Kleiner Verlag mit großem Programm

27. Oktober 2015

Angelika Schulz-Parthu hat mit ihrem Leinpfad Verlag einen eigenen, sehr erfolgreichen Weg eingeschlagen. Kochbücher, Stadtführer, Regionalkrimis und vieles mehr findet sich in ihrem breiten Programm. Die Welt der Literatur entdeckte sie in den 1970er-Jahren an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Das Germanistikstudium ist ihr immer noch präsent, viel hat sie daraus mitgenommen.
 

"Natürlich können wir über mein Studium reden", freute sich Angelika Schulz-Parthu schon am Telefon. " Da gibt es eine Menge zu erzählen."

Nun sitzt sie in den Räumen ihres Ingelheimer Verlags. Die Decke ist niedrig, in den Regalen drängen sich die Ordner, hölzerne Schubfächer enthalten die Bücher, die sie herausgebracht hat. Gut, alle werden es nicht sein, schließlich sind seit 1997 mehr als 250 Titel erschienen. Aber eine reiche Auswahl ist hier schon zu finden. Längst gilt der Leinpfad Verlag als bekannte und geschätzte Adresse für Regionalia aller Couleur. Das Kochbuch "Rheinhessische Tapas" beispielsweise war und ist ein großer Erfolg, Regionalkrimis des Winzers Andreas Wagner gehen ebenfalls gut und das "Rheinhessische Mundart-Lexikon" ist ein Dauerbrenner. Doch darum soll es später gehen.

"Mein Studium war in jeder Hinsicht eine Befreiung", erinnert sich die Verlegerin. Nach dem Abitur hatte sie zuerst in einer Apotheke gearbeitet. Ein zweijähriges Praktikum war nötig, um danach ein Vorexamen zu absolvieren, das zum Pharmaziestudium berechtigte. Um dieses Studium ging es Schulz-Parthu allerdings weniger. Ihr war wichtig, dass sie nach dem Vorexamen Wochenend- und Nachtdienste in der Apotheke übernehmen durfte – eine lohnende Einkommensquelle. Diese Quelle würde nötig sein, dachte Schulz-Parthu, denn studieren wollte sie auf jeden Fall, auch wenn ihre Eltern das kaum würden finanzieren können. Also stand sie zwei Jahre lang von Montagfrüh bis Samstagmittag vor Medikamentenschubladen.

Vom Himmel auf Erden

"Als ich an die Uni kam, dachte ich: Das ist der Himmel auf Erden. Ich konnte endlich die Dinge machen, die mich wirklich interessierten, und ich konnte mir selbst einteilen, wann ich was tun würde." Schulz-Parthu hatte sich für ein Germanistikstudium entschieden und besuchte bald Vorlesungen bei einem jungen Professor, der gerade erst an die JGU berufen worden war: Erwin Rotermund kam 1973 nach Mainz. Zu seinen Spezialgebieten gehörten die Exilliteratur und die Literatur der inneren Emigration in den Zeiten des Naziregimes.

"Wir haben unheimlich viel gelernt bei ihm. Er behandelte Literatur auch als Ausdruck der Gesellschaft und der Geschichte. Das kam mir sehr entgegen, denn werkimmanente Interpretationen lagen mir nicht." Genaue Analysen forderte allerdings auch Rotermund. Unter anderem ging es um die verdeckte Schreibweise der inneren Emigration. Dieses Detail hebt Schulz-Parthu besonders hervor. "Die Autoren mussten erscheinen können, wollten zugleich aber einen kritischen Inhalt transportieren, ähnlich wie später in der DDR. Diese verdeckte Kritik herauszuarbeiten, war eine echte Herausforderung. Das genaue Hinschauen, die Entdeckung, was dahintersteckt, das hatte schon etwas Rauschhaftes."

Die Herausforderung musste Schulz-Parthu gut bestanden haben, denn recht bald wurde sie wissenschaftliche Hilfskraft bei Rotermund. "Als Hiwi war es auch meine Aufgabe, bei seinen Vorlesungen die Tafelmitschrift zu erledigen." Damals war die Distanz zu den Professoren allgemein groß. "Außerdem kam ich recht befangen an die Uni. Ich war erstaunt über jedes private Gespräch."

Schulz-Parthu leitete Tutorien für US-amerikanische Studierende, die an Rotermunds Lehrveranstaltungen teilnahmen. Es gab damals bereits den Austausch mit dem Middlebury College in Vermont in den USA. Die Kommilitonen aus Übersee waren interessiert, aber in der deutschen Sprache noch nicht so bewandert, dass sie den Ausführungen des Professors ohne Nachhilfe hätten folgen können.

Von Tutorien und einem Scheitern

"In den Semesterferien lehrte ich zusätzlich Deutsch als Fremdsprache. Das war die Zeit, als Helmut Schmidt Kanzler war und die Rede vom 'hässlichen Deutschen' aufkam, der seine wirtschaftliche Macht anderen gegenüber durchsetzt und sich nicht darum kümmert, ob das gut aussieht." Sie schaute in ihrer Lehrveranstaltung, wie sich dieses Thema in Satire und Karikatur spiegelte. "Ich hatte Spaß in rauen Mengen, habe aber auch sehr viel gearbeitet. Begriffe wie Urlaub oder Feierabend scherten mich damals nicht. Die hatten etwas sehr Bürgerliches."

Schulz-Parthu stand schließlich irgendwann vor der Frage, ob sie sich an eine Doktorarbeit wagen würde. "Warum sollte ich nicht promovieren?, fragte ich mich. Ich bemühte mich erfolgreich um ein Promotionsdarlehen." Doch dann ging etwas schief. "Was ich heute als Verlegerin so gut kann – einfach ein Buch abschließen –, das konnte ich damals mit meiner eigenen Arbeit nicht." Sie brach ihr Promotionsstudium ab.

"Wenn man Erfolg hat, kann man mühelos von so einem Misserfolg sprechen. Aber damals belastete es mich schon sehr", erinnert sich Gutenberg-Alumna Schulz-Parthu. Sie bewarb sich dann im Frankfurter Städel und kam dort in der Verwaltung unter. "Wenn ich dort restlos glücklich geworden wäre, gäbe es den Leinpfad Verlag heute wohl nicht."

Den großen Schritt wagte Schulz-Parthu dann 1997 im Alter von 49 Jahren und betrat wieder Neuland. "Ich lieh mir etwas Geld bei der Bank und machte meine ersten Bücher." Sie brachte die Expeditionsberichte des Ingelheimer Ornithologen Carlo von Erlanger heraus, flankiert von einer kleinen Biografie. "Als nach einer Rezension in der Frankfurter Rundschau Bestellungen von Buchhandlungen aus der ganzen Bundesrepublik kamen, fragte ich eine befreundete Buchhändlerin: Was mache ich denn jetzt? Wie viel Rabatt soll ich denen geben? Ich dachte an zehn Prozent. Sie meinte: Auf keinen Fall, viel zu wenig."

Vom eigenen Verlag

Dieses erste Projekt wurde letztlich noch kein Erfolg. Die Auflage war zu hoch, das Leserinteresse zu gering. Die Verlegerin schaute in der Folge genauer hin, was gut gehen könnte: Sie kam auf regionale Kochbücher, auf Reiseführer. Im Haus am Ingelheimer Leinpfad 5, in dessen Keller sich heute die Verlagsräume befinden, ist Schulz-Parthu aufgewachsen, hier bringt sie bis heute die Region groß raus.

Das Niveau des Verlags ist mittlerweile hoch. Wenn sich Schulz-Parthus Bücher von denen der Großverlage unterscheiden, dann positiv. Die "Rheinhessischen Tapas" kommen bunt und prächtig daher. Hier verbindet sich Bodenständiges wie Fleischwurst und Spundekäs mit Oliven oder Schafskäse. Der Trend ist bei den Winzern angekommen. Schulz-Parthu hat mittlerweile eine Reihe gestartet: "Rheingauer Tapas" und "Pfälzer Tapas" liegen inzwischen vor.

Einen ähnlichen Blick für den Erfolg hat sie bei Stadt- und Reiseführern bewiesen: Sie lädt ein, "Trier zu Fuß" zu entdecken und bietet mit dem "Weinkompass Rheinhessen" Orientierung in der Weinlandschaft der Region. Auch in der Sparte Regionalkrimi ist der Leinpfad Verlag stark vertreten. "Es muss allerdings schon etwas Besonderes sein."

Sie selbst schaut genau hin bei all ihren Büchern und gibt nur wenige Aufgaben aus dem Haus. "Ich lege zum Beispiel Wert auf ein gutes Lektorat. Das kostet viel, wenn ich es vergeben will, also mache ich es lieber selbst. Ich möchte ja sowieso gern einen letzten Blick auf das Buch werfen." Schulz-Parthu organisiert Lesereihen mit ihren Autorinnen und Autoren. Der Kontakt ist eng, die Verlegerin hilft auch über die Verlagsinteressen hinaus.

"Von einer 38,5-Stunden-Woche kann ich nur träumen", meint die Gutenberg-Alumna und klingt dabei sehr zufrieden. Immerhin findet sie die Zeit, Kontakt zu halten zu ihrem alten Germanistikprofessor Erwin Rotermund. "Er schickt mir regelmäßig seine Artikel aus Fachzeitschriften und ich besuche ihn", erzählt sie. "Nur dieses Jahr habe ich es noch nicht geschafft."