"Es geht darum, dass jeder seine eigene Sprache findet"

16. Dezember 2014

Mit Tamara Grcic hat die Kunsthochschule der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) eine renommierte Künstlerin als Professorin gewonnen. Die Vielseitigkeit ihrer Werke soll sich auch in der Lehre spiegeln: Grcic will in ihrer Bildhauerklasse keine festen Wege vorgeben, sondern den Studierenden Räume eröffnen, in denen sie zu ihrer jeweils eigenen künstlerischen Ausdrucksform finden.
 

Ein Stuhl, ein Tisch, dazu ein Laptop und hinten auf der Fensterbank das Telefon. Mehr gibt es nicht in dem kahlen, weiß gestrichenen Raum – mal abgesehen von einem Anschlussrohr für ein Waschbecken, das aus einem gekachelten Wandabschnitt ragt. Prof. Tamara Grcic ist damit zufrieden. Ein Büro im herkömmlichen Sinn soll hier sowieso nicht entstehen. "Das wird ein Arbeitsraum. Vielleicht kann er auch für Ausstellungen genutzt werden", meint die Künstlerin.

Sie hat noch eine Stunde Zeit bis zu ihrer Antrittsvorlesung an der Kunsthochschule Mainz. "Ich werde von meiner Kunst reden. Meine Arbeit ist ja der Grund, warum ich eigentlich hier bin." Bis dahin erzählt sie ein wenig davon, was sie plant als Professorin und als frisch gebackene Leiterin einer Bildhauerklasse.

Keine klassische Bildhauerklasse

"Ich arbeite sehr medienübergreifend. Ich bin auch jemand, der oft die Medien wechselt. Ich arbeite mit Fotografie, mit Sound, mit Video, mit Installationen. Ich bin also keine klassische Bildhauerin. Meine Klasse wird deswegen keine klassische Bildhauerklasse sein."

Bereits im vorigen Semester formierte sich diese Klasse. "Ich habe bewusst alles sehr offen gelassen." Schließlich gehe es nicht darum, den Studierenden einen bestimmten künstlerischen Stempel aufzudrücken. "Man versucht, Erfahrungen weiterzugeben, Wege und Modelle aufzuzeigen. Ich muss den Studierenden Zeit lassen. Sie sollen sich entwickeln, sollen den Freiraum hier nutzen. Dies sind Jahre, in denen sie relativ geschützt viel ausprobieren können. Es geht darum, dass jeder seine eigene Sprache findet. Ich bin da, um ihnen dabei zu helfen."

Ein hoher, heller Raum ist zu sehen. Weiß gedeckt steht Tisch an Tisch. Darauf strahlen in sattem Orange 700 Honigmelonen. Es ist eine der frühen Arbeiten Grcics. 1988 begann sie ihr Studium in der Frankfurter Städelschule, in der Filmklasse von Prof. Peter Kubelka. "Er hatte eine genaue Vorstellung, wie ein Film sein sollte", erzählt Grcic den rund 100 Studierenden, die zu ihrer Antrittsvorlesung gekommen sind. "Ich wollte aber meinen eigenen Weg finden." Also wechselte sie das Medium und präsentierte im Alten Portikus eine Installation.

Wachsen, Reifen, Vergehen

"Ich wollte mit Früchten arbeiten, mit Dingen, die einen Zeitablauf haben. Mich interessierte das Wachsen, Reifen, Vergehen." Sie konzipierte eine 12-Stunden-Asstellung. Die Melonen holte sie aus der benachbarten Großmarkthalle. "Ich wollte den Lebensmittelkreislauf unterbrechen mit einem anderen Bild – wie wenn man in einen Film eine ganz andere Szene hineinschneidet. Mir war wichtig, ein Standbild zu schaffen und es danach wieder aufzulösen."

Die Melonen sollten zurück in die Markthalle, aber die strengen Lebensmittelgesetze machten Grcic einen Strich durch die Rechnung. "Wir haben die Honigmelonen dann an Aufnahmestellen für Flüchtlinge gegeben. Wir leiteten sie an eine Stelle, wo viele Leute waren, die aus den Gebieten kamen, in denen Honigmelonen wachsen."

Diese erste Vorstellung einer frühen Installation sagt einiges aus über Grcic. Ihre Sprache ist sehr klar, beinahe einfach, aber immer treffend. Sie mischt theoretische Überlegungen mit den sehr alltäglichen Erfahrungen rund um die Arbeit an ihrem Werk und beides fügt sich zu einem stimmigen Ganzen zusammen. "Ich bin nicht jemand, der Dinge auf den Punkt bringt", hatte sie zuvor im Gespräch gemeint. "Mir liegt es eher, Dinge anzulegen, die eine gewisse Komplexität haben."

Konkretes und Abstraktes

Im Jahr 1993 führte Grcic ein Stipendium der Städelschule nach New York. "Ich bin aufgebrochen, um etwas Neues zu tun. Das Fotografieren wurde mir immer wichtiger." Die Hinterköpfe von Passanten rückten ins Bild. "Mich hat das Eigenleben von Haaren interessiert, die nicht vor dem Spiegel gezähmt sind." Die Fotos zeigen etwas sehr Konkretes, zugleich wird auf den Bildern das Haar zur Textur.

Eine verwandte Arbeit heißt "Falten". Grcic präsentiert "Körper in Kleidungsstücken, die wie Früchte in ihren Schalen liegen". Wieder sind es konkrete Ausschnitte. "Ich zeige einerseits die Aufladung des Körpers, Strukturen, Material, aber ich zeige gleichzeitig auch etwas Abstraktes." Die Fotos werden im Raum der Ausstellung zu farbigen Feldern.

Danach wandte sich Grcic dann doch dem Film zu. Die Lebendigkeit, die Bewegungsenergie, die Anspannung von Körpern interessierte sie. Sie filmte die Rücken von Profiboxern und Torsos von Rennpferden, bevor es dann sehr persönlich wurde: Eine Roma-Frau erzählte, Grcic filmte sie. "Mir war wichtig, dass Splitter einer Person gezeigt werden, aber doch nicht preisgegeben wird."

Arbeiten jenseits des Rampenlichts

Grcics vielseitige Arbeiten waren an vielen Orten zu sehen, ob auf der Biennale in Venedig, in München oder Frankfurt. Prof. Dieter Kiessling, Rektor der Kunsthochschule Mainz, hat ihren Werdegang seit den 1990ern verfolgt und freut sich über die neue Kollegin. "Es gibt kaum eine Künstlerin, die einen größeren Bogen schlägt", meint er, "und kaum eine, die sensibler auf das reagiert, was in ihrem Umfeld passiert. Ihre Arbeiten sind immer interessant und anders und wichtig und auch weiterführend. Ich glaube, dass wir unglaublich viel Glück haben, weil sie viel weitergeben kann."

Nun also ist Grcic in Mainz angekommen. Aber warum ausgerechnet Mainz? "Das hier ist ein kleinere Kunsthochschule", sagt sie. "Ich arbeite gern an Orten, die nicht so sehr im Rampenlicht stehen, wo ich in Ruhe was tun kann. Hier habe ich das Gefühl: Es geht um die Sache, es geht wirklich um die Entwicklung von künstlerischem Potenzial." Daran will sie mit den Studierenden arbeiten in den nächsten Jahren. Der kahle, weiß gestrichene Raum lässt dafür viele Wege offen – genau wie die Künstlerin und Professorin der neuen Bildhauerklasse.