Kleines Land der großen Themen

10. April 2015

Der deutsche Blick auf Israel ist ein besonderer – und oft ein verengter. Der Nahost-Konflikt schiebt sich nach vorn und immer spielt die gemeinsame deutsch-jüdische Geschichte eine wichtige Rolle. Die Studienstelle Israel am Institut für Politikwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) will den Blick weiten für die vielen Facetten des Landes. Aktuelles Projekt ist die große Konferenz zu "Annäherung, Wandel, Wahrnehmung und Zukunftsgestaltung: 50 Jahre deutsch-israelische und israelisch-deutsche diplomatische Beziehungen".
 

Im Vordergrund ist das vielfältige Grün des Karmelgebirges zu sehen. Dahinter blinken die weißen Häuser Haifas, der Mainzer Partnerstadt, mit ihrem weiten Blick über das Mittelmeer, das sich am Horizont mit dem Blau des Himmels verbindet. "Studienstelle Israel" ist ganz oben auf dem Foto-Banner zu lesen, das in Alfred Wittstocks Büro steht.

Eine ganze Reihe Studierender hat sich hier versammelt. Mittendrin sitzt Wittstock selbst, der sich allerdings weigert, im Mittelpunkt zu sein. "Sie sagen sowieso schon, dass ich ihnen zu viel reinrede", meint der Leiter der Studienstelle mit einem Augenzwinkern in die Runde.

Studierende im Vordergrund

Es ist ihm offensichtlich wichtig, die Studierenden dabei zu haben, wenn es darum geht, davon zu erzählen, was die Studienstelle Israel am Institut für Politikwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ausmacht. Denn gerade das jüngste Projekt, die anstehende viertägige Konferenz "Rapprochement, Change, Perception and Shaping the Future: 50 Years of German-Israeli and Israeli-German Diplomatic Relations", wäre ohne sie kaum zustandegekommen: Die studentische Arbeitsgemeinschaft Israel zeichnet neben der Studienstelle für die Organisation der internationalen Tagung verantwortlich.

"Das Etikett 'Studienstelle Israel' gibt es erst seit vier, fünf Jahren", schaut Wittstock zurück. Doch das Thema Israel hat er schon lange vorher an die JGU gebracht. "Es begann 1993 mit einem Lehrauftrag, daraus wurde dann eine halbe, später eine ganze Stelle." Zu sehr ins Detail gehen will er nicht. "Das wäre eine lange Geschichte." Lieber kommt er auf die Inhalte zu sprechen, die er vermittelt.

"Ein Institut für Politikwissenschaft wie unseres sollte das Thema Israel unbedingt im Katalog haben. Das Land ist nur etwa vier Flugstunden entfernt und es steht im Mittelpunkt eines Konflikts, der immer komplizierter wird." Dabei gelte es, eine ganze Bandbreite an Aspekten zu vermitteln. "Das Problem ist, dass wir Israel vor allem unter dem Aspekt des Nahost-Konflikts und vor dem Hintergrund von Antizionismus und Antisemitismus sehen." Dabei gebe es so viel mehr.

Parteien, Minderheiten, Menschen

Die Studienstelle bietet Lehrveranstaltungen zu Wirtschaft, Verfassung und Gesellschaft Israels an, Kurse zur Religion und zu modernem Hebräisch. Hinzu kommen Gastvorträge von Fachleuten aus der ganzen Welt. "Israel ist gerade mal so groß wie Rheinland-Pfalz, ein Land mit neun Millionen Einwohnern. Es hat ein Wirtschaftswachstum, von dem wir nur träumen können", sagt Wittstock. "Wir schauen uns zum Beispiel an, wie die Parteienlandschaft aussieht. Bei der letzten Wahl sind rund 20 Gruppierungen angetreten. Wir fragen uns: Wie funktioniert so ein kleines Land mit großer jüdischer Mehrheit und arabischer Minderheit, mit so vielen verschiedenen Menschen?"

Das muss reichen als Einführung, die Studierenden schalten sich ein. "Uns interessiert auch der spezielle deutsche Blick auf das Geschehen in Israel", sagt Laura-Luise Hammel von der AG Israel. "Wie sieht die deutsche Berichterstattung aus, wenn es zum Beispiel um den letzten Konflikt im August 2014 geht? Der Blick von Deutschland aus spiegelt auch die gemeinsame Geschichte. Wo schlägt sich das in den Medien nieder, wo wird auf Vorurteile zurückgegriffen?"

"Die Aufgabe der Medien ist es, Dinge einzudampfen, sie allgemein verständlich darzustellen", räumt Marc Beer ein. "Aber was fällt dabei unter den Tisch, was wird in den Vordergrund gerückt?" Wittstock führt die historische Dimension weiter aus. "Die Zeitzeugen des Holocaust und der Gründungszeit Israels sterben aus. Die Frage ist nun: Was taucht an Bildern über Israel, über das Judentum auf, die nicht mehr aufgearbeitet werden?"

Reiseziel Israel

Der akademische Blick auf Israel wird durch Studienreisen ins Land ergänzt. Annkatrin Landfried war im Jahr 2012 dabei. "Wir hatten täglich Programm von 9 Uhr morgens bis 20 Uhr abends. Das war mitunter ganz schön anstrengend. Aber wir konnten unter anderem mit einem Luftwaffengeneral sprechen, mit Andreas Michaelis, dem Deutschen Botschafter in Israel, und mit Avi Primor, dem ehemaligen israelischen Botschafter in Deutschland." Hier wirkten sich Wittstocks vielfältige Kontakte aus.

Natürlich gab es auch in den knapp bemessenen Stunden dazwischen einiges zu erfahren. "Israel ist die einzige westlich geprägte Demokratie im Nahen Osten. Das merkt man an der Freizügigkeit und der Freizeitgestaltung in Städten wie Tel Aviv oder Haifa. Das sieht ähnlich aus wie bei uns und es geht sehr international zu."

Die Arbeitsgemeinschaft Israel ist ein Treffpunkt für alle Studierenden, die sich für Israel interessieren. In der kleinen Runde in Wittstocks Büro wird klar, dass dieses Interesse sehr groß ist. Farsin Alikhani etwa schaut aus einem eigenen Blickwinkel auf Israel. "Mein Vater ist iranischer Herkunft", erzählt er. "Das iranische Regime ist überzeugt: Wenn im Iran ein Sack Reis umfällt, dann ist Israel schuld." Alikhani meint: "Die Lösung des Nahost-Konflikts ist der Schlüssel zum Frieden in der gesamten Region."

Konferenz zum Jubiläum

Zum 50. Jahrestag der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland organisieren die Studienstelle und die AG nun die viertägige Konferenz "Rapprochement, Change, Perception and Shaping the Future: 50 Years of German-Israeli and Israeli-German Diplomatic Relations".

"Wir arbeiten seit einem Jahr an der Vorbereitung", erzählt Wittstock. Die Studienstelle bemühte sich um Sponsoren, die Studierenden rangen um die inhaltlichen Schwerpunkte. "Dabei haben wir uns überlegt, dass wir die Geschichte dieser Beziehungen nicht chronologisch nachzeichnen wollen", sagt Timo Konrad. "Wir haben geschaut, welche Themen relevant sind, und uns dann gefragt, welche Referenten wir einladen."

Die Konferenz beginnt am 27. April 2015 im rheinland-pfälzischen Landtag und führt über den Gutenberg-Campus bis ins Staatstheater. Rund 20 Referentinnen und Referenten aus Mainz und Tel Aviv, aus Brüssel und Jerusalem werden zur Konferenz "Annäherung, Wandel, Wahrnehmung und Zukunftsgestaltung: 50 Jahre deutsch-israelische und israelisch-deutsche diplomatische Beziehungen" sprechen. Unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsidentin Malu Dreyer wird es selbstverständlich um Politik und um Sicherheitsfragen gehen, aber auch um Kunst und Kultur sowie um die Einstellungen der Jugendlichen in beiden Ländern. Die Konferenz wird vielfältig und bunt. Es gibt viel zu entdecken.