Kopiloten bei der Reise im Netz

6. Januar 2015

Für ihre Unternehmensidee Starthilfe50 bekamen sie von der Bundesregierung den Titel "Kultur- und Kreativpiloten 2014" verliehen: Kristoffer Braun und Andreas Dautermann greifen all jenen unter die Arme, die sich in der Welt der Computer und des Internets noch unsicher fühlen. Vor fünf Jahren gründete das Duo seine außergewöhnliche Starthilfe. Damals studierten die beiden noch am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU).
 

Der Bildschirm zeigt ein schematisch dargestelltes Haus, darin einen Computer, der durch eine gestrichelte Linie mit einem himmelblauen Antennensymbol verbunden ist. Von diesem Symbol wiederum führt eine dicke Linie hinaus aus dem Haus in die Welt – und das buchstäblich: Ein blauer Globus ist zu sehen. Die Grafik ist einfach gehalten, nichts Überflüssiges lenkt ab, während eine Stimme aus dem Off eine brennende Frage beantwortet: "Was ist WLAN und wie sicher ist es?"

Ruhig, sehr klar und langsam beginnt die Erklärung: "Schauen wir uns einmal an, wie es wahrscheinlich bei den meisten aussieht, nämlich genauso wie bei mir: Sie gehen ins Internet über eine kleine Box, die an Ihrer Telefondose steckt. Und diese Box, – die hat meistens auch eine Antenne oder zwei –, die heißt Router." Die Stimme buchstabiert langsam: "R-o-u-t-e-r. Das ist der englische Begriff dafür."

Andreas Dautermann und Kristoffer Braun sitzen in ihren Büroräumen in Mainz-Hechtsheim. "Wir sind ganz frisch eingezogen", erklärt Braun. Das hätte er nicht extra sagen müssen. Noch wirkt alles kahl und etwas unbewohnt. Nichts Überflüssiges lenkt ab. Zwei große Schreibtische dominieren den zentralen Raum und natürlich stehen auf beiden Tischen Computer.

Dreimal ausgezeichnet

Hinten lehnen zwei gerahmte Urkunden an der Wand, die Nägel dafür müssen noch eingeschlagen werden. Den Wettbewerb "Wege ins Netz" des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie haben Braun und Dautermann mit ihrem Unternehmen Starthilfe50 bereits gewonnen und sie heimsten auch eine Auszeichnung beim rheinland-pfälzischen Multimediawettbewerb "Es ist Gründerzeit" ein. Nun ist noch ein dritter Preis hinzugekommen: Starthilfe50 wurde von der Bundesregierung mit dem Titel "Kultur- und Kreativpiloten 2014" ausgezeichnet. Braun zeigt lächelnd den kleinen Pokal. Ein stilisierter Papierflieger hebt ab von einem hölzernen Sockel.

Im Jahr 2010 hat das Duo sein Unternehmen Starthilfe50 gegründet. "Wir wollten insbesondere älteren Menschen beim Umgang mit dem Computer und dem Internet helfen", erzählt Dautermann. Die "50" im Namen weist also darauf hin, wen die beiden zu den älteren Menschen zählen? Darauf angesprochen meint Dautermann halb entschuldigend: "Wir sind Publizisten und Publizisten sind nicht gerade sensibel in der Benennung von Zielgruppen." – "Der Name ist uns einfach so eingefallen damals", ergänzt Braun. "Inzwischen müssten wir eher 'Starthilfe60' heißen. Aber wir benennen uns sowieso bald um."

In ihren digitalen Videos erklären die beiden betont langsam und deutlich, doch im Gespräch in der analogen Welt legen sie ein ordentliches Tempo vor. Sie wollen vieles erzählen. Die Begeisterung für ihr Projekt ist auch nach fünf Jahren deutlich zu spüren.

Publizistikstudium an der JGU

Es begann, als sie noch Kurse und Vorlesungen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz belegten. Braun studierte neben Publizistik noch Film- und Sprachwissenschaft, Dautermann Philosophie und Politikwissenschaft. Dem Institut für Publizistik fühlen sie sich verbunden, die Lehrenden dort haben Eindruck hinterlassen. "Klar, Noelle-Neumann, Kepplinger, Daschmann, Jackob", zählt Dautermann auf. "Gut, Elisabeth Noelle-Neumann haben wir jetzt nicht mehr selbst erlebt."

Vor dem Projekt "Starthilfe50" drehten die beiden unter dem Label "Ersti TV" Videos, mit denen sie frisch eingeschriebenen Studierenden eine erste Orientierung an die Hand gaben. "Über unsere Eltern kamen wir dann auf die Idee zu Starthilfe50", meint Braun. Sie sahen einerseits das Interesse "älterer Menschen" am PC und am Internet, andererseits die Verunsicherung und das Unwissen: Ist Onlinebanking sicher? Wie bearbeite ich meine Urlaubsbilder am Computer? Wie kann ich mich mit Leuten im Netz austauschen?

"Wir wählten das Video als Medium, weil wir da genau das zeigen können, was die Leute an ihrem PC machen müssen", sagt Dautermann. Insofern ist der Film über WLAN etwas untypisch: Meist ist der Computerbildschirm zur Erklärung zu sehen und dort wird jeder Schritt aufgezeigt. "Wichtig ist, dass wir uns aus unserer eigenen Welt hinausdenken, wenn wir die Dinge erklären. Das war am Anfang nicht einfach, aber inzwischen ist uns das in Fleisch und Blut übergegangen." Wichtig ist beiden auch, dass bei Starthilfe50 die Werbung außen vor bleibt. Das würde ablenken von den Erklärungen.

Problem Adware

Mit den Videos jedoch erschöpft sich das Angebot von Starthilfe50 nicht. "Man kann uns auch direkt um Hilfe fragen", sagt Dautermann. "Derzeit ist Adware oder Malware ein großes Problem. Sie ist nicht direkt schädlich, führt aber dazu, dass sehr viel Werbung eingeblendet wird." Er bearbeitet gerade so einen Fall, deswegen wandert sein Blick während des Gesprächs immer wieder zum PC auf seinem Schreibtisch. "Ich hoffe, das stört Sie nicht."

"Starthilfe50" hat das Duo nicht nur während seines Studiums an der JGU gegründet, das Projekt hat sich auch in den Abschlussarbeiten der beiden niedergeschlagen. "Ich habe untersucht, wie ältere Menschen das Internet nutzen", erzählt Braun. "Ich wollte wissen, ob sie die Bereiche, die sie selten nutzen, deswegen meiden, weil ihnen das Wissen dazu fehlt oder weil es sie nicht interessiert."

Dautermanns Arbeit beschäftigte sich noch direkter mit Starthilfe50: "Ich habe im Experiment geschaut, ob DVDs mit Erklärvideos wirklich funktionieren. Finden sich Menschen damit besser am Computer und im Internet zurecht?" Die Antwort muss er nicht mehr geben. DVDs mit Videos sind eine Säule, über die sich Starhilfe50 finanziert.

Sozialer Impuls

"Wir sind keines dieser typischen Start-up-Unternehmen", stellt Braun klar. "Für uns spielte immer auch der soziale Impuls eine Rolle." Helfen macht beiden Spaß. "Wir kriegen ungeheuer viel dafür zurück." Dankesadressen bekommen sie zuhauf und das bewegt sie spürbar.

Seit einem Jahr betreiben Dautermann und Braun Starthilfe50 intensiv. Einen älteren Partner haben sie sich dazu geholt, und nun sitzen sie regelmäßig in ihren neuen Büroräumen. „Wir haben rund 1000 Besuche täglich auf unserer Seite und mindestens einen Klienten am Tag, dem wir am Telefon helfen“, sagt Dautermann.

Das alles reicht noch nicht, damit die beiden von Starthilfe50 leben können, aber sie sind auf einem guten Weg. Der Preis "Kultur- und Kreativpiloten 2014" kommt da gerade recht. "Erfahrene Leute, die sich in unserem Metier wirklich auskennen, begleiten uns für ein Jahr", erzählt Braun. "Außerdem gibt es Workshops und wir tauschen uns mit den anderen Titelträgern aus. Die Bandbreite ist ungeheuer. Da sind Musiker dabei, Designer, aber auch Leute aus dem Computermilieu." Der Preis ist eben auch eine Starthilfe – und solche Starthilfen können auch Menschen unter 50 gebrauchen.