Wegweiser durch das Labyrinth der Pillen

29. Oktober 2015

Chronisch Kranke müssen oft mehrere Tabletten am Tag einnehmen. Gerade für ältere Menschen ist es da schwer, die Übersicht zu behalten. Ein elektronischer Medikationsplan kann hier unterstützend helfen. Die Fäden für dieses Modellprojekt im Rahmen des bundesweiten Aktionsplans zur Verbesserung der Arzneimittelsicherheit laufen in der Apotheke der Universitätsmedizin Mainz zusammen.
 

Frau Michaela Mustermann ist 78 Jahre alt, leidet unter Bluthochdruck, die Blutfettwerte sind erhöht und die Schilddrüse funktioniert nicht mehr so richtig. Hinzu kommt eine Herzschwäche. Sie tut sich schwer mit all den Medikamenten, die sie nehmen soll: Wie viele Tabletten waren das noch mal morgens, wie viele abends? Außerdem glaubt Frau Mustermann, dass sie Nebenwirkungen spürt. Sie fragt sich, ob die Tabletten wirklich alle sinnvoll sind. Was würde passieren, wenn sie sie einfach wegließe? So schlimm wird das doch nicht sein.

Michaela Mustermann ist eine fiktive Person. Aber vielen Menschen geht es so wie ihr: In der Gruppe der über 65-Jährigen leiden rund 40 Prozent an ein oder zwei chronischen Erkrankungen. Oft nehmen sie vier oder mehr Arzneimittel ein – oder sie sollten es zumindest tun.

40 bis 50 Prozent falsche Medikamenteneinnahme

"Die Quote derjenigen, die ihre Medikamente wie vom Arzt verordnet nehmen, liegt zwischen 50 und 60 Prozent", sagt Prof. Dr. Irene Krämer. Die Direktorin der Apotheke der Universitätsmedizin Mainz nennt diese Zahl mit einer gewissen Gelassenheit. Die Statistik ist nicht neu. Krämer und ihr Team sind schon seit Jahren daran, die Akzeptanz für Medikationen und die Einnahmetreue der Patienten zu verbessern. "Compliance" nennt sich das im Fachjargon. Der Begriff lässt sich am besten mit "Einverständnis" oder "Fügsamkeit" übersetzen. Um diese Fügsamkeit steht es nicht gut.

"Wir müssen die Patienteninformation verbessern", sagt Krämer. "Das ist unser zentrales Anliegen. Je besser unsere Patienten ihre Arzneimittel kennen, desto zuverlässiger nehmen sie sie auch ein." Rheinland-Pfalz startete Anfang 2015 ein Modellprojekt, das genau in diese Richtung geht: In sechs Kliniken des Landes wird ein elektronischer Medikationsplan erprobt. "Die Fäden laufen bei uns in der Universitätsmedizin Mainz zusammen. Wir werten das Projekt wissenschaftlich aus."

Krämer und ihre Mitarbeiterin Dr. Claudia Mildner haben einen der Medikationspläne vor sich auf dem Tisch liegen. Fiktive Adressatin ist wieder Frau Mustermann. Hier ist alles, was ihr die Ärzte verordnet haben, in einer Tabelle aufgeführt. Die Angaben sind genau, zugleich aber knapp und übersichtlich.

600 Patienten im Test

Ein Medikament mit dem Wirkstoff Simvastatin ist verordnet. Dazu finden sich alle notwendigen Informationen auf dem Plan. In einer Spalte ist abzulesen, zu welcher Tageszeit das Medikament eingenommen werden soll. Und es ist auch genügend Platz für spezielle Hinweise und die Erläuterung, wogegen das Präparat überhaupt wirkt: "erhöhte Blutfettwerte".

Insgesamt 600 Patientinnen und Patienten werden am Ende des Modellprojekts einen solchen Plan bekommen haben. Die Angaben sind elektronisch gespeichert und werden bei Bedarf ausgedruckt. Über einen PIN-Code kann der Patient den gesicherten Datensatz freigeben, damit der Hausarzt oder die Stammapotheke das Datenblatt aktualisieren können.

Nicht nur der Kranke ist also immer über den genauen Stand seiner Medikation informiert. Bei rund 40 Prozent der Probanden machen der Hausarzt oder eine Apotheke mit. Das mag zwar erst einmal für Mehraufwand sorgen, doch es ist eine Investition in die Zukunft. Denn für das Jahr 2016 schreibt das E-Health-Gesetz des Bundes vor, dass jeder Krankenversicherte, der drei oder mehr Medikamente dauerhaft einnimmt, Anspruch auf einen Medikationsplan in Papierform hat, 2018 kann er sogar einen elektronisch abrufbaren Plan fordern.

Mehr als ein Blatt Papier

"Es reicht aber nicht, den Leuten einfach ein Blatt Papier in die Hand zu drücken", meint Krämer. Sie und ihr Team haben lange daran gearbeitet, dass der Medikationsplan für jeden verständlich ist. Das ging bis in kleinste Detail. So enthielt eine frühere Version beispielsweise mit "Mo." und "Mi." überschriebene Spalten. Damit war "morgens" und "mittags" gemeint. "Aber unsere Patienten hätten das auch als Kürzel für 'Montag' und 'Mittwoch' lesen können." Also steht in der aktuellen Version nun ausdrücklich "morgens" und "mittags". "Wir haben auch schon darüber diskutiert, ob tatsächlich der Wirkstoff in der ersten Spalte stehen soll oder ob wir nicht erst das konkrete Medikament nennen, das der Patient in Händen hält."

Um jeden Begriff wurde gerungen: Weiß ein Patient tatsächlich, was mit Bedarfsmedikation gemeint ist? Und welche Angaben gehören noch auf den Plan? Allergische Reaktionen auf bestimmte Antibiotika zum Beispiel. "Wir haben uns überlegt, ob wir angeben, wenn ein Medikament durch ein Generikum ersetzt werden kann", ergänzt Mildner, "oder wann das auf keinen Fall geschehen darf."

Der Blick ist dabei immer auf die Patienten gerichtet. Sie werden im Laufe des sechs Monate dauernden Projekts regelmäßig befragt. Die genaue Auswertung dieser Befragung steht noch aus, aber fest steht: Die Compliance wächst. "Wir haben uns schon überlegt und entschlossen, den Medikationsplan auch nach dem sechsmonatigen Testprojekt weiter zu führen, wenn das von den Patienten gewünscht wird", erzählt Krämer.

587.000 Euro zahlen sich aus

Das laufende Modellprojekt kostet 587.000 Euro. Den größten Anteil zahlt das Land und auch die Universitätsmedizin Mainz beteiligt sich mit immerhin 237.000 Euro. Auszahlen wird sich diese Investition, da sind sich nicht nur Krämer und Mildner sicher. Denn fünf Prozent aller Klinikeinweisungen gehen auf falsch oder nicht eingenommene Medikamente zurück.

"Außerdem haben wir immer mehr ältere Patienten", so Mildner. "Gerade für sie ist solch ein einfach verständlicher Plan wichtig." Doch jeder, der mehrere Medikamente gleichzeitig nehmen muss, könne profitieren – und das in mehrfacher Hinsicht. "Mit dem Plan ist es uns zum Beispiel auch möglich, genauer auf die Wechselwirkungen verschiedener Medikamente zu achten."

Am Ende steht weiter diese erstaunliche Zahl im Raum: Nur 50 bis 60 Prozent aller Patientinnen und Patienten nehmen tatsächlich die Arzneimittel ein, die ihnen verordnet sind. Das soll sich mit dem elektronischen Medikationsplan ändern. "80 Prozent Compliance sind unser Ziel", sagt Krämer. "Das wäre gut. 100 Prozent zu erreichen, ist utopisch."