Dopingkontrolle ist nur ein Feigenblatt

14. Februar 2012

Mit seinem Nachweisverfahren für Gendoping hat Prof. Dr. Dr. Perikles Simon Aufsehen erregt: Was zuvor als unmöglich galt, ist ihm und seinen Mitarbeitern gelungen. Auf solche Forschungen stürzen sich die Medien, wenn es um Schlagzeilen geht. Im Gespräch jedoch setzt der Leiter der Abteilung Sportmedizin, Prävention und Rehabilitation an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) etwas andere Schwerpunkte.
 

"Uns ging's im Prinzip um das Signal: Wir können wirklich alles nachweisen, wenn wir wollen." Das klingt gut. Optimismus kommt bei Prof. Dr. Dr. Perikles Simon allerdings kaum auf, wenn er über Dopingkontrollen redet. "Was den Spitzensport angeht, halte ich eine Dopingquote von 60 Prozent für realistisch", sagt er. Gerade der Spitzensport sei ein großer Wirtschaftsfaktor. Da rede man mindestens von einem Volumen von 200 Milliarden US-Dollar jährlich. "Wenn Sie dann sechs Millionen in die Entwicklung neuer Nachweisverfahren stecken, kann das nicht funktionieren. Insgesamt gibt man 350 Millionen US-Dollar aus für Kontrollen, um dann doch nichts zu finden. Das ist zwar ein großer Posten, aber es bleibt ein Feigenblatt."

Der Sportmediziner ist gerade von einer Auslandsreise zurück. Auf seinem Schreibtisch hat sich einiges angesammelt. "Das muss ich noch abarbeiten", entschuldigt er die Unordnung. An der Wand lehnt ein rotes Fahrrad, daneben ruht ein grellgelber Gymnastikball unter einem Olympia-Poster. Simon, Jahrgang 1973, war selbst Leichtathlet, bevor er erst in der Medizin und dann in der Neurowissenschaft seinen Doktor machte. 2009 kam er nach Mainz, um die Leitung der Abteilung Sportmedizin zu übernehmen.

Doping beim Nachwuchs und im Fitnessstudio

"Es ist viel wichtiger, dass wir uns um den Nachwuchsbereich kümmern", nimmt er den Faden auf. "Ein Jan Ullrich hat ja nicht erst gestern mit Doping angefangen. Gerade das Steroiddoping läuft bei Jugendlichen oft ohne Kontrolle. Die Eltern ahnen meist nichts davon, und die Kinder wissen auch nicht genau, was sie da nehmen." Ein ähnliches Problem sieht Simon im Bereich der Fitnessstudios. "Um die 20 Prozent der männlichen Besucher nehmen leistungssteigernde Präparate. Und machen wir uns nichts vor: Die Profis wissen oft, was sie da tun, die haben Spezialisten an ihrer Seite." Die Fitnesshungrigen hingegen hätten wenig Ahnung und ruinierten ihre Gesundheit. "Das Problem wird Millionen von Menschen betreffen." Simon geht es also nicht so sehr um die Spitzensportler, er will in der Breite wirken: "Letztlich kümmern wir uns um die Volksgesundheit."

Nachweis von körperfremden Genen

Das trifft auch für den Gendopingnachweis zu. Damit lassen sich zwar per Blutprobe körperfremde Gene nachweisen, die eingeschleust wurden, um eine Leistungssteigerung zu bewirken. "Wissenschaftlich ist für uns aber der Gesamtkomplex der freien Erbsubstanz im Blut viel interessanter." Eigentlich wäre im Blut ja nicht unbedingt mit DNA zu rechnen, sie verrichtet schließlich in den Zellen ihre Arbeit. Aber sie ist da, und Simon kann sehr genau feststellen, um was für eine Erbsubstanz es sich handelt. Sie könnte zum Beispiel von genmanipulierten Lebensmitteln stammen - ein Anwendungsgebiet, das noch gar nicht ausgelotet ist.

"Wir erkennen auch durch Krebs veränderte DNA." So haben die Mediziner untersucht, wie sich Sport auf Krebspatienten auswirkt. "Wir stellten fest, dass bei körperlicher Belastung mehr Erbsubstanz im Blut schwimmt. Aber was bedeutet das? Ist es für den Patienten gefährlich, oder hilft es bei der Immunisierung?"

Welche Belastung ist sinnvoll?

Bei den Krebspatienten bleibt Simon nicht stehen, das Stichwort "Belastung" bringt ihn zum nächsten Komplex. "Wir können über die Belastungsphysiologie besser als jede andere Disziplin erklären, welche Belastung für wen sinnvoll sind." Das helfe im Prinzip jedem. "In der Vergangenheit wurde vermittelt: Jeder kann, wenn er nur will." Die Leistungsfähigkeit sei jedoch übers Leben relativ konstant. Am einen Ende der Skala gebe es die Spitzensportler, die es auf beinahe 20 Stundenkilometer brächten, an der anderen die Menschen, die Probleme mit vier Stundenkilometern hätten. "Nun müssen aber Krankenschwestern, Erzieherinnen oder Schichtarbeiter hohe körperliche Leistungen erbringen." Das sei ein Problem für die, die etwas langsamer tickten. "Es führt zu Befunden wie etwa Burn-out." Da müsse man auf den Rhythmus des Individuums Rücksicht nehmen.

Sportmedizin ist keine Luxusmedizin

Jetzt ist Simon bei der Volksgesundheit angelangt. Anders als etwa in den USA seien in Deutschland die Bereiche der Prävention und des Gesundheitsbewusstseins unterentwickelt. "Pharmaunternehmen haben daran wenig Interesse, sie wollen eher Medikamente verkaufen. Also ist der Staat gefordert, zum Beispiel ein Fach Gesundheitserziehung in den Schulen einzuführen." Simon sieht Chancen, hier durch einen Wandel Milliarden zu sparen.

"Die Volksgesundheit ist die Kernkompetenz der Sportmediziner", sagt er. "Keiner sonst hat so ein genaues Wissen darüber, wie der Körper optimal arbeitet. Früher habe ich gedacht, Sportmedizin sei eine Luxusmedizin. Das ist völlig anders. Wir sind für alle da. Wir müssen den Leuten sagen: Ihr braucht euch bei uns keine Turnhose anzuziehen, es geht um eure Bewegung."