Mehr Wert im Netz

9. März 2015

Begleitend zum diesjährigen 33. Kunsthistorikertag, der vom 24. bis 28. März 2015 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) stattfindet, haben Studierende des Instituts für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft einen eigenen Blog gestartet. In ihren Texten nähern sie sich verschiedensten Facetten des Tagungsthemas "Der Wert der Kunst".
 

1935 sah sich der jüdische Kaufmann Max Silberberg in arger Bedrängnis. Seine öffentlichen Ämter hatte er nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verloren. Nun wurde er gezwungen, seine Villa zu verkaufen. Auch einen Großteil seiner Kunstsammlung musste er versteigern lassen. 1941 wurde Silberberg ins Sammellager Kloster Grüssau deportiert, in Auschwitz wurde er ermordet.

1980 kam das Gemälde "Die Labung" von Hans von Marées über eine Schenkung ins Museum Wiesbaden. Spätere Forschungen ergaben, dass es aus Silberbergs Sammlung stammte und somit als "verfolgungsbedingt entzogenes Kunstwerk" galt. Das Museum setzte sich mit den Erben Silberbergs in Verbindung, um das Bild unter fairen Bedingungen fürs Museum zu erwerben. Das sollte über Spenden ermöglicht werden. Bis eine gewisse Summe zusammenkam, würde das Werk den Besuchern lediglich die Rückseite zuwenden. Diese Aktion unter dem Motto "Wiesbaden schafft die Wende" erregte einige Aufmerksamkeit.

Umgedrehte Kunst

"Inzwischen ist das Bild wieder umgedreht", erzählt Katharina Täschner. In ihrem Text "Wertbildung durch moralische Verantwortung – oder der Versuch, die Provenienzforschung sexy zu machen", berichtet die Studentin von diesem Fall. Im Wiesbadener Museum hat sie sich davon erzählen lassen, nun ist ihr Artikel Teil des studentischen Blogs "Der Wert der Kunst".

Vom 24. bis 28. März 2015 richtet das Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft der JGU gemeinsam mit dem Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V. den 33. Deutschen Kunsthistorikertag in Mainz aus. Im Mittelpunkt steht ein hoch aktueller Themenkomplex: "Der Wert der Kunst". Rund 800 Besucher werden in Mainz erwartet. Das Programm ist ausgesprochen vielseitig und die Organisation eine echte Herausforderung. 70 Studierende wurden als Helfer mobilisiert.

"Seit einem Jahr arbeiten wir an der Vorbereitung", erzählt Clara Wörsdörfer. Bei der wissenschaftlichen Mitarbeiterin laufen jene Fäden zusammen, die den reibungslosen Ablauf der Tagung sichern sollen. Doch das ist nicht alles. Auch den Blog zum Kunsthistorikertag hat sie ins Leben gerufen.

Bunte Ideensammlung

"Wir wollten die Studierenden nicht nur organisatorisch einspannen, wir wollten sie auch inhaltlich mitnehmen", erzählt Wörsdörfer. Bereits im Vorfeld der Tagung haben sie über den Blog die Möglichkeit, das Thema der Tagung auf ganz eigene Weise zu bearbeiten. "Wir wollten eine Ideensammlung schaffen. Ganz am Anfang stand dabei die Frage: In welche Form bringen wir das?"

Der Blog ist ein eigenständiges Projekt, das acht Studierende aus einer Lehrveranstaltung im Rahmen der inhaltlichen Vorbereitung auf den Kunsthistorikertag in Mainz konzipiert haben. "Das war ein großer Schritt", sagt Täschner. "Die besondere Herausforderung war, eine eigene Sprache für den Blog zu erarbeiten und gleichzeitig alles relativ offen zu halten."

Bunt ist die Mischung der Texte geworden. Mancher Beitrag liest sich beinahe wie ein kurzer wissenschaftlicher Aufsatz, aber es gibt auch Texte, die eher essayistisch daherkommen, oder kurze Kommentare von Künstlern zum Wert der Kunst. Matt Mullican etwa meinte am Rande einer Ausstellungseröffnung in der Kunsthalle Mainz: "The value of art is that it is questioning its own value."

Sammler alter Schule

"Als Kunsthistoriker stellen wir uns ständig die Frage: Welchen Wert hat Kunst?", sagt Isabelle Hammer. "Welche Akteure bestimmen, dass Kunst wertvoll ist?" – "Trotzdem war nicht klar, welche Antworten wir am Schluss dazu finden würden", meint Nadine Nitsche. Die Studierenden arbeiten weitgehend selbstständig an dem Blog. Wörsdörfer lektoriert die Texte, aber auch hier stehen ihr die Studierenden zur Seite.

"Ich habe beispielsweise für einen Beitrag den Sammler Gerhard Meerwein besucht", berichtet Nitsche. "Es war spannend, mit ihm darüber zu reden, wo für ihn der Wert der Kunst liegt." Die Szene der Sammler hat sich über die letzten Jahrzehnte sehr verändert. Kunst wird immer mehr als Spekulationsobjekt gesehen. "Meerwein ist aber noch einer dieser klassischen Sammler." Was Nitsche von ihm erfahren hat, ist demnächst ebenfalls im Blog zu lesen.

"Der Blog gibt den Studierenden die Möglichkeit, selbst zu publizieren", betont Wörsdörfer. Junge Kunsthistoriker können sich ausprobieren. Sie erfahren, wie es ist, wenn ein Text kritisiert und bearbeitet wird. "Auch unsere Lehrenden bekommen durch den Blog einen neuen Blick auf die Studierenden."

Wertvoller Blog

"Am Anfang dachten wir: Hoffentlich geht das gut, hoffentlich bekommen wir genug Material zusammen", erzählt Hammer. Inzwischen ist diese Sorge hinfällig. Etwa alle zwei Tage findet sich ein neuer Text im Blog und einiges kreist noch in der Warteschleife. Zudem wird der Kunsthistorikertag vom 24. bis 28. März selbst Material liefern. "Wir haben den Tagungsunterlagen einen Fragebogen beigelegt", erklärt Wörsdörfer. "Den werden wir später auswerten. Darin werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter anderem gefragt, wo für sie persönlich der Wert der Kunst liegt."

Der Blog zum Wert der Kunst wird also über den großen Kunsthistorikertag hinaus bestehen bleiben, so viel ist sicher. Wie es genau weitergeht, ist allerdings noch offen. Wenn die 800 Gäste nach Ende des Kunsthistorikertags erst abgereist sind, haben die studentischen Organisatoren mehr Zeit, sich über einen dauerhaften Blog zum Wert der Kunst Gedanken zu machen.