Vom Pergament ins Internet

29. Mai 2015

Die Augsburger Baumeisterbücher bieten einen tiefen Einblick in die Geschichte einer bedeutenden Reichsstadt. Über rund fünf Jahrhunderte erstreckt sich diese beinahe lückenlose Chronik. Prof. Dr. Jörg Rogge vom Historischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat ein Projekt ins Leben gerufen, das es sich zur Aufgabe macht, diese herausragende historische Quelle in einer digitalen Edition zu präsentieren.
 

Nein, die Originale stehen nicht in seinem Büro. "Aber warten Sie mal, ich muss noch etwas anderes da haben", meint Prof. Dr. Jörg Rogge vom Arbeitsbereich Mittelalterliche Geschichte am Historischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er schaut seine Ordner durch, die in Kolonnen in seinen Regalen stehen.

"Hier, das war eine Vorarbeit für unseren Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft." Er schlägt eine Seite auf. Ganz oben steht "Buch 27". Dann folgt die minuziöse Entzifferung einer Seite. Die Abkürzungen des Originals sind aufgelöst. Was für den Laien eine kaum interpretierbare Aneinanderreihung von Buchstaben und Zahlen ist, wird in dieser Fassung lesbar: "Anno domini 1420 ..."

Digitale Edition als DFG-Projekt

Die Augsburger Baumeisterbücher sind ein außergewöhnliche Quelle. "Es gibt fast aus jeder größeren Stadt und selbst aus kleineren Orten in Deutschland Kontobücher oder Rechnungsbücher", erklärt Rogge. "Sie sind nur unterschiedlich gut überliefert. Manche fangen erst um das Jahr 1500 an. Die Augsburger Baumeisterbücher beginnen 1320. Das ist sehr früh. Außerdem sind sie bis zum Jahr 1800 fast komplett erhalten. Bei vielen anderen Städten klaffen große Lücken." Und bei Augsburg handelt es sich um einen bedeutenden Ort, eine Reichsstadt, eine weitgehend autonome Kommune, die nur dem Kaiser unterstand. "Sie war unter anderem stark in den internationalen Handel eingebunden."

Rogge stellte einen Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG): Mit einem Team von drei Mitarbeitern wollte er innerhalb von drei Jahren die Augsburger Baumeisterbücher der Jahrgänge 1320 bis 1466 bearbeiten. "Das sind 67 Bände und ungefähr 10.000 Seiten." Die handschriftlichen Einträge sollten transkribiert werden, Kommentare hinzukommen. Vor allem aber sollte die Informationsflut übers Internet zugänglich und erschließbar sein. Eine kommentierte digitale Edition würde entstehen. Im Jahr 2014 bewilligte die DFG 400.000 Euro für das Projekt, das am Forschungsschwerpunkt Historische Kulturwissenschaften der JGU angesiedelt ist.

Der Historiker blättert weiter durch den Ordner: "zol zu wertachprugg / drey sunntag 10 ½". Es geht um den Zoll, der an der Wertachbrücke entrichtet wurde. "Zimmerleut lon" ist aufgeführt. "Sie wurden alle 14 Tage bezahlt." Details zu einer Lieferung "holtz" sind verzeichnet. Und: "Die Stadt hat erstaunlich viele Nägel gekauft", nennt Rogge lächelnd ein weiteres Detail.

Schneebälle und Lobbyisten

Selbst anekdotenhafte Einträge finden sich. "Das Wachpersonal wird angewiesen, Leute zu fassen, die im Winter mit Schneebällen werfen." Das war im 14. Jahrhundert. "Ab dem zweiten Drittel des 15. Jahrhunderts bezahlt die Stadt Lobbyisten am kaiserlichen Hof, die dort Augsburger Interessen vertreten. Sie heißen natürlich noch nicht Lobbyisten, von Justitiaren ist die Rede. Aber sie haben im Prinzip dieselbe Aufgabe."

Ob Infrastrukturmaßnahmen oder Kanalreinigungen, Personalentwicklung oder Aufwendungen für die Armen – all das listen diese Bücher auf. Das Material ist eine Fundgrube für verschiedenste Disziplinen. Es spiegeln sich Wirtschafts- und Finanzgeschichte, Kultur- und Sozialgeschichte.

Doch nicht nur der Inhalt, auch die Form der Bücher ist interessant. Zu Beginn wurde auf Pergament geschrieben, erst sehr spät auf Papier. "Pergament ist haltbarer als Papier, die Einträge bleiben viel länger lesbar. Das wusste man damals schon." Mit der Stadt und den Aufgaben der Kommune wuchsen Format und Umfang der Bände. "Auch die innere Gestaltung änderte sich. Im 14. Jahrhundert wurden einfache Spalten geführt." Was da nicht mehr hineinpasste, wurde in Anmerkungen festgehalten. "Später werden die Bücher vorstrukturiert. Das Personal legt schon mal Rubriken an. Man rechnet mit wiederkehrenden Ausgaben."

Transkription und Technik

Selbst die Sprache ändert sich. "Bis um 1360 sind alle Einträge auf Latein, danach entwickelt sich das in Richtung Volkssprache." Wieder öffnet sich ein weites Feld für die Forschung: Wann etwa wurde aus dem "Bumaister" der "Baumeister"?

Alle dies Fragen können Rogge und sein Team nicht klären – zumindest nicht im Rahmen des DFG-Projekts. "Wir leisten hier Grundlagenforschung." Es geht darum, die Seiten der Baumeisterbücher für die Wissenschaft zu öffnen.

"Unsere Internet-Edition stellt drei Ansichten zur Verfügung: die digitalisierte Originalseite in hoch aufgelösten Bildern, die Transkription und die Editionsseite." Letztere bietet eine Auflösung aller Abkürzungen, Münzwerte werden standardisiert und Anmerkungen helfen weiter. Bei vielen Begriffen sind Links zu wissenschaftlichen Datenbanken eingebaut.

"Die Transkriptionsarbeit ist aufwendig, aber da kennen wir uns aus. Die technische Aufbereitung ist problematischer", sagt Rogge. Die Hardware und verschiedene Softwaretypen mussten aufeinander abgestimmt werden. Zudem musste Software für die Bedürfnisse der Forschung modifiziert werden. "Dafür sind Leute nötig, die sich sowohl in unserem Fach als auch in der Informatik auskennen."

Virtuelle Forschungsumgebung

Das Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften der Universität Trier lieferte diese Fachleute. "Mit Trier und mit der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur arbeiten wir eng zusammen." Schließlich geht es nicht nur darum, den Textkorpus der Baumeisterbücher als lineare Lektüre zur Verfügung zu stellen. Forscher sollen Suchbegriffe eingeben können und zu einer möglichst großen Bandbreite von Aspekten fündig werden.

"Das erste Ziel des Projekts war, die Baumeisterbücher zugänglich zu machen. Als Zweites aber wollten wir Erfahrungen sammeln: Welche Probleme tauchen bei so einer digitalen Edition auf? Wie lassen sich diese lösen?" Letztendlich geht es darum, wie Quellen in den Geisteswissenschaften künftig im digitalen Medium aufbereitet werden.

"Wir haben viele Archive traditioneller Art, die nicht per Internet zugänglich sind." Dem stellt Rogge die Vision von einer virtuellen Forschungsumgebung für die Geisteswissenschaften gegenüber. "Es ist nicht damit getan, ein paar Fotos ins Netz zu stellen. Wir müssen uns grundsätzlich fragen, wie wir historische Materialien aufbereiten, damit die Forschung neue Fragen stellen kann. Wir müssen uns auch fragen, welche Fachleute wir dafür in Zukunft brauchen. Diese Diskussion wird aktuell vielerorts geführt."

Die digitale Edition der Augsburger Baumeisterbücher ist auch ein Pilotprojekt: Rogge und sein Team loten aus, was möglich ist in Zukunft.