"Wir versuchen, viele Bälle in der Luft zu halten"

6. Dezember 2014

Das neu geschaffene Netzwerk "JUGGLE – The network of Junior Group Leaders in Life Sciences at JGU" gibt Forscherinnen und Forschern eine Plattform, um sich wissenschaftlich auszutauschen, aber auch, um die schwierige Situation von Nachwuchsgruppenleiterinnen und -leitern in der deutschen Hochschullandschaft zu thematisieren. Anfang Dezember 2014 hat JUGGLE bei seinem ersten Mainzer Symposium zur Diskussion über Zukunftsperspektiven für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler eingeladen.
 

Der Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) zeigt sich begeistert. "Sie haben eigentlich schon gewonnen", meint Prof. Dr. Georg Krausch bei der Begrüßung zum JUGGLE-Symposium. "Einen solchen Zuspruch bei der ersten Veranstaltung zu bekommen, ist einfach toll."

Tatsächlich ist der Staudinger-Hörsaal im Max-Planck-Institut für Polymerforschung auf dem Gutenberg-Campus gut gefüllt. Viele wird der Titel der Tagung angelockt haben: "JUGGLE YOUR CAREER – Professor oder gar nichts? Was dem deutschen Wissenschaftsnachwuchs die Karriere so schwer macht".

Manch einer wird auch gekommen sein, um den Vortrag eines Nobelpreisträgers zu hören: Prof. Dr. Harald zur Hausen vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg ist zu Gast, um von seiner Forschung zu berichten. Doch nicht nur das: "Ich möchte JUGGLE unterstützen", sagt der Mediziner am Rande des Symposiums. "Ich finde diese Initiative bemerkenswert." Dann runzelt er die Stirn. "Aber eine Antwort auf die Frage, die das Symposium aufwirft, habe ich auch nicht."

Lob für JUGGLE

Damit ist die Situation skizziert: JUGGLE findet viel Zuspruch. Die Hochschulleitung und auch die Verantwortlichen der Universitätsmedizin Mainz unterstützen das Netzwerk gern. "JUGGLE spricht ein aktuelles Problem an, mit dem sich auf verschiedenen Ebenen auseinandergesetzt wird", bekräftigt Krausch. Aber ist eine Lösung in Sicht?

Im September 2013 riefen einige Nachwuchsgruppenleiter das Netzwerk der "Junior Group Leaders in Life Sciences at JGU" oder kurz JUGGLE ins Leben. Sie kommen von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz selbst, von der Universitätsmedizin Mainz, dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung und dem Institut für Molekulare Biologie (IMB). Sie alle forschen auf dem weiten Feld der Lebenswissenschaften.

"JUGGLE steht sinnbildlich für unsere Situation", erklärt Dr. Christian Berger vom Institut für Genetik der JGU. "Wir versuchen, viele Bälle in der Luft zu halten: Karriere, Forschung, Privatleben." Gemeinsam mit Dr. Robin White vom Institut für Physiologie, Dr. Ana Rogulja-Ortmann vom Institut für Genetik und Dr. Sven Horke vom Institut für Pharmakologie ist Berger zum Sprecher von JUGGLE gewählt worden – und noch vor dem Symposium haben sich die vier engagierten Nachwuchswissenschaftler die Zeit genommen, um von den Zielen des Netzwerks zu erzählen.

Eine neue Plattform

Noch bis vor Kurzem hatten die Nachwuchsgruppenleiter der Lebenswissenschaften in Mainz keine organisierte Stimme. Als Gruppe wurden sie kaum wahrgenommen. "Das wollten wir ändern", sagt Dr. Robin White. "Wir wollten eine Plattform schaffen, auf der wir uns austauschen können." – "Wir wussten am Anfang aber gar nicht genau, wen wir ansprechen sollten“, ergänzt Dr. Ana Rogulja-Ortmann.

Da auch im Personenverzeichnis der Universität keine Rubrik "Nachwuchsgruppenleiter" existierte, suchten sich die JUGGLE-Gründer selbst Adressen zusammen und schrieben rund 500 potenziell interessierte Kolleginnen und Kollegen an, von denen dann mehr als 50 unter dem Dach von JUGGLE zusammenfanden. Inzwischen sind einige neue Mitglieder hinzugekommen. Sie alle haben ihren Doktortitel in der Tasche, leiten eigene Forschungsgruppen und betreuen Doktorandinnen und Doktoranden. Sie sind das Rückgrat des sogenannten "akademischen Mittelbaus", sie sind der Wissenschaftsnachwuchs, der die Forschung voranbringt, der einen Großteil der Lehre und der Nachwuchsausbildung am Laufen hält.

"Aber wir alle wissen, dass es für etwa 70 Prozent von uns keine Stellen an den Hochschulen gibt", sagt White. "Für die meisten gibt es keine Perspektive an den Universitäten." Er weiß auch, dass JUGGLE an der Stellensituation nicht direkt etwas ändern kann. Helfen kann das Netzwerk dennoch.

Muss ein Systemwechsel her?

"Die Arbeitsgruppenleiter sollen als Gruppe sichtbar werden, sie sollen sich gegenseitig finden", betont Dr. Sven Horke. JUGGLE soll einerseits den wissenschaftlichen Austausch voranbringen. "Manch einer arbeitet an einem Projekt und weiß gar nicht, dass eine Kollegin oder ein Kollege zu einem ganz ähnlichen Thema forscht, dass der eine vielleicht eine Apparatur nutzt, die den anderen auch voranbringen könnte." Hier soll das Netzwerk Verbindungen schaffen, die nicht nur Arbeit und Geld sparen, sondern auch die Forschung erleichtern.

"Wir bieten außerdem Vorträge und Fortbildungen zu Fragen an, die speziell unsere Mitglieder interessieren", sagt Rogulja-Ortmann. Dabei geht es oft um Karrieremöglichkeiten jenseits der Hochschullandschaft. Ein geladener Wissenschaftler etwa sprach über standardisierte Gute Laborpraxis (GLP) in der Industrie, die sich durchaus von der an einer Universität unterscheidet. "Wir fragen immer nach, wo die Bedürfnisse unserer Mitglieder liegen." Ein eigenes Mentoringprogramm ist ebenfalls im Aufbau.

Eine planbare, verlässliche Karriere – das wünschen sich die JUGGLE-Mitglieder. Folgerichtig luden sie im Rahmen ihres ersten Symposiums zu einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion zur Frage "Zukunftsperspektiven der Nachwuchsgruppenleiter an der deutschen Hochschule – Brauchen wir einen Systemwechsel?".

"Man muss realisieren, dass wir es mit einem System zu tun haben, in dem unten viele anfangen, dass aber nach oben hin spitzer wird", stellt Prof. Dr. Ulrich Förstermann, wissenschaftlicher Vorstand der Universitätsmedizin Mainz, gleich zu Beginn der Diskussion fest. "An vielen Punkten entscheidet man, ob man diese Pyramide zu einem günstigen Zeitpunkt verlassen will oder kann." Dieser Abgang sei ein wesentliches Element des Systems: "Wir sind ein Ausbildungsbetrieb, nicht jeder kann bleiben."

Prinzipielles Problem bleibt

Krausch sieht das ähnlich. Er weist zwar darauf hin, dass im Mittelbau und im Bereich der Professuren gerade einige Stellen geschaffen werden sollen. "Aber das prinzipielle Problem bleibt." Nicht für alle sei Platz auf der jeweils nächsten Sprosse der Karriereleiter.

Prof. Dr. Hans-Christian Pape vom Wissenschaftsrat der Bundesregierung, der ebenfalls im Rahmen des JUGGLE-Symposiums spricht, fordert, dass dieses System mit seinen Problemen gerade für Postdocs durchsichtiger werden muss. "Wir sollten unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beraten, auch dazu, wie es außerhalb des Systems weitergehen kann." Der Wissenschaftsrat habe darüber hinaus empfohlen, mehr Professuren und mehr Stellen im akademischen Mittelbau zu schaffen.

Beim ersten JUGGLE-Symposium wurde engagiert diskutiert. Ideen wurden präsentiert und diskutiert, wohlfeile und schnelle Lösungen allerdings waren nicht zu haben, dafür ist das Problem zu grundlegend. Aber eine Plattform speziell für die Mainzer Nachwuchsgruppenleiter der Lebenswissenschaften gibt es nun. JUGGLE hat sich erfolgreich zu Wort gemeldet, ein Anfang ist gemacht.