Museum aus Gips und Kleister

19. Mai 2015

Die erste Ausstellung in der Schule des Sehens auf dem Campus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) widmet sich einer Bürgerinitiative, die vor rund 140 Jahren ebenfalls auf eine Schule des Sehens setzte: Der Mainzer Verein für plastische Kunst sammelte Abgüsse großer Kunstwerke von der Antike bis zum Mittelalter. Damit wollten die Initiatoren einen Beitrag leisten zur ästhetischen Bildung der Bevölkerung.
 

Die Schule des Sehens ist ganz neu auf dem Gutenberg-Campus – so neu, dass ihr Umfeld noch einer Baustelle gleicht. "Aber es wird sehr schön draußen", sagt Dr. Patrick Schollmeyer, der Kurator der Schule des Sehens. Er beobachtet durch die Fensterfront, wie ein Laster eine Fuhre Gestein ablädt. "Es wird Bänke geben und ein wenig Grün wie nebenan." Er deutet hinüber zum Vorplatz des Georg Forster-Gebäudes, wo sich die Studierenden tummeln. So soll es mal aussehen. Von draußen werden dann viele hineinschauen, denn im Grunde ist die Schule des Sehens ein einziges Schaufenster: das Schaufenster der Universität.

Mit "Museum aus Gips und Kleister – Das vergessene Mainzer Pantheon" ist eine erste Ausstellung in die Schule gezogen. Gleich am Eingang steht überlebensgroß Aphrodite, die sogenannte Venus von Milo. "Das ist ein Highlight der Antike", sagt Schollmeyer. Im Jahr 1873 holten Mainzer Bürger dieses Highlight in ihre Stadt. Allerdings nicht im Original: 100 Gulden kostete dieser Gipsabguss. Die Venus war Teil einer ganzen Lieferung von Replikaten antiker Skulpturen.

Ästhetische Bildung für Mainzer

Der Mainzer Verein für plastische Kunst hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Bevölkerung ästhetisch zu bilden. "Um den Mainzern diese Bildung angedeihen zu lassen, bedurfte es Vorbildern aus der römischen und griechischen Antike", erzählt Schollmeyer. Im Zeitalter des Historismus gehörte es zum guten Ton, Bescheid zu wissen über das Altertum.

"Den Initiatoren des Vereins war aber klar, dass nicht alle Mainzer in der Lage waren, antike Texte zu lesen. Es war auch nicht jeder in der Lage, nach Italien zu reisen, um sich Skulpturen anzuschauen." Also kauften sie Anschauungsmaterial, das vor Ort direkt auf die Sinne wirken sollte. "Sie sahen es als ihre vaterländische Pflicht, die Gipsabgüsse präsent zu halten." Und nun ist eine Auswahl dieser Abgüsse in der Schule des Sehens zu sehen.

"Der Mainzer Verein für plastische Kunst ist ein Beispiel bürgerschaftlichen Engagements", sagt Schollmeyer. "Wir haben ihn als Thema unserer ersten Ausstellung gewählt, weil die Schule des Sehens selbst ein Beispiel bürgerschaftlichen Engagements ist. Das passt ganz vorzüglich." Der Verein der Freunde der Universität Mainz stellte anlässlich seines 60-jährigen Bestehens 300.000 Euro als Startkapital für die Errichtung der Schule zur Verfügung und auch sonst unterstützt er die JGU auf verschiedenste Weise. Hier treffen sich also zwei Initiativen über anderthalb Jahrhunderte hinweg.

Als Emblem der neuen Schule ist auf den grünen Textbannern der Ausstellung ein Putto mit langem Fernrohr zu sehen: Der kleine Engel scheint hoch interessiert an dem, was er in der Ferne sieht. Die Vorlage zu diesem Logo lieferte ein Porträtstich Galileo Galileis aus dem 17. Jahrhundert.

Sehen als Kulturtechnik

"Generell wollen wir mit der Schule des Sehens das Thema der visuellen Kompetenz als Kulturtechnik verfolgen", erklärt Schollmeyer. Alle sind zum Sehen eingeladen, zum Anschauen und Entdecken. Die Schule eignet sich neben Ausstellungen auch für Workshops, Vorträge oder kleine Konzerte. Der Bau mit seinen 80 Quadratmetern Ausstellungsfläche bietet in seiner Multifunktionalität Raum für vieles. "Wir wollen mit der Schule Mainzer aller Altersstufen auf den Campus locken." Initiativen verschiedenster Art sind gefragt und willkommen, ob von Studierenden oder Lehrenden.

Die aktuelle Ausstellung entstand aus einem Lehrprojekt, das Schollmeyer vom Arbeitsbereich für Klassische Archäologie zusammen mit Prof. Dr. Elisabeth Oy-Marra von der Abteilung Kunstgeschichte anbot: Studierende machten sich Gedanken, wie sie die Arbeit des Vereins für plastische Kunst präsentieren konnten.

"Entlang den Wänden zeigen wir die Anschaffungsgeschichte des Vereins", erläutert Schollmeyer. Man begann damit, Beispiele eines klassischen Kanons nach Mainz zu holen. "Doch dabei ist es nicht geblieben. Auch die italienische Renaissance galt als vorbildhaft." Davon zeugt unter anderem ein Abguss der Büste des Pietro Mellini, ein Werk des florentinischen Bildhauers Benedetto de Maiano aus dem 15. Jahrhundert: Ein faltiger Charakterkopf schaut in die Welt.

"Um 1900 begann man sich in Deutschland stark für das Mittelalter zu interessieren." Um der Gotik des Erzfeindes Frankreich etwas entgegensetzen zu können, entsann man sich der eigenen mittelalterlichen Kunst. Eine Kopie der Uta vom Naumburger Dom fand ihren Weg nach Mainz. "Im Nationalsozialismus wurde sie kräftig gehypt. Uta wurde zur Ikone für Verzicht und Opferbereitschaft der deutschen Frau." Die Anschaffungsgeschichte des Vereins für plastische Kunst ist auch eine Geschichte des Zeitgeschmacks und sie liefert Beispiele dafür, wie Ideologien Kunst vereinnahmen.

Odyssee einer Sammlung

Ergänzend dazu dokumentiert die Schau die Odyssee der rund 250 Exponate umfassenden Sammlung quer durch Mainz. Zu Beginn im Kurfürstlichen Schloss ausgestellt, kam sie später in die Stadtbibliothek und in den 1930er-Jahren ins Haus am Dom. Nach dem Krieg gingen die Exponate an die 1946 wiedereröffnete Universität.

Diese Odyssee wird nicht nur durch historische Fotos und originale Aufstellungspläne dokumentiert. Auch an einer sitzenden Achilles-Figur, dem Ares Ludovisi, wird sie deutlich. Restauratoren haben sein rechtes Schienbein teilweise freigelegt: Hier sind über dem ursprünglich zart elfenbeinern gefärbten Grundton mehrere Ausbesserungsschichten der folgenden Jahrzehnte zu unterscheiden.

"Museum aus Gips und Kleister" greift auf kleinem Raum viele Aspekte des Vereins für plastische Kunst auf. Er porträtiert auch einige der Akteure, darunter den Mainzer Archäologen Georg Lippold. Dessen Handbuch "Griechische Plastik" von 1950 gilt bis heute als unentbehrliches Standardwerk. "Sein Vater war Mitbegründer des Vereins. Wahrscheinlich hat er den Sohn durch die Sammlung geführt. Ich stelle mir vor, dass der kleine Georg hier seine Leidenschaft für die Antike entdeckte", sagt Schollmeyer.

Die Schule des Sehens hat also damals schon hervorragend funktioniert. Das macht optimistisch für die nagelneue Schule auf dem Campus.