Sieben Formen des Vergessens

1. Juli 2015

Das Finale ihrer Vorlesungsreihe zur Konstruktion von Erinnerungshorizonten widmeten Aleida und Jan Assmann dem Vergessen. Zuvor hatten die Inhaber der 16. Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur viel vom Erinnern gesprochen. Am zehnten Abend wandte sich Aleida Assmann im größten Hörsaal der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) den sieben Formen des Vergessens zu.
 

"Nicht Erinnern, sondern Vergessen ist der Grundmodus menschlichen und gesellschaftlichen Seins", sagt Prof. Dr. Dr. h.c. Aleida Assmann. "Vergessen geschieht lautlos, unspektakulär und allüberall."

Erinnern und Vergessen unterscheiden sich grundsätzlich: Die Erinnerung ist eine Anstrengung, Vergessen der Normalfall. Assmann präsentiert einen alten Stich von einer bauchigen Flasche mit sehr engem Hals. "Memoria" nannte der Künstler das Gefäß, durch dessen Öffnung nur weniges ins Innere dringt. Das meiste gleitet ab, fällt daneben und geht verloren. An sich sei das nichts Schlechtes, sagt Assmann. Im Gegenteil: Vergessen ist notwendig, es kann heilsam sein.

An ihrem letzten Abend in Mainz stellten die Inhaber der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur 2015 das Vergessen in den Mittelpunkt. Prof. Dr. Dr. h.c. Aleida Assmann und Prof. Dr. Dr h.c. mult. Jan Assmann hatten in ihrer Vorlesungsreihe "Erinnern und Vergessen – Zur Konstruktion von Vergangenheitshorizonten" im Sommersemester bisher vor allem das Erinnern behandelt. Nun zählte Aleida Assmann die "sieben Formen des Vergessens" auf.

Vergessen als kulturelles Programm

Das automatische Vergessen ist ständig im Gange. "Es ist ein zentrales Element des kulturellen Programms westlicher Gesellschaften." Die Erfahrungen der älteren Generation werden entwertet und durch Neues ersetzt. Auch rein materiell findet dieses Ersetzen ständig statt. Mit der Beschleunigung der Warenproduktion landet Veraltetes schnell auf dem Müll. "Um Erinnern zu können, muss man vieles beiseite schaffen und entsorgen."

Das Verwahrensvergessen führt in die Archive verschiedenster Art. "Es gibt in jeder Kultur Sortierungs- und Orientierungsvorschläge, die es erlauben, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden." Das Unwichtige verbleibt in den Bibliotheken, im Internet, in Speichersystemen, die ihre Kapazität ständig vergrößern. Das menschliche Hirn konzentriert sich auf das Wichtige.

Zum selektiven Vergessen zitiert die Literaturwissenschaftlerin Friedrich Nietzsche: "Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach." Der Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass er in seinem Bewusstsein Grenzen aufbaut, hinter denen verschwindet, was er vergessen will und muss, um sein Ich zu stabilisieren.

Vergessen als Waffe

Dieser Mechanismus ist auch auf gesellschaftlicher Ebene am Werk: "Das nationale Gedächtnis wird von Stolz oder Erinnerung an eigenes Leid geprägt, während eigene Schuld nur selten Einlass findet." Das habe sich erst in jüngster Zeit geändert, als sich vor allem die westlichen Staaten ihrer historischen Schuld stellten.

Diese ersten drei Formen des Vergessens nennt Assmann neutral, sie sind an sich weder gut noch schlecht. Die folgenden beiden Formen dagegen sieht sie negativ, hier wirke "das Vergessen als Waffe".

Das strafende oder repressive Vergessen schlägt sich bereits in Zeugnissen aus dem alten Ägypten nieder. Herrschernamen wurden von Stelen und Monumenten gelöscht. "Symbolisch sollten sie ein zweites Mal sterben." Die Bücherverbrennung der Nazis 1933 verfolgte ein ähnliches Ziel. Allerdings macht die Literaturwissenschaftlerin hier ein Paradox aus: Die Auslöschung kippte um. Gerade die Bücher, die die Nazis verbrannten, erfreuten sich später eben wegen dieses Ereignisses einer höheren Aufmerksamkeit.

Vergessen als Stärkung

Das defensive oder komplizitäre Vergessen dient dem Schutz der Täter, ob es sich nun um Nazigrößen handelt, die neue Namen und Identitäten annehmen, oder um Stasispitzel, die sich nach dem Schreddern ihrer Akten sicher fühlen. Oft verbinde sich hier das symptomatische Schweigen der Opfer, die nicht in der Lage sind, über das Geschehene zu reden, mit dem defensiven Schweigen der Täter und dem komplizitären Schweigen der Gesellschaft.

Auf die negativen folgen die beiden positiven Formen des Vergessens: Das konstruktive Vergessen setzte nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland ein. "Es gab den Menschen erst einmal die Stärke für einen Neubeginn. Es war eine Tabula rasa im Bedürfnis zur Herstellung eines neuen Zustands." Dass in den darauf folgenden Jahrzehnten die Deutschen eben doch von der Erinnerung eingeholt wurden, ist Assmann wichtig. Aber das ist ein anderes Thema, dem sie sich zuvor bereits widmete.

An siebter Stelle steht das therapeutische Vergessen, das sich unter anderem in der Beichte oder in der Psychoanalyse Freuds manifestiert. Dinge werden erinnert, um sie aufzuarbeiten und um sie dann vergessen zu können. Gerade im Umgang mit traumatischer Vergangenheit ist diese siebte Form des Erinnerns wichtig.

Vergessen als Lebensmittel

Am Ende des Abends überlässt Assmann einem französischen Dichter das Wort: "Die Erinnerungen verschönern das Leben", schrieb Honoré de Balzac, "aber das Vergessen allein macht es erträglich."

Im Lauf des Sommersemesters haben die Assmanns bereits viel Lob für ihre Vorlesungsreihe um "Erinnern und Vergessen" erhalten. Das Echo war groß, Anfrage nach Mitschnitten der Vorträge häuften sich. "Sie haben in diesem Sommer einen Teil unseres akademischen Lebens ausgemacht", dankt Prof. Dr. Mechthild Dreyer, Vizepräsidentin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, den beiden Stiftungsprofessoren zum Abschied.

Jan Assmann relativiert lächelnd: "Das hängt auch zusammen mit dem großartigen Rahmen, in den Sie uns hier gehängt haben." Und Aleida Assmann dankt dem "verehrten, treuen, aktiven, lang aushaltendem Publikum" im größten Hörsaal auf dem Gutenberg-Campus.