Von Elite will sie nichts wissen

12. Januar 2015

Mareike Hachemer ist für den mit einer Million US-Dollar dotierten Global Teacher Prize nominiert. Unter die Top 50 hat es die ehemalige Studentin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) bereits geschafft. Nun geht es ins Finale. Im Gespräch erzählt die 31-Jährige von ihrer Zeit an der Hochschule, vom Lehrerberuf, aber auch von ihren Schülerinnen und Schülern.
 

An ihrer Alma mater ist sie gern zurückgekehrt, um von ihrer Nominierung für den Global Teacher Prize zu erzählen. Doch nicht nur darüber: "Die Uni und die Leute hier haben mir viel gegeben", erzählt Gutenberg-Alumna Mareike Hachemer. "Als ich hierher kam, war das wie eine neue Welt für mich."

Vor ihr auf dem Tisch liegt eine Grafik, die auch als Tafelbild taugen würde. Der Beruf des Lehrers prägt eben. Ganz oben stehen "Schule, Freunde, Familie". Das war die Zeit vor dem Studium. Darunter findet sich die JGU inmitten eines großen Kreises mit vielen Anmerkungen drumherum und reichlich Verbindungen nach außen. "Davon möchte ich auch erzählen."

Balladen zum Klingen bringen

Im Jahr 2002 begann Hachemer ihr Studium in Mainz. 2014 nominierte sie ihr Lebensgefährte für den auf eine Million US-Dollar dotierten Global Teacher Prize, mit dem die Varkey GEMS Foundation in diesem Jahr erstmals den weltbesten Lehrer küren will. Beides sind sicher bedeutende Ereignisse im Leben Hachemers. Doch sie lässt keinen Zweifel daran, dass der erste Termin der wichtigere ist, ganz abgesehen von der Zeit dazwischen, in der viel passiert ist.

Bis 2008 studierte Hachemer Deutsch und Englisch für das Lehramt an Gymnasien. "An der Uni haben mich vor allem die Veranstaltungen beeinflusst, an deren Ende ein Produkt stand." Unter anderem erinnert sie sich an die Balladenseminare bei PD Dr. Sigrid Rieuwerts am Department of English and Linguistics. Dort ging es nicht nur um wissenschaftliches Arbeiten, sondern auch darum, die alten Balladen zum Klingen zu bringen, gern auch am Lagerfeuer.

Jenseits des Studiums engagierte sich die 31-Jährige vielfältig. So war sie bei der KinderUni der JGU mit von der Partie und sang bei den "Authentic Voices", dem Chor des Department of English and Linguistics. Bis heute blieb sie der Hochschulgruppe "Musical Inc." als Darstellerin, Regisseurin oder Vorstandsvorsitzende treu, die Jahr für Jahr große Musical-Produktionen auf die Bühne bringt, und sie koordiniert mit Kollegen das Kulturkursprogramm von Campus Mainz e.V.

Weg vom Workaholic?

Auch ins Ausland ging sie. An der britischen Samuel Whitbread Academy etwa arbeitete sie als Fremdsprachenassistentin und nach dem Studium vermittelte Rieuwerts sie über den DAAD nach Neuseeland. An der University of Dunedin bekam Hachemer einen Lehrauftrag für Deutsch als Fremdsprache. "Auch dort durfte ich ein Theaterstück inszenieren und leiten." Mit rund 40 Akteurinnen und Akteuren studierte sie "Peterchens Mondfahrt" ein und lernte ganz nebenbei ihren Lebensgefährten kennen, der sie jetzt für den Global Teacher Prize nominiert hat.

Die Liste der Aktivitäten ließe sich lange fortsetzen. Hachemer ist Mitbegründerin von "interjuli", einer Zeitschrift für internationale Jugend- und Kinderliteraturforschung, sie war für Zeitungen und Verlage journalistisch tätig und besuchte Fortbildungen für Darstellendes Spiel, ein Fach, das auch in ihrer Lehrtätigkeit eine wichtige Rolle spielt. "Ich bin wohl ein Workaholic", meint sie zu alledem und ergänzt lächelnd: "Ich sollte mir vornehmen, davon wegzukommen."

Seit 2012 unterrichtet Hachemer als Studienrätin an den Beruflichen Schulen Groß-Gerau Deutsch und Englisch. Jüngst stieß sie auf den Global Teacher Prize der Varkey GEMS Foundation, fand die Initiative interessant und nominierte ihrerseits vier Kolleginnen und Kollegen.

5.000 Nominierungen aus 127 Ländern

Die Foundation ist eine Stiftung des Geschäftsmanns Sunny Varkey, der sich mit seinem Bildungskonzern Global Education Management Systems (GEMS) einen Namen gemacht hat. Dieses komplexe Firmengebilde unterhält Schulen und Vorschulen in der ganzen Welt. Mit der Varkey GEMS Foundation als gemeinnützigem Zweig unterstützt Philanthrop Sunny Varkey diverse Bildungsprojekte.

Der neu geschaffene internationale Preis soll nun dazu beitragen, das Ansehen des Lehrerberufs zu verbessern. Rund 5.000 Nominierungen aus 127 Ländern gingen ein. Hachemer hat es bereits unter die ersten 50 geschafft. "Mitte Februar werden die Top 10 benannt", erzählt sie. Die treffen sich dann beim Global Skills und Education Forum, einer internationalen Bildungskonferenz in Dubai, der Wahlheimat des gebürtigen Inders Varkey.

Laut Varkey GEMS Foundation gehört Hachemer also schon jetzt zur Weltelite der Lehrerinnen und Lehrer. "Was ist das eigentlich: Weltelite?", fragt sie sich im Gespräch an der JGU. "Das ist ein Begriff, den ich überhaupt nicht benutze." Ihr ist eher wichtig, dass der oft so gescholtene Berufsstand des Lehrers in den Blick der Öffentlichkeit gerückt wird. "Mir geht es im Moment darum, etwas Gutes über den Beruf an sich und die Kolleginnen und Kollegen zu erzählen." Das tut sie im Internet, dort sammelt sie kleine Geschichten.

Vom guten Unterricht

Natürlich steht am Ende die Frage im Raum, was ausgerechnet Hachemer zur guten Lehrerin macht, womöglich bald zur weltbesten Pädagogin. Dass die 31-Jährige sich selbst nicht so sieht, ist bereits klar geworden. "Schließlich machen wir alle Fehler und viele engagieren sich in hohem Maße." Aber was könnte die Foundation in ihr sehen? Die 31-Jährige tastet sich zögernd zu einer Antwort vor. Ihre internationale Ausrichtung könnte ein Aspekt sein. "Ich tausche mich sehr gern mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern aus."

Als sie dann vom Unterricht selbst erzählt, schwindet jede Unsicherheit. Die Nominierung scheint vergessen. Nun geht es um ihre Schülerinnen und Schüler. "Der Unterricht sollte ganzheitlich sein, er soll für die Schüler eine Bedeutung haben. Man muss an das anknüpfen, was in ihrem Lebensabschnitt gerade relevant ist. Projekte sollten Schüler nach Möglichkeit zum Handeln bewegen."

Um ihren Abiturienten den Übergang zwischen Schule und Universität leichter zu machen, stellte sie an den Beruflichen Schulen Groß-Gerau im vorigen Jahr gemeinsam mit einer Kollegin Vorübungen zum wissenschaftlichen Arbeiten in den Mittelpunkt. Verbindliche Abiturlektüre war der Anti-Kriegsroman "Slaughterhouse-Five" von Kurt Vonnegut.

Von der Schule an die Uni

Nach einer schulinternen Fortbildung zum selbstorganisierten Lernen entwickelte sie ein Konzept, bei dem die Schüler sich individuell, in Gruppen und dann durch gegenseitige Beratung mit der Lektüre auseinandersetzen, literarische Aspekte untersuchen, vorstellen und schließlich in einem Essay literaturwissenschaftlich analysieren.

"Die Schüler haben erst gesagt, dass sei viel zu schwierig und zu viel Arbeit. Am Ende haben sie aber alle die Mindestseitenzahl um ein Vielfaches überschritten und tolle Ergebnisse präsentiert, die sich sogar in einem Uni-Proseminar hätten sehen lassen können."

Hachemer erzählt, dass sich nach Bekanntwerden der Nominierung für den Global Teacher Prize ehemalige Schüler ihres Leistungskurses bei ihr meldeten, die sich – jetzt selbst eingeschrieben an einer Universität – Dank der gezielten Vorbereitung im Fach Englisch und im wissenschaftlichen Arbeiten topfit fühlen und die Daumen drücken, dass die 31-Jährige unter die Top 10 kommt und zum Global Skills and Education Forum nach Dubai eingeladen wird. Nun bleibt abzuwarten, wie die Entscheidung ausfällt. Wir drücken die Daumen!