Rettung für das Wüstenschloss im Grünen

9. November 2015

Der Kalifenpalast Khirbat al-Minya ist ein wichtiges Zeugnis frühislamischer Kultur auf israelischem Boden. Seit seiner Freilegung durch deutsche Archäologen in den 1930er-Jahren verfiel die Anlage Stück für Stück. Nun hat PD Dr. Hans-Peter Kuhnen, Leitender Akademischer Direktor am Institut für Altertumswissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), einen ersten Schritt in die Wege geleitet, diesem Verfall Einhalt zu gebieten.
 

"Wüstenschloss im Grünen – das ist so ein Begriff, den wir auch gewählt haben, um Aufmerksamkeit zu erregen", erklärt PD Dr. Hans-Peter Kuhnen. "Fast alle Kalifenpaläste liegen am Rand der Arabischen Wüste. Dieser hier aber ist tatsächlich von Grün umgeben. Das passt so gar nicht zu den Vorstellungen, die wir von solch einer Anlage haben."

Die Ruinen von Khirbat al-Minya finden sich am Westufer des Sees Genezareth. "Sie sind ein bedeutendes archäologisches Zeugnis des Frühen Islam in Israel." Seit 2009 kommt Kuhnen hierher, forscht gemeinsam mit Studierenden und versucht, das öffentliche Interesse zu wecken für diesen Ort. Der Archäologe musste zuschauen, wie der Palast allmählich verfiel.

Erst in diesem Jahr, auch angestoßen durch das Jubiläum "50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel", konnte Kuhnen die Weichen stellen zur Rettung von Khirbat al-Minya. Über das Kulturerhalt-Programm des Auswärtigen Amtes erhält das Institut für Altertumswissenschaften 30.000 Euro, um Restaurierungen am Palast vorzunehmen. "Das ist ein wichtiger erster Schritt", sagt Kuhnen. Er lässt keinen Zweifel daran, dass weitere folgen müssen.

Eine Art Kaiserpfalz

Khirbat al-Minya wurde im frühen 8. Jahrhundert erbaut. Der Palastkomplex sollte eine ähnliche Funktion erfüllen wie die Kaiserpfalzen auf deutschem Boden. Der Herrscher reiste mit seinem Gefolge von Ort zu Ort, um seine Regierungsgeschäfte zu erledigen. Die Paläste waren die Fixpunkte auf seiner Route, sie wirkten zudem als wirtschaftliche und kulturelle Zentren.

"Die Pfalzen verfügten über eine eigene Kapelle, Khirbet al-Minya hat seine eigene Moschee", geht Kuhnen ins Detail. "Außerdem wurde der Palast wie die Pfalzen an einem Ort gebaut, an dem es bereits eine Niederlassung gab." Hochwertiges Baumaterial wurde verwendet. Der Sockel des Palasts bestand aus schwarzem Basalt, die Mauern aus weißem Kalkstein. "Die Führungsschicht damals war kulturell auf der Höhe ihrer Zeit." Das schlägt sich nieder im Palastkomplex.

Als Bauherren von Khirbat al-Minya kommen die Umayyaden-Kalifen Walid I. (705-715) oder Walid II. (743/744) in Frage. "Ihre Vorfahren standen noch als Verbündete im Militärdienst des byzantinischen Reichs. Nun übernahmen sie Elemente der römisch-byzantinischen Festungsarchitektur, um ihren Herrschaftsanspruch zu unterstreichen."

Der Grundriss von Khirbat al-Minya ist quadratisch, ganz wie der eines römischen Kastells. "Und wie die Kasematten eines Kastells aus dem 4. bis 7. Jahrhundert sind die Innenräume an die Außenmauer gebaut." Sie öffnen sich zum Innenhof hin. Eine mächtige Toranlage von 15 Metern Höhe dominierte die Ostfront. Sogar Eck- und Zwischentürme gab es. "Sie hatten allerdings nur Zierfunktion und dienten nebenher als Toiletten."

Erste Ausgrabungen

Insgesamt wies der Palast also Elemente einer Festungsanlage auf, aber nie sollte er die Funktion einer Festung erfüllen. Kuhnen deutet auf die Südostecke des Quadrats. Hier lag die Moschee. "Es ist eine Tür zu erkennen, durch die man direkt von außen in die Gebetsstätte gelangen konnte, wenn das Haupttor geschlossen war." Für eine Festung wäre das ein Unding. "Die Tür ist auch ein Beleg dafür, dass es eine islamische Siedlung außerhalb des Palasts gab, deren Gläubige so ohne Umwege die Moschee besuchen konnten."

Khirbat al-Minya steht für einen toleranten Islam. "Christlich-jüdische Elemente wurden nicht verdrängt, es war ein Miteinander." Khirbat al-Minya steht aber auch für ein Scheitern. Im Jahr 749 erschütterte ein Erdbeben die Region. Der im Bau befindliche Palast wurde schwer beschädigt. "Ein Riss zog sich durch den gesamten Ostflügel, also auch durch die Moschee und den Torbau. Die gesamte Front neigte sich um etwa 15 Grad Richtung See." Hinzu kamen politische Umwälzungen. Die Abbasiden lösten die Dynastie der Umayyaden ab. Die neuen Herrscher verlegten das Zentrum der Herrschaft vom nahen Damaskus ins ferne Bagdad. Der Palast am See wurde nie fertiggestellt.

Im Mittelalter errichteten Kreuzfahrer in der Ruine einen Siedeofen zur Verarbeitung von Zuckerrohr. Auch dieser Ofen ist heute noch als wichtiges Zeugnis aus einer entscheidenden Epoche des Heiligen Landes auszumachen. Doch der Raubbau am heimischen Holz führte dazu, dass die Zuckergewinnung nicht mehr wirtschaftlich war. Nach und nach versank der Palast. Er verschwand unter Sedimentschichten – bis er von 1932 bis 1939 wieder ausgegraben wurde, von deutschen Archäologen im Auftrag der Görres-Gesellschaft.

Mainzer Studierende forschen am Palast

"Heute stehen wir solchen Ausgrabungen ohne ein Konzept, was danach passieren soll, skeptisch gegenüber", sagt Kuhnen. Denn was ausgegraben wird, ist der Witterung ausgesetzt. "Im Grunde braucht man ein Schutzdach, um so eine Ruine zu erhalten." Doch ein Dach wurde nie errichtet. Die Grabungen stockten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs und wurden nur sporadisch wieder aufgenommen. Der Palast lag halb vergessen da und verfiel.

2009 kam Kuhnen erstmalig mit Studierenden der JGU nach Khirbat al-Minya. Nur ein rostiges Schild gab Auskunft, worum es sich bei der Ruine handelte. Die Deutschen erarbeiteten Hinweistafeln für den Palastkomplex. Doch die zuständige Behörde, die Israel Nature and Parks Authority, wollte keine Schilder anbringen, so lange das Gelände nicht gesichert war. Man befürchtete Vandalismus. "Also erstellten wir auf der Grundlage unserer Tafeln einen Führer für den Palast." Der ist immerhin im Buchhandel und an einigen Orten der Region zu haben.

Immer wieder kehrte Kuhnen mit Studierenden zurück, um Khirbat al-Minya zu erforschen, und er brütete über Projekten, den Palastkomplex zu erhalten, ihn womöglich zum Touristenmagneten zu machen. Der Archäologe zeigt umfangreiche Pläne einer schützenden Dachkonstruktion mit Aussichtsplattform und einigem mehr. "Das würde etwa 900.000 Euro kosten." Das Auswärtige Amt winkte ab angesichts der Höhe der Summe.

Eine erste Sanierung

Aber eine gewisse Verantwortung sah man schon. Für eine erste Sanierung der Toranlage bekommt Kuhnen 30.000 Euro aus dem Budget des Kulturerhalt-Programms. "Davon können wir nun einen Fachrestaurator und Konservierungsmaterial finanzieren." Die Israel Nature and Parks Authority engagiert sich ebenfalls, indem sie Arbeitskräfte stellt. "Überhaupt zeigte sich die israelische Seite sehr aufgeschlossen." Kuhnen war überrascht von dem großen Interesse daran, ausgerechnet ein Zeugnis frühislamischer Kultur im Heiligen Land zu erhalten.

Die Arbeiten am Tor stehen kurz vor dem Abschluss. Der Archäologe allerdings blickt bereits weiter in die Zukunft. "In der Gegend gibt es einen kleinen Kibbuz. Er stellt in seinem Museum ein römisches Boot aus und nennt es Jesus-Boot, obwohl es mit Jesus wohl nichts zu tun hat. Es kommen 100.000 Besucher jährlich." Außerdem liegt in der Nähe ein beliebter Strand und eine Straße führt vorbei, eine wichtige Verkehrsader in Richtung Norden. Sollte es da nicht möglich sein, den Palast aus seinem Dornröschenschlaf zu befreien?

Kuhnen jedenfalls tut einiges dafür. Er wird den Gang der Sanierungsarbeiten begutachten und auch Mainzer Studierende sollen wieder am Palast forschen. Khirbat al-Minya soll nicht wieder in Vergessenheit geraten.