Das wirkliche Ende des Krieges

15. August 2015

Mit der TV-Dokumentation "'Pacific War' – der Krieg geht weiter" betritt das ZDF Neuland. Erstmals beschäftigt sich eine Eigenproduktion des Senders mit einem Schauplatz des Zweiten Weltkriegs, der in Europa oft vergessen wird: dem pazifischen Raum und Japan. Takuma Melber hat das Filmteam bei seiner Arbeit beraten. Der ehemalige Student und Doktorand der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) bringt den Zuschauern dabei auch die japanische Sicht nahe, die im Westen nur selten Beachtung findet.
 

In Europa sind die Gedenkstunden und die Ansprachen zum Ende des Zweiten Weltkriegs gehalten. 70 Jahre ist es her: Am 8. Mai 1945 kapitulierte Deutschland. Dieses Datum hat sich tief eingeprägt in Europa.

Doch der Krieg war damals noch nicht zu Ende. Im Pazifik ging es weiter. Am 6. August 1945 warfen die Amerikaner die Atombombe auf Hiroshima, drei Tage später auf Nagasaki. Am 15. August dann verkündete Kaiser Hirohito in einer Radioansprache die Kapitulation Japans. Nun war es wirklich vorbei.

"Wenn wir in Deutschland vom Zweiten Weltkrieg reden, blenden wir den pazifischen Schauplatz meist komplett aus", sagt Takuma Melber. "Den Abwurf der ersten Atombombe sehen wir eher als Beginn des Kalten Krieges. In Japan aber ist das völlig anders." Da ist das Gedenken ans Kriegsende gerade in vollem Gange. Die Reden der Regierenden werden von den Nachbarn Japans mit Spannung erwartet. "In China oder Korea hofft man auf ein Schuldbekenntnis."

Japans Umgang mit der Geschichte

Doch ob es zu einer Entschuldigung kommt, scheint dem Historiker mehr als zweifelhaft. "Anders als in Deutschland gibt es in Japan keine starke Strömung zur Aufarbeitung der Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Das Thema ist politisch sehr aufgeladen."

Melber ist zum Interview ins Forum universitatis auf dem Gutenberg-Campus gekommen. Er will erzählen von seiner Forschung und seiner Tätigkeit für die TV-Dokumentation "'Pacific War' – der Krieg geht weiter". Der 32-Jährige streift viele Themen in knapp zwei Stunden und irgendwie hängt alles zusammen.

Während seines Studiums am Historischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz spezialisierte sich Melber auf die japanische Besatzungsgeschichte im Zweiten Weltkrieg. Ein Jahr forschte er an der renommierten Waseda Universität in Tokio und knüpfte dort wertvolle Verbindungen. Gerade hat er seine Dissertation unter dem Titel "Zwischen Kollaboration und Widerstand: Die japanische Besatzungspolitik in Malaya und Singapur, 1942-1945" eingereicht.

Das ZDF sah in dem 32-Jährigen den idealen wissenschaftlichen Berater für eine spezielle Produktion der Reihe "ZDF History". Zwei Monate wirkte Melber als wissenschaftlicher Berater mit. "Ich kontaktierte die Fachleute, die zu Wort kommen sollten, redigierte die Texte und suchte nach Fehlern." Melber selbst kommt im Film ebenfalls zu Wort. Die Zusammenarbeit war eng, sie hat ihm offensichtlich viel Spaß gemacht.

Interessiert das Thema überhaupt?

"Man war sich beim ZDF zuerst unsicher, ob dieses Thema die deutschen Zuschauer wirklich interessieren würde. Es ist die erste ZDF-Eigenproduktion dazu." Doch die Einschaltquoten konnten sich sehen lassen. Das Team um Filmemacher Jörg Müllner erntete viel Lob für seine Arbeit. "Ich habe auch an der Uni nur positive Rückmeldungen bekommen", freut sich der Doktorand.

In der Dokumentation wird die japanische Seite ausgeleuchtet wie selten zuvor. Das war Melber ein Anliegen. Sein Vater ist Deutscher, seine Mutter wurde in Japan geboren. "Sie hat mit uns Kindern immer Japanisch gesprochen. Aber zu Japan und zur japanischen Seite meiner Familie hatte ich wenig Bezug." Das sollte sich ändern.

Im Studium konzentrierte sich Melber bald auf den Zweiten Weltkrieg. "Mich interessierte zuerst vor allem die Besatzungspolitik Deutschlands in Osteuropa." Dann brachte ihn sein jetziger Doktorvater Sönke Neitzel, seinerzeit noch Professor am Historischen Seminar der JGU und heute Lehrstuhlinhaber für International History an der London School of Economics and Political Science, auf die Idee, die Kriegsereignisse in Südostasien unter die Lupe zu nehmen. Melber machte sich auf eine zweifache Entdeckungsreise: Er lernte das Japan von heute kennen und er forschte zu Japans Rolle im Zweiten Weltkrieg.

"'Pacific War' – der Krieg geht weiter" beginnt mit der Schlacht um die Insel Okinawa im April 1945. Zu diesem Zeitpunkt ist klar, dass Amerika materiell weit überlegen ist. Doch die japanische Seite ist davon überzeugt, dass der Gegner aus dem Westen dekadent und schwach ist. Militärhistoriker Neitzel sagt im Film: "Die Japaner verstehen die Amerikaner nicht. Damit war vom ersten Tag an der Krieg für sie verloren."

Ein Krieg voller Gräueltaten

Die amerikanischen Soldaten landen ungehindert im Süden der Insel. "Es ist amüsant zu sehen, wie verzweifelt eine amerikanische Armee eine nicht verteidigte Küste angreift", meint ein japanischer Beobachter. "Wie ein blinder Mann, der seinen Stock verloren hat." Erst als die Truppen nach Norden vordringen, stoßen sie auf massiven Widerstand.

Die Schlacht um Okinawa endet blutig – und mit einem Sieg der Amerikaner. Die Japaner haben mehr als 100.000 Tote zu beklagen, 75.000 US-Soldaten werden getötet oder verletzt. Die Dokumentation zeigt, wie fremd sich beide Seiten sind. Das amerikanische Militär, das sich in Europa sehr korrekt verhalten hat, begeht im Pazifik ungeheure Gräueltaten, und die Japaner stehen ihm in nichts nach.

Die ZDF-Dokumentation schlägt den Bogen von der japanischen Besetzung weiter Teile Südostasiens über den Angriff auf Pearl Harbor bis zum Abwurf der Atombomben und zur Kapitulation. Dabei geht es den Filmemachern nicht darum, Kanonen zu zählen, Waffensysteme vorzustellen oder Feldzüge zu skizzieren. "Wir wollten eher zeigen, wie beide Seiten ticken."

Ein großes Thema ist die Bereitschaft zur Selbstaufopferung auf Seiten der Japaner, die für Europäer so fremd wirkt. Selbst in hoffnungslosen Lagen ergeben sich die Japaner nur selten. Ganze Familien gehen in den Tod aus Angst vor den US-Soldaten und aus Angst, das Gesicht zu verlieren. Auch die Selbstmordeinsätze der Kamikaze-Piloten kommen zur Sprache. Und hier zeigt sich die Qualität des Films.

Vom 24-jährigen Kamikaze-Piloten

"Es ist nichts Freiwilliges, sondern ein gruppendynamischer Zwang", kommentiert Melber die Aufopferung der jungen Piloten. Er hat ein Originaldokument gefunden, einer der Flieger äußert sich: "Ich werde 24 Jahre alt und schon nähere ich mich meinem Ende." Unter all der Fremdheit, all dem Rassismus, tauchen plötzlich die Menschen auf, als Opfer und als Täter.

"Wir konnten viele Aspekte nur kurz anschneiden in den 45 Minuten Film", räumt Melber ein. Doch er ist zufrieden. "Wir hätten sicher auch einen 90-Minuten-Streifen für Historiker drehen können. Aber darum ging es nicht. Wir wollten ein Laienpublikum interessieren und informieren."

Welchen Weg Melber nach dieser Dokumentation und nach seiner Dissertation einschlägt, ist ungewiss. Noch schreibt er für den renommierten C. H. Beck Verlag an einem Buch über Pearl Harbor. "Vielleicht gehe ich danach in die Wirtschaft, vielleicht bleibe ich auch in der Forschung. Im Moment bin ich für vieles offen", meint er. Auch die Arbeit an einer weiteren TV-Dokumentation könnte er sich vorstellen. Schließlich gibt es zum Krieg im Pazifik noch eine Menge aufzuarbeiten und zu erzählen.