Weg vom Zerrbild, hin zur Realität

13. März 2015

Das junge Institut für Lehrergesundheit (IfL) an der Universitätsmedizin Mainz hat in der kurzen Zeit seines Bestehens bereits Standards gesetzt, die in Deutschland ihresgleichen suchen. Kein anderes Bundesland verfügt über eine solche universitäre Institution. Rheinland-Pfalz mauserte sich in wenigen Jahren zum Klassenprimus auf diesem Gebiet.
 

"Die Gesellschaft hat sich in der Vergangenheit wenig Gedanken um die Gesundheit der Lehrer gemacht", meint Prof. Dr. med. Dipl.-Ing. Stephan Letzel. "Wir sagen: Ihr habt Burnout, ihr seid alle überfordert. Das Ansehen der Lehrer in Deutschland ist schlecht." Gerade die Medien zeichneten häufig ein Zerrbild des Berufsstands. "Dabei sind Lehrer ungeheuer wichtig, sie spielen eine zentrale Rolle in unserer Gesellschaft. Schließlich brauchen wir qualifizierten Nachwuchs und für diesen Nachwuchs brauchen wir hochqualifizierte, engagierte und insbesondere gesunde Lehrer."

Der Leiter des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) spricht grundsätzlich und leidenschaftlich. Eigentlich hat Letzel ja wenig Zeit. Für den Arbeitsmediziner und diplomierten Maschinenbauer gibt es viel zu tun. Unter anderem ist er Vorsitzender des Ausschusses für Arbeitsmedizin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), Prodekan für Studium und Lehre an der Universitätsmedizin Mainz – und seit 2011 leitet er das seinerzeit neu gegründete Institut für Lehrergesundheit (IfL).

Von der häufigsten Lehrerkrankheit

Um dieses junge Institut geht es ihm nun, dafür nimmt er sich Zeit. Letzel hat einiges zu sagen. Zwischendurch fragt er immer wieder lächelnd nach: "Ich quatsche Sie doch hoffentlich nicht tot?" Ganz im Gegenteil.

"Was ist Ihrer Meinung nach die häufigste Erkrankung bei Lehrern?" Die Antwort liegt laut den eben gescholtenen Medien auf der Hand: Lehrer werden gemobbt und tyrannisiert. Psychisch sind sie am Ende. Letzel unterbricht den Gedankengang mit einem ganz anderen Befund: "Atemwegserkrankungen sind am häufigsten. So weit wir es mit den uns vorliegenden Daten beurteilen können, ist der Berufsstand insgesamt erfreulich gesund und hat weniger Arbeitsunfähigkeitstage als die Durchschnittsbevölkerung." Die Sache mit den Atemwegserkrankungen wiederum sei naheliegend beim Unterricht und häufig überheizten Räumen und beim ständigen Kontakt mit Menschen.

Solche Erkenntnisse, wissenschaftlich begründet und belegbar, sind zumindest in Rheinland-Pfalz relativ neu. "Ähnlich wie in Bayern kümmerte man sich bisher wenig um Lehrergesundheit. Die Versorgung war minimal, obwohl das Land eigentlich verpflichtet ist, seine Beschäftigten betriebsärztlich und sicherheitstechnisch zu betreuen." Im Jahr 2007 wandte sich die damalige rheinland-pfälzische Bildungs- und Wissenschaftsministerin an Letzel. Doris Ahnen wollte etwas ändern an diesem Zustand. Zuerst war lediglich die Rede davon, einen Betriebsarzt einzustellen.

Führend in Deutschland

"Aber ich meinte, wenn wir das ordentlich machen wollen, müssen wir mehr tun", erinnert sich Letzel. So entstand im Jahr 2011 das Institut für Lehrergesundheit, angegliedert an das bestehende Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Mainz. Rund zwei Dutzend Mediziner, Psychologen, Sicherheitsingenieure und weitere Fachleute arbeiten und forschen hier. "Heute steht Rheinland-Pfalz im Gegensatz zu Bayern sehr gut da", sagt Letzel, selbst gebürtiger Bayer. "Und unser Modell interessiert nicht nur in Deutschland, ich habe auch Anfragen aus Österreich dazu erhalten."

Letzel macht sich daran, die vielfältigen Aktivitäten des Instituts für Lehrergesundheit zu skizzieren. "Wir gehen zum Beispiel anlassbezogen in Schulen." Oft geht es dabei um hohe Lärmpegel, eine ungünstige Raumakustik in den Klassenzimmern. "Da wurde ein Teppich rausgerissen und Laminat verlegt oder das Schall schluckende weiche Deckenmaterial wurde überstrichen. Das Ergebnis ist eine Akustik wie in der Semperoper." Da ist der Rat der Fachleute vom IfL gefragt. "Wir bieten auch Gesundheitstage an Schulen an. Vorher befragen wir die Leitung und anonym auch das Kollegium, welche Probleme sie sehen und was gewünscht ist. Das kann sehr unterschiedlich sein. Wenn wir etwa viele junge Lehrerinnen in einem Kollegium haben, wird vielleicht der Mutterschutz eine größere Rolle spielen." Der Gesundheitstag wird also auf jede Schule individuell zugeschnitten.

Gesundheitsberatung spielt natürlich eine zentrale Rolle. "Am Anfang waren wir so naiv, sie vor Ort anzubieten, das hat nicht funktioniert." Kaum jemand wollte vor der Nase der Schulleitung und unter den Blicken der Kollegen innerhalb der eigenen Schule den Betriebsarzt besuchen. Die Angst, dass dies bekannt oder die ärztliche Schweigepflicht nicht eingehalten würde, war groß. "Also bieten wir nun Beratungen und Untersuchungen außerhalb der Schulen an, entweder am IfL in Mainz oder bei regionalen Sprechstunden an Gesundheitsämtern. Was mir in diesem Zusammenhang besonders wichtig ist, ist zu betonen, dass die ärztliche Schweigepflicht ein sehr hohes Rechtsgut darstellt und selbstverständlich auch für die Mitarbeiter des Instituts für Lehrergesundheit bei der Betreuung von Lehrkräften gilt."

Anlaufstelle für 42.000 Lehrer

Es geht um Themen wie die Wiedereingliederung von Lehrern nach längerer Krankheit, aber auch schlicht um Vorsorgeuntersuchungen, die am Institut angeboten werden. "Das wird sehr gut angenommen." Daneben informieren Letzel und seine Mitarbeiter auch die Lehramtsstudierenden an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz über spezielle Gesundheitstage. "Da ist das Echo sehr unterschiedlich. Viele Studierende sind sich noch nicht bewusst, wie wichtig das Thema eines Tages für sie sein wird."

Rund 42.000 Lehrer beschäftigt das Land Rheinland-Pfalz an etwa 1.600 staatlichen Schulen. "Die meisten denken dabei vor allem an Grundschulen, Real- und Gesamtschulen oder Gymnasien. Aber das Spektrum ist viel breiter. Denken Sie zum Beispiel an Förderschulen und Berufsschulen." Gerade in den Berufsschulen gebe es sehr spezifische Problemfelder. "Nehmen Sie etwa die Feuchtarbeit im Friseurberuf."

Letzel streift eine ganze Reihe weiterer Themen, bevor er zu einem Punkt kommt, der ihm besonders am Herz liegt. "Als Universitätsinstitut bringen wir auch die Forschung zur Lehrergesundheit mit ein." Daran wäre bei einer Betriebsarzt-Lösung kaum zu denken gewesen. Durch Forschungsergebnisse des unabhängigen IfL bekommen dessen Empfehlungen an die Adresse der Schulen, der Verwaltung oder des Ministeriums ein ganz anderes Gewicht.

"Wir beschäftigen uns aktuell unter anderem mit den Gefährdungen im Chemieunterricht. Zum Glück passiert da eher selten etwas, aber wenn, dann knallt's eben gleich richtig und schwere Verletzungen sind möglich." Ein anderes Projekt nimmt die Realschule plus unter die Lupe. "Bei der Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen gab es viele Veränderungen in den beruflichen Anforderungen. Heute sieht es so aus, dass an vielen Schulen die Arbeit der Kollegien hervorragend läuft, an anderen aber gibt es Probleme. Wir schauen ganz konkret: Warum kommen die einen klar, die anderen nicht?"

Viel Forschung geplant

Ein Thema, das Letzel und sein Team gern bearbeiten würden, sind die Herausforderungen beim Übergang von der Ausbildung in den Lehrberuf. "Das ist ein starker Einschnitt, ein schwierige Phase. Plötzlich sind die Studierenden Lehrende, stehen mitten im Berufsalltag, müssen ganz neue Qualitäten zeigen. Außerdem fühlen sie sich im Referendariat ständig kontrolliert und müssen sich auf Prüfungen vorbereiten. Für diese Zeit brauchen wir ein Hilfsangebot – und wir müssen uns in dem Zusammenhang auch die Frage stellen, ob wir an den Universitäten womöglich auch Leute ausbilden, die später gar nicht für den Lehrberuf geeignet sind. Können wir uns das leisten?"

Ein weiterer Wunsch Letzels wäre es, eine umfassende Erhebung zur Gesundheit der Lehrer im Land zu starten. Im Moment liefert das IfL immerhin einen Jahresbericht zur Lehrergesundheit an das Bildungsministerium, der unter anderem auf eigenen punktuellen Erhebungen sowie einigen Krankenkassendaten fußt, aber noch keine belastbaren Aussagen für alle Lehrkräfte zulässt, aus denen dann geeinte Präventionsmaßnahmen abgeleitet werden können.

Das Institut für Lehrergesundheit hat in der kurzen Zeit seines Bestehens schon eine ganze Menge erreicht, das wird klar bei dem Gespräch. Aber Letzel und seine Leute ruhen sich nicht auf diesen Lorbeeren aus. Sie haben Pläne, ein Ziel: Die Gesellschaft muss besser umgehen mit ihren Lehrern. Denn gesunde und leistungsfähige Lehrkräfte sind unentbehrlich für unsere Gesellschaft.