Keilschrifttafeln, Kohlebrocken und ein Brief von Brentano

2. April 2015

Die wissenschaftlichen Sammlungen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) präsentieren sich erstmals im Rathaus der Landeshauptstadt. Die Universalschau "WERTSACHEN" bietet einen Querschnitt durch verschiedenste Fächer und Disziplinen. Hier treffen Schädel auf Propheten, medizinisches Werkzeug auf Mineralien und Musikinstrumente auf antike Münzen.
 

Irgendwo in Afrika ist diese Laute entstanden, irgendwann in den 1970er-Jahren. Ein Blechkanister wurde zum Klangkörper, der Hals ist aus hellem Holz geschnitzt. Ein etwas mitgenommener Bleistift bildet den Bund gleich unterhalb einer schrägen Reihe schlichter Dübel, die als Wirbel dienen. Daneben liegt der Gipsabguss eines Geschäftsbriefs aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus. Das Keilschrifttäfelchen würde problemlos in eine Kinderhand passen. Zwei Kaufmänner aus Assur berichten ihrer Zentrale von Sanktionen gegen den Handel mit anatolischen Waren. "Hier ist es zu einem Prozess um Stoffe gekommen. Vielen Leuten wurden Strafen auferlegt ..." Ein großes Stück Steinkohle, schwarz und scharfkantig, lässt das Täfelchen winzig erscheinen – und sehr jung im direkten Vergleich: 330 Millionen Jahre alt ist das dunkle Gestein.

Dr. Vera Hierholzer wuselt zwischen den Vitrinen hin und her. Alles ist noch im Aufbau. Hier muss ein Exponat zurechtgerückt werden, dort drängen sich Klingen aus der Jungsteinzeit neben anderen Artefakten menschlichen Tuns. "Das ist viel zu voll, da muss ich noch etwas herausnehmen," meint die Sammlungsbeauftragte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz kopfschüttelnd, bevor sie sich einem Inkubator aus der Medizinhistorischen Sammlung zuwendet und letzte Staubpartikel entfernt. "Der war bestimmt schon lange nicht mehr so steril."

Brentano, der Beethoven-Fan

Zum ersten Mal sind die wissenschaftlichen Sammlungen der Universität im Foyer des Mainzer Rathauses zu sehen. Die Ausstellung "WERTSACHEN" präsentiert eine Auswahl all der Stücke, die sonst vor allem in Forschung und Lehre zum Einsatz kommen. "Die Sammlungen repräsentieren ganz unterschiedliche Fächer, Epochen, Orte und Kulturen", betont Hierholzer, während sie einen Brief des Dichters Clemens Brentano in einer Vitrine platziert: "Lieber sehr geliebter Beethoven ..." Dies ist ein Original aus der Sammlung Clemens Brentano der Universitätsbibliothek.

"Die Bezeichnung 'Universalmuseum' wäre wohl etwas zu hoch gegriffen", räumt Hierholzer mit einem Blick in die Runde der Exponate ein. "Aber man kann schon sagen, dass wir ein ungeheures Spektrum abdecken." Rund 30 Sammlungen finden sich unter dem Dach der JGU. Die Laute steuerte das Archiv für die Musik Afrikas (AMA) bei, die Keilschrifttafel stammt aus der Altorientalischen Lehrsammlung und der Kohlebrocken kommt von der Geowissenschaftlichen Sammlung.

"Diese Ausstellung ist eine Gelegenheit, neue Beziehungen, neue Objektnachbarschaften herzustellen", sagt Hierholzer, "sie ist im wahren Sinn interdisziplinär." Laute, Täfelchen, Kohle und ein gläsernes Kalorienmeter hat sie unter dem Begriff "Wertstoffe" in einer Vitrine versammelt. "Vergleichswert" ist ihr Titel für eine weitere Vitrine. Die Nachbildungen eines Mandrill- und eines Menschenschädels finden sich in direkter Nachbarschaft zu einem lächelnden, pausbäckigen Prophetengesicht. Dessen Original war einst in der Kathedrale von Reims zu bewundern.

Sammlungen im Aufbruch

Dies ist nicht die erste Ausstellung, die Hierholzer kuratiert. Zum 100. Geburtstag der Goethe-Universität in Frankfurt am Main wirkte sie im vergangenen Jahr an einer Ausstellung zu deren Sammlungen mit. Davor war die studierte Historikerin unter anderem als Kuratorin am Frankfurter Goethe-Haus und am Museum für Kommunikation tätig, ein Volontariat führte sie im Jahr 2006 ans Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim.

Im vorigen Herbst kam sie als Sammlungskoordinatorin an die JGU. "Hier tut sich viel", bescheinigt Hierholzer, "wir sind im Aufbruch." Sie möchte die Sammlungen der Universität über den Campus hinaus bekannter machen, ob mit Ausstellungen wie dieser oder mit Vorträgen wie der gerade im Landesmuseum laufenden Reihe "Sammelfieber". Doch das ist noch lange nicht alles. Neben der Öffentlichkeitsarbeit geht es um das Management und die Erschließung der Sammlungen. Nicht alle Stücke sind optimal untergebracht an ihren Heimstätten auf dem Campus. "Da möchte ich die Lage verbessern." Es gilt auch, die Herkunft sensibler Stücke zu klären und zu diskutieren. "Wir wollen demnächst einen Workshop zu sensiblen Objekten wie Raubgütern und menschlichen Überresten anbieten." Und ganz wichtig: "Die Sammlungen sollen weiter digitalisiert werden."

Doch nun steht die Premiere an, die "WERTSACHEN" im Rathaus der Stadt Mainz. Ende 2014 stellte Hierholzer ihre Idee zur Ausstellung an der JGU vor. Sie bekam Mittel für neue Vitrinen bewilligt, die nun im Foyer aufgebaut werden. "Es ist ein modulares System, wir können die einzelnen Teile immer wieder neu für weitere Ausstellungen zusammenstellen." Die Sammlungen sollen nun öfter in der Stadt zu sehen sein.

Die Farben der Universität

Die einzelnen Vitrinenwürfel leuchten weiß. Sie tauchen die Exponate in weiches Licht. Flexible Lampen ermöglichen es, einen zusätzlichen Fokus zu setzen. Weiß herrscht vor, lediglich die Kanten zwischen den gestapelten Ausstellungselementen scheinen Rot zu glühen – wie auch die Objektträger für die Erläuterungstexte neben den einzelnen Stücken. Hier spiegeln sich die Kennfarben der JGU in jedem Detail.

Und während in den neuen Vitrinen die Assoziation, das Spiel mit den Gegenständen, im Mittelpunkt steht, sind an den Wänden die Universitätssammlungen systematisch aufgeführt. Der Fotograf Thomas Hartmann hat repräsentative Stücke abgelichtet. Dazu gibt es Kurzinterviews mit den jeweils für die Sammlungen Verantwortlichen.

Das alles war und ist viel Arbeit – das lässt sich in den Gesichtern von Hierholzer und ihren Mitstreitern am Vorabend der Ausstellungseröffnung lesen. Aber am Abend der Eröffnung durch Marianne Grosse als Kulturdezernentin der Landeshauptstadt Mainz und Prof. Dr. Mechthild Dreyer als Vizepräsidentin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zeigt sich, dass sich die Arbeit mehr als gelohnt hat. Die reichlich erschienenen Besucherinnen und Besucher sind von den ausgewählten Exponaten in den leuchtenden Vitrinen und den großformatigen Fotos fasziniert.