Ein Professor der ersten Stunde

11. August 2015

Der Experimentalphysiker Gerhard Klages leistete Bahnbrechendes in der Mikrowellenphysik – und er prägte die ersten Jahre der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) mit. 1947, nur ein Jahr nach der Wiedereröffnung der Mainzer Universität, kam er ans hiesige Institut für Physik, um als Lehrender und Wissenschaftler Maßstäbe zu setzen. In diesem Jahr feiert Klages seinen 100. Geburtstag.
 

Prof. Dr. Gerhard Klages hat die Johannes Gutenberg-Universität Mainz kurz nach ihrer Wiedereröffnung im Jahr 1946 noch genau vor Augen. "Das war eine Flakkaserne, mehr nicht. An Apparaturen war gar nichts da, nichts, womit ich praktisch arbeiten konnte. Ich fuhr nach Göttingen, um wenigstens ein paar Geräte zu bekommen. Göttingen war damals schon das Eldorado für die Physik, dort waren viele einschlägige Firmen ansässig."

Klages reiste vom französisch besetzten Mainz in die amerikanische Zone. "Ich musste unbedingt ein Barometer haben." Er bekam es. "Ich habe es persönlich über die Zonengrenze gebracht." Einfach war das nicht, aber er schaffte es. Die Arbeit konnte beginnen.

Ehrenkolloquium zum 100. Geburtstag

Im kommenden Monat begeht Gerhard Klages, der am 11. September 1915 in Holzminden geboren wurde, seinen 100. Geburtstag. Kürzlich feierten die Johannes Gutenberg-Universität Mainz und das Max-Planck-Institut für Polymerforschung den Experimentalphysiker mit einem Ehrenkolloquium. Nun sitzt er in seinem Wohnzimmer und erzählt. Mit dabei ist auch seine Frau Ilse. Vor 63 Jahren haben sich die beiden kennengelernt – auf dem Gutenberg-Campus. "Ich arbeitete an seinem Institut", berichtet sie.

"Ich kann nicht mit Mainz beginnen. Ich muss früher anfangen, damit Sie verstehen", holt Gerhard Klages aus. "Am 3. März 1933 machte ich mein Abitur." Anfang des Jahres war Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden. Die Nationalsozialisten griffen nach der Macht. "Ich war gegen die Partei, aber das durfte man nicht so offen sagen. Man musste schauen, dass man irgendjemanden fand, der vernünftig war, der nicht in der Partei war."

Klages fand diese Menschen am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin-Dahlem. Hier traf er den Nobelpreisträger Max von Laue, der 1922 in Vertretung Albert Einsteins die Position des stellvertretenden Direktors übernommen hatte. Vor allem aber traf er den Physiker und Chemiker Peter Debye, den frisch ernannten Leiter des Instituts, der 1936 den Nobelpreis für Chemie erhalten sollte. "Debye war Holländer. Er hatte mit den Nazis nichts am Hut."

Von Krieg und Funkmesstechnik

In Berlin forschte Klages mit Geräten, die Mikrowellen herstellen konnten. Dieser Bereich sollte ihn weit über das Studium hinaus und bis nach Mainz begleiten. Er selbst bezeichnet sein Arbeitsgebiet, auf dem er Revolutionäres geleistet hat, als "Mikrowellenphysik".

Mit Kriegsausbruch wurde Klages' akademische Karriere unterbrochen. Auf seinem Weg durch die militärischen Institutionen landete er letztlich bei der Luftwaffe. "Die waren darauf gekommen, dass es doch recht gescheit sei, einen Physiker dabeizuhaben." Klages arbeitete auf dem jungen Feld des Ortungsverfahrens mit dem Radar. "Wir sprachen damals von Funkmesstechnik." Diese Disziplin war gefragt, denn die Luftschlacht um England stand bevor.

Nachdem die Angriffe auf England eingestellt worden waren, wurde es ruhiger für Klages. "Wir gammelten ziemlich herum." Ein Vorgesetzter meinte: "Sie könnten einen Antrag auf Studienurlaub stellen." Das war im Herbst 1941. Was er bei der Luftwaffe über Radarwellen gelernt hatte, nahm er mit in sein Studium zu den Mikrowellen.

Im Jahr 1942 folgte die Promotion und 1946 habilitierte sich Klages für das Fachgebiet der Experimentalphysik. Ein Jahr später kam er als Dozent an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz, an der er dann schließlich zum Professor ans Institut für Physik berufen wurde.

Aufräumen fürs Studium

Gerhard Klages erinnert sich an die ersten Studierenden. "Bedingung für einen Studienplatz war, dass sie bei den Aufräumarbeiten auf dem Campus halfen." – "Die Studenten damals waren fast alles Leute Mitte 20, die aus dem Krieg kamen", ergänzt Ilse Klages. "Viele hatten Familie. Sie hatten großes Interesse, ihr Studium rasch zu beenden. Sie studierten oft auf eine konkrete Anstellung hin."

Klages gründete eines der führenden Labore auf dem Gebiet der Dielektrischen Spektroskopie. Mit immer besseren Apparaturen konnte er immer kürzere Mikrowellen messen. In seiner Promotionszeit ging es noch um Zentimeter, daraus wurden in den 1960ern Millimeter und zuletzt ging es in den Submillimeterbereich.

Diese Forschung war ihm wichtig, doch Klages bekennt: "Wichtiger noch war mir die Lehre. Daran hing mein Herz." Schon zu Beginn seiner Zeit in Mainz führte er angehende Mediziner und Pharmazeuten in die Welt der Physik ein. "200, 300 Studenten saßen im Hörsaal. Sie kamen von überall her. Wir waren schließlich eine der ersten Universitäten, die nach dem Krieg öffneten."

Bis zu seiner Pensionierung 1980 hielt Klages diese Vorlesungen. "Man muss eine Nase haben für die Studenten, für das, was möglich ist. Ich wusste zum Beispiel: Wenn sie so ganz anspruchsvoll guckten, dann hatten sie nichts verstanden. Wir machten viele praktische Übungen. Natürlich ging es auch um Formeln, aber immer so, dass man sie greifen konnte."

Lehrer aus Leidenschaft

Das Verhältnis zu seinen Studierenden war eng und herzlich. Klages schrieb ihnen ein Lehrbuch, eine "Einführung in die Mikrowellenphysik", und führte "Das kurze Lehrbuch der Physik" von Herbert A. Stuart fort, das heute als "Stuart-Klages" ein Begriff ist.

In den 1960er-Jahren ging Klages außerdem für eine Gastprofessur nach Ägypten. Das war eine außergewöhnliche Ehre in einer Zeit, in der beileibe nicht jeder Professor einen Auslandsaufenthalt in seiner Vita verzeichnen konnte.

Beim Ehrenkolloquium zu seinem bevorstehenden 100. Geburtstag traf Klages in Mainz nun alte Bekannte, ehemalige Schülerinnen und Schüler wieder. "Es waren unheimlich viele da, das hat mich sehr gefreut", erzählt der erfolgreiche Forscher und beliebte Lehrer. Der Kontakt ist auch abseits des Campus zu vielen seiner Studierenden bestehen geblieben. "Wir bekommen heute noch viel Post zu Weihnachten", fügt Ilse Klages mit einem Lächeln hinzu, "einige kennen auch seinen Geburtstag."