen Nachwuchs ein. Sie baute an der JGU Erasmus-Partnerschaften auf, drittmittelgeförderte Austauschprogramme für Doktoranden verstärkten die internationalen Verbindungen.

"Es geht darum, Gewalt zu lesen", umreißt sie das zentrale Thema des Forschungsprojekts europäischer Germanisten. Es geht um Gewaltstrukturen nicht nur in der Literatur, sondern auch in Film, Theater und Performance, in verschiedenen Medien also.

Einwicklung eines ausdifferenzierten Gewaltbegriffs

Zwar sei das Thema Gewalt auf den ersten Blick allgegenwärtig, erklärt von Hoff. "Durch die starke Medialisierung kommt es aber zu einer Verengung des Gewaltbegriffs. Gewalt kommt vom Althochdeutschen 'giwalt' und meint sowohl Gewalttätigkeit, Kraft und Machtausübung." In anderen Sprachen sind diese semantischen Felder begrifflich voneinander getrennt. So spricht man im Englischen von "violence" und "power" und im Französischen von "violence" und "pouvoir".

Gewalt werde heute im Deutschen vor allem als Gewalttätigkeit begriffen. "Sie wird schematisch gedeutet als Verhältnis von Freund und Feind, von Täter und Opfer. Um die Komplexität der Bedeutung von Gewaltstrukturen zu erfassen, müssen wir wieder zu einem ausdifferenzierten Gewaltbegriff kommen, wir müssen die Gegensätze aufbrechen und unterschiedliche Blickwinkel auf Gewalt zurückbringen."

Von Hoff sieht hier vor allem eine Chance in der Literatur. "Sie kann ganz unterschiedliche Facetten der Gewalt aufzeigen." Als Beispiel nennt sie die bekannte Schlachthofszene in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz". "Mit seinem seismografischen Gespür hat Döblin dort den Nationalsozialismus vorausgenommen. Das ist eine besondere Leistungskraft der Kunst."

Reading Violence

Diese Leistungskraft soll entdeckt, soll gelesen und interpretiert werden. Dabei kann das Netzwerk bereits auf eine ganze Reihe von Erfolgen zurückblicken. So läuft bis Ende 2015 das große Forschungsprojekt "Einschnitte. Gewalt in Literatur und Film der Moderne" unter Leitung von Prof. Dr. Dagmar von Hoff und Prof. Dr. António Sousa Ribeiro aus Coimbra. Es wird vom DAAD und von der portugiesischen Fundação para a Ciência e a Tecnologia (FCT) gefördert. Ende Mai 2015 findet dazu an der JGU ein Symposium unter dem Titel "Gewalt und Entfremdung" statt.

"Auch dieses Symposium wird so angelegt sein, dass wir besonders Promovenden einbeziehen", sagt von Hoff. Darauf kommt sie immer wieder zurück im Gespräch. Sie will den Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern Türen öffnen – in den europäischen Raum hinein, in akademische Laufbahnen, aber auch in andere außeruniversitäre Berufsfelder und Branchen. "Zu unserem Netzwerk gehört unter anderem der Verlag Peter Lang als außeruniversitärer Partner." Auch dies beruht auf einer langjährigen Kooperation, so bringt von Hoff bei Lang eine Schriftenreihe unter dem Titel "LiteraturFilm" heraus.

Germanistische Institutspartnerschaft

Einen zweiten großen Erfolg bildet die Einwerbung der Germanistischen Institutspartnerschaft mit der Universität Bydgoszcz in Polen für die Jahre 2013 bis 2015, in der vor allem polnische und deutsche Promovenden in einem strukturierten Programm gefördert werden. Diese internationale Perspektive schlägt sich auch in den von der Mainzer Germanistin betreuten Promotionen nieder, so fragt beispielsweise ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Lena Wetenkamp in ihrem Dissertationsprojekt nach der Darstellung von Europa-Diskursen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Um diese Erfolge auszubauen, wollen von Hoff und ihre europäischen Kolleginnen und Kollegen ein internationales Promovendenprogramm unter dem Titel "Reading Violence" etablieren. Ein Antrag an die EU auf Unterstützung ist in Arbeit. "Die JGU greift mir dabei sehr unter die Arme", erzählt sie. Unter anderem schweben ihr sogenannte "Joint Degrees" vor, also Doktortitel, die in Mainz und im portugiesischen Coimbra, im spanischen Valencia und im italienischen Sassari zugleich erworben werden.

"Reading Violence" ist ein großer Schritt für das europäische Netzwerk. "Ich sehe jetzt schon, wie meine Promovenden sensibler für das Erkennen von Gewaltstrukturen werden. Sie sind sensibilisiert für Gewaltfragen, für neue Blickweisen." So soll es weitergehen. "Die Germanistik muss sich weiter öffnen", sagt von Hoff.